Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken gleich wieder im praktischen Leben.
„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett. Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute Nacht‘ sagen.“
Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ.
‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden.
Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so loszulegen. Den brauchst du in der nächsten Zeit nicht mehr mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du willst!“
Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein.
„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat war, solche Dinge auszusprechen — das muß ich dir sagen, daß auch mir schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will nicht daran glauben, aber sollte es so kommen — dann, Maria, heißt es für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken. Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann jeder! Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur Hand.“
Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor und hing ihr das kleine Amulett um.
„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“
Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann: „Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast — —“, schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr die Decke über die Schultern und ging hinaus.