Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“
Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich.
„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel fallen ließ und dann unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt hatte, nicht mehr wegnehmen konnte.
„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz zusammen.
„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen. Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht man es wieder genau so. Scheußlich!“
Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb düster.
„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“
„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr wogte, nach und beschleunigte die Schritte.
Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem Westen,“ hörten sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute überhaupt nicht befördert.“
„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr. Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich.