Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr um den Hals — ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu nach allen Seiten um sich.

Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter um den Hals gefallen ist?

Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst — ihr kleiner Ernst — ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum. Ein leiser Schmerz ist in ihr.

Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl gehabt: ‚Das arme Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.

Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft zwischen ihr und ihm auftun will.

Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt er zaghaft.

Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest, Ernst!“

Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist, Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“

„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“

„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung gedacht hat.