Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen, der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören, nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen noch findet. Es waren zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen — dunkle, träumerische Augen, so wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie hatte.

Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken kehrten zur Gegenwart zurück.

Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen; dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf.

Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen — ihr Blut wird in Strömen fließen!‘

Entsetzlich, entsetzlich!

Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen.

Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder kamen traurige, quälende Erinnerungen.

Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen schmerzten, der Puls raste — das Herz schlug zum Zerspringen.

„Jungchen — mein Jungchen!“ und sie dachte an das Kind, an den zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte — der so froh, so selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu stolz, davon zu schreiben.

Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug gewesen war!