Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm geschickt hat. Es geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.

Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.

Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen. Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.

Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf kommt für mich gar nicht in Betracht.‘

Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund werden!

Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete. Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere gesiegt.

Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter Laune zu sein.

Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll vortreten!“

Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam, etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.

„Mutter!“