Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende Herrlichkeit getragen, er weiß nicht mehr, was er ist und was er tut. Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran, daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind für ihn verschwunden — er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.
Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh — er ist wie ein Unsinniger — nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends sehen lassen!“
Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm. „Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.
Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden, plaudert über alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß, wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht, geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen zu ziehen.
Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine Unwahrscheinlichkeit.
Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden — lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.
Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern zur Kaserne. —
Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat sich für ihn geändert — etwas Neues und Unsagbares ist in sein Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie — nicht ihre Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden, die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in weite, goldene Fernen — er dichtet und träumt — er leidet und jubelt — — aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist sowohl er wie sie völlig verwandelt.
Aber gleichgültig — er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man nicht missen möchte. — — — Doch das alte Kindervertrauen, die alte Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.
Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind zum Amüsieren da — zu weiter nichts!“