Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen — —“
Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein Bremsen mehr.
„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein vertragen.“
Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang.
„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben: ‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“
„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“
Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen Gästen die Gartenpforte auf.
Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der Mond ein wenig hereinscheint.“
Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft leuchtete es auf die beiden Frauen nieder.