„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens sicher zurück!“
„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater redete auf sie ein.
„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit, mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren.
„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet niemand auf dich.“
„Großvater, — es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“
„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem großen Blick, in dem Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter doch recht!“
„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige, alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte.
„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen würde, abhinge.
Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte, sie sah ins Leere — sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt. Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren, daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen, was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen — und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden — der ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte, und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache Frage, die keine Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen, komm!“
Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden, Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war aufgelöst — alles zerrissen — jedes Herz verwundet — unzählige Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen! Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren, herzzerreißenden Gestalt zu sehen.