Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt hatte — und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich ging.

Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen Metzeleien von Frauen und Kindern.

War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ?

Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor!

Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den anderen — ein Gedanke raste über den nächsten hinweg.

„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. — — — Die nahm sie, aber ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen — — die Bilderhaken rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend jemand in der Wohnung schrie auf. Das war die Großmutter, und einen Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild.

„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“ sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so ein großes Bild allein aufhing?“

Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr.

„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie. „Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja? Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus.

„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“