Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag ins Zimmer. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir, Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise und ging zur Großmutter hin.
Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren; erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum Tee rufen lassen.
Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand freiwillig auf Brunnenwache, denn irgend jemand im Orte hatte erzählt, daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du mit“, und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die übernommene Pflicht.
Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“
Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden.
„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an ihn gedacht hat.“
„Ich habe auch schon für ihn gesammelt!“ sagte Maria, nicht ohne leisen Trotz in der Stimme.
Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber, lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt? Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt, ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte. Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott in Zwietracht geraten muß!“
„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte.
„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das bestätigte die Großmutter sehr kräftig, fast herausfordernd; denn es war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz: Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie ich es für gut hielt.“