Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht doch besser gewesen, er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen gelernt! — —

Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort — man zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!

Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt Schützengräben aufwerfen — werden mehr und mehr zu Infanteriediensten herangezogen.

Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst alles, was man zu können braucht!

Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins Feld?“

Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man die Kavallerie fast gar nicht verwenden kann in diesem modernen Krieg. Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn, der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft, daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.

Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen, immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist, dann würde sie über ihn lachen — und der Gedanke, daß sie über ihn lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch quälend! Entsetzlich quälend!

Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll, und er weiß, daß er sich erleichtert fühlen würde, wenn er sich ihr offenbarte. Aber es geht — geht nicht. Er kann die erlösenden Worte nicht finden!

Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm; sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es auch sei, die in sein Leben tritt — er wird unter ihr leiden, denn seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.

Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend, gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird, nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen, sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?