So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet, weil er schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu brechen versteht.
Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste Saiteninstrument. Alles bewegt ihn — beängstigt ihn — bringt ihn aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu übersehen — irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand zu reichen — gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig — ich bin ausgestoßen; es hat gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last sein!‘
Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘ einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes — ein Philosoph — ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz Außergewöhnliches aus ihm werden!‘
Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘ und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender Männer, die in ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre Kameraden.
Wie dem auch sei, das Jungchen — Ernst ward er genannt — war wirklich etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles, unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben. Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium durchzulassen, mochte ihn auch quälen.
‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht.
Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann war wirklich alles verloren — dann würde sie selbst nicht wissen, was sie aus ihm machen sollte.
Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“
Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück.
„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir doch alles zwecklos erscheinen!“