Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen — — er wird ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind, zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser Zeit — — so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen war — — —. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat, und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. — Der Inhalt dieses Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten, schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut floß — viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen — keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man lebt für das Land, in dem man geboren ward, für das Land, das man jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in der Zeit des langen Friedens liebt.
Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig — die Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt — was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? — — —
Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen kommandiert worden.
Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich kommen muß.
Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst vor sich.
Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt zum Wachtmeister: „Wachtmeister, lassen Sie mal die fünfzig Besten vortreten — aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt haben!“
Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden, und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil nicht kriegstauglich.
Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden sind, an.
„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist also Eile nötig!“