Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung war ja jeder wie umgewandelt — hatte jeder von seinem eigentlichen Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen. Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat ihnen den großen, heiligen Glauben an sich selbst und die eigene Kraft dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das, was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.
Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht allein darunter.
Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten aus der Kaserne zu warten.
Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die, der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen, wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.
Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen — dann weiß sie genug!
Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem Rückweg weilt sie dann an einer verborgenen Stelle, von der aus sie die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen — sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt! Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große, Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden hat — sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.
Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr — in ihr ist ein alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder eingezogen.
Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.
Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet, und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann sie keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel, zu trostlos in ihrer Seele.
Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf. Nein, nichts — gar nichts — nur Ruhe — nur Stille — nur Dunkelheit. Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der große Aufruhr in die Welt kam.