Fig. 5. Ein Mädchen aus Semang (Malacca).
»Ich bin ein alter Mann; ich höre nicht mehr gut; ich konnte ihn also nicht auscultiren; überhaupt war ich niemals in der modernen Untersuchungsmethode der Lungen bewandert; ich musste mir meine Diagnose auf anderen Erscheinungen aufbauen; diesmal griff ich zu meiner elektrischen Nadel und constatirte, dass der obere Lappen der linken Lunge angegriffen war. Die Vergrösserung der Leber, des Herzens und der Milz constatire ich leichter als die grössten Professoren in Europa. Die Veränderungen der Muskeln und Nerven, wie sie besonders in der Beri-Beri auffallend zu Tage treten, werden durch meine Nadeln so leicht nachgewiesen, dass ich selbst die leichtesten Formen und die ersten Anfänge dieser Krankheit diagnosticiren kann; und Sie, Herr College!« Ohne meine Antwort abzuwarten, führte er mich zu allen seinen Apparaten, welche vor 18 Jahren thatsächlich die modernsten genannt werden mussten. Nebstdem war ein Tisch mit zahlreichen medicinischen Wochenschriften in der deutschen, holländischen und französischen Sprache bedeckt, und sein Bücherschrank[17] zeigte eine grosse Auswahl der diesbezüglichen Werke. Hierauf führte er mich in die Veranda, wo sich ein Apparat zur Bestimmung der elektrischen Spannung in der Luft befand; der Galvanometer befand sich in einer graduirten Röhre und bestand aus einer kleinen Scheibe von der Grösse einer 10 Cent-Münze und ruhte auf einer feinen stählernen Feder. »Sehen Sie,« rief mir Dr. Schmidt zu, »das ist mein Haustyrann. Steht die Scheibe auf 1, dann ist die elektrische Spannung in der Luft gering; dann ziehe ich seidene Unterwäsche an und esse schwere Kost, z. B. die »Rysttafel«; bei einem Stande von 2 nehme ich wollene Leibwäsche und esse gemischte Kost, und bei dem höchsten Stande der elektrischen Spannung (No. 3) nehme ich nur Fleischspeisen. Dieser Apparat ist ein strenger Tyrann; denn er schreibt mir auch vor, was und wieviel ich trinken darf, wann ich zu Fuss oder zu Pferd spazieren oder ob ich mich von meinem Elephanten in einem Wagen ziehen lassen solle. Die geringste Uebertretung seiner Befehle wird sofort bestraft. Eine Erkältung der Lungen, eine Diarrhoe, ja selbst ein Fieberanfall sind die Strafen, mit welchen er jede Ausserachtlassung seiner Befehle ahndet. Selbst meine Bedienten und alle Eingeborenen meiner Umgebung unterwerfen sich seinen Anordnungen. Die weissen Nachbarn und alle Europäer in Telók Betóng lachen natürlich über meine elektrischen Schrullen, wie sie es nennen, und schwören auf die Fahne der Bacteriologie; wir hatten selbst einen Beamten in der Nähe, der nur gekochtes Wasser trank, seine Kinder, seine Teller und seine Fussböden mit gekochtem Wasser reinigte, und selbst die Pisang, die Mangga und die Durian in gekochtem Wasser abwaschen liess, bevor sie seine Kinder in die Hände nehmen mochten; die Folgen blieben aber nicht aus; die ganze Familie sieht wie Leichen aus; schauen sie jedoch mich, meine Diener und selbst alle Eingeborenen an, welche zu jeder Zeit die jeweilige Spannung der Elektricität berücksichtigen und — kein einziger ist krank, kein einziger leidet jemals an Fieber, Beri-Beri, indischem Spruw oder Dysenterie.«
Seine Mittheilungen waren von so zahlreichen Angaben über Ampères, Watts und Widerstandsgrössen begleitet, eine so grosse Reihe von Gelehrten auf dem Gebiete der Elektrophysiologie wurde dabei erwähnt, dass ich sie weder mir merken noch bei meiner Ankunft in Telók Betóng in meinem Tagebuche aufnehmen konnte. Viele Einwände gegen seine Theorien konnte ich nicht machen. Einerseits beherrschte ich dieses Thema kaum oberflächlich, weil mein diesbezügliches Wissen aus meiner Studienzeit schon lange als Ballast über Bord geworfen war, und zweitens erwartete Dr. Schmidt offenbar keine Widerlegung; seine Mittheilungen stürmten ja wie ein Bergstrom auf mich ein und liessen mich gar nicht zu Worte kommen; offenbar hatte er das Bedürfniss, dieses Thema nach allen Seiten zu besprechen, obwohl ich durch kein einziges Wort ein Verständniss dafür verrieth.
Eben wollte ich von ihm eine Aufklärung über die Construction seines mir unbekannten Elektrometers erbitten, als der alte Elephant eine heftige Unruhe zeigte, die Pferde im Stalle laut wieherten, aus dem nahen Urwalde klagende Laute des Schweinsaffen (Cercopithecus nemestrinus), des Siamangs (Hylobates syndactylus) und das Brüllen eines Tigers zu unseren Ohren drangen, Hunde, Gänse, Hühner, Ziegen und Schweine unruhig um das Haus liefen und der kleine Elephant selbst sich auf die Treppe der Veranda flüchtete. Unwillkürlich oder instinctmässig warfen wir einen Blick auf den Galvanometer; sein Schwimmer flog mit ungeheurer Geschwindigkeit auf und ab. »Wir bekommen Erdbeben,« rief Dr. Schmidt und zog seine Uhr heraus. Nach ungefähr 1 Minute fühlten wir das Haus schwanken, und gleichzeitig erscholl neben uns das Klingeln einer elektrischen Glocke. Ein Seismometer d. h. ein Erdbebenmesser war mit Drähten mit einem elektrischen Glockenapparate verbunden, welcher sich ebenfalls in seinem Arbeitszimmer befand. Wir eilten dahin, um die Richtung des Erdbebens und seine Intensität aufzunehmen. Auf einer kleinen gemauerten Säule stand der Apparat. An einem feinen Seidendraht hing ein kleines metallenes Kügelchen, welches bei unserer Ankunft wie ein Pendel hin und her schwankte; hin und wieder traf es einen der 16 Stifte, welche sich am Rande der Scheibe befanden; in demselben Augenblicke war der Contact mit der elektrischen Glocke hergestellt und das Läuten begann. Die 16 Stifte lagen in der Richtung der Striche einer 16 theiligen Windrose; da das Kügelchen des Pendels stets 2 Stifte traf, welche SWS und NON entsprachen, so constatirten wir dadurch, dass das Erdbeben in der Richtung von Java über Sumatra seinen Weg genommen hatte. Zwischen dem ersten Auftreten der elektrischen Erscheinungen und dem ersten Signal des Seismometers war 1 Minute verstrichen; dieses deutete auf eine kleine Entfernung der Ursprungsquelle des Erdbebens. Dr. Schmidt dachte an einen feuerspeienden Berg in der Sundastrasse, obzwar, wie ihm (und mir) bekannt war, schon seit dem Jahre 1680 keine vulcanische Eruption in dieser Strasse stattgefunden hatte; ich für meine Person enthielt mich jeder Ansicht, weil mir die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbeben nicht bekannt war und ich noch weniger wusste, wie die verschiedenen Medien, Wasser, alluvialer Boden und tertiäre Schichten diesbezüglich sich verhalten. Das Erdbeben hatte nur einige Secunden gedauert; im Ganzen hatte ich nur zwei Stösse verspürt, und das Pendel des Seismometers kam bald zur Ruhe.
Mein Begleiter hatte sich unterdessen mit dem kleinen Elephanten unterhalten und den Garten besichtigt, welcher das Haus umgab. Während Dr. Schmidt in’s Haus ging, um die Zeit, Richtung und Intensität des Erdbebens zu notiren, machten mich meine Freunde auf den eigenthümlichen Stil des Hauses und der Nebengebäude aufmerksam und verurtheilten alles, was sie sahen, weil es nicht den herrschenden Anschauungen entsprach. Ich konnte mich nur theilweise diesem strengen Urtheile anschliessen und behielt mir vor, mein Endurtheil auszusprechen, bis ich von Dr. Schmidt Aufklärungen über alles und jedes erhalten hätte. Leider geschah, was ich befürchtete. Dr. Schmidt motivirte sein ganzes Thun und Lassen mit dem wechselnden Widerstand der Stoffe gegen die Erd- und Luft-Elektricität, und wiederum ergoss sich ein Strom von Ziffern und Namen über mich. Da viele seiner Erklärungen einen wissenschaftlichen Kern hatten, d. h. den allgemein giltigen Anschauungen der Hygiene entsprachen, so mögen sie hier ihren Platz finden, ohne dass ich natürlich seine Motivirung heute noch mittheilen könnte oder wollte. Zunächst trugen alle seine Bedienten, wie er selbst, rauchgraue Brillen und Sandalen. Jene sollten sie nur im Freien gebrauchen und zwar wenn es nicht regnete. Jedermann ist es bekannt, wie während der trockenen Zeit (bei einer Temperatur von ungefähr 37–40 ° C.) die heisse Luft in solche Schwingungen versetzt wird, dass man sie selbst sehen kann. Die Brechung des Lichtes ist eine ungeheuere und reizt geradezu das Auge (die Retina). Der Gebrauch einer solchen Brille ist also gewiss anzuempfehlen, wenn sie nicht gleichfalls für schwaches Licht z. B. im Hause oder im schattenreichen Garten gebraucht wird. Ich selbst hatte stets eine solche bei mir, wenn ich in der Mittagsstunde zu meinen Patienten fahren musste.
Was die Sandalen betrifft, darüber sind die Acten noch nicht geschlossen. Der Eingeborene geht am bequemsten blossfüssig; selbst als Soldat oder als Kuli, welcher 30–40 Kilo 20–30 Paal (= 30–45 km) weit tragen muss, wird er gewöhnlich ohne Schuhe oder ohne Sandalen marschiren; gewöhnlich sind die Landstrassen, die Wege der Stadt und des Dorfes ungepflastert und bestehen aus einer Lehm- oder Humusschicht, welche mit Sand oder kleinem Gerölle gemischt ist. Thatsächlich ist das Gehen ohne jede Bedeckung der Sohlen in Indien geradezu ein Genuss. Wer daran zweifelt, möge z. B. um 12 Uhr bei einer europäischen Schule stehen; die Jugend stürmt natürlich wie überall lebenslustig aus dem Schulhause; sobald der Lehrer oder die Lehrerin aus dem Gesichtskreise verschwunden ist, werden von allen Kindern Schuhe und Strümpfe ausgezogen, und blossfüssig eilen sie nach Hause oder balgen sich auf der Wiese. Selbst erwachsene Männer und Frauen werden hin und wieder im Hause oder im Garten vergessen die Pantoffeln zu gebrauchen. Die Haut der Fusssohlen wird durch das Gehen ohne Schuhe so derb, dass sie durch stumpfe Steinchen oder durch die rauhe Oberfläche des Pflasters nicht verletzt wird; Glasscherben, Nägel oder spitze Steine verletzen natürlich den Fuss des Eingeborenen ebenso gut als die Sohle des »Orang baru«, welcher seit seiner ersten Jugend niemals blossfüssig gegangen ist. Die Haut des Eingeborenen wird aber nicht nur derber, sondern verwandelt sich oft auch in eine Schwiele; ich sah sehr oft bei Recruten eine Form derselben, deren Entstehungsweise mir noch heute dunkel ist. Der ganze Ballen und die ganze Ferse war mit einer Schwiele bedeckt, welche durch zahlreiche kleine, bis stecknadelkopfgrosse Grübchen das Aussehen eines Siebes erhielt; der Recrut hatte keine Schmerzen und wurde dadurch nicht im Geringsten im Marschiren beeinflusst. Das Reglement für die Assentirung spricht nur von »unheilbarer Schwielenbildung in solchem Grade, dass dadurch das Marschiren erschwert wird«, und in § 322 von malum perforans pedis = durchbohrende Fussgeschwüre, als Ursachen, um einen Recruten zurückzuweisen; aber dennoch nahm ich solche Recruten nicht an, weil sie einmal angenommen und im Besitze des Handgeldes sich wegen dieses Uebels sehr leicht krank melden können. Relativ ungünstiger ist eine partielle Schwielenbildung der Sohle; in der Regel entstehen durch begrenzte Schwielen in der Umgebung Risse oder Rhagaden in der Haut, welche schmerzhaft sind und selbst das Gehen auf der hölzernen Flur erschweren. Auch dieses Uebel beobachtete ich häufig bei den eingeborenen Soldaten, und s. Z. ersuchte die Regierung in Europa (!?) die ärztliche Facultät um das Gutachten, ob auch diesen Soldaten Schuhe verabfolgt werden sollten. Auf Grund des Gutachtens, welches vom Generalstabsarzte i. P. Dr. van Gelder abgegeben wurde, blieb es beim Alten, d. h. die eingeborenen[18] Soldaten erhalten keine Schuhe, es sei denn, dass ein militärärztliches Zeugniss das Tragen von Schuhen (mit Strümpfen) zur Heilung von krankhaften Zuständen der Fusssohle für den betreffenden Patienten nothwendig erkläre.
Ob nun Dr. Schmidt mit Recht oder mit Unrecht seine Diener veranlasste, Sandalen zu tragen, muss ich unerörtert lassen, weil ich zu untersuchen vergass, ob sie Rhagaden oder Geschwüre an der Fusssohle hatten. Natürlich sind Sandalen in den Tropen weniger unangenehm als Schuhe, veranlassen keine Schweissfüsse, missformen nicht die Gestalt der Füsse[19] und sind auch billiger. Noch muss ich mittheilen, dass einige angesehene Malaien im Bade hölzerne Sandalen gebrauchen. Das sind hölzerne Sohlen mit grossen Hacken und haben in der Nähe der Spitze einen Knauf, welcher zwischen der ersten und zweiten Zehe getragen wird.
Bekanntlich umgeben die indischen Feinde ihre kleinen Forts mit eigenthümlichen Chicanen. Das Terrain ist mit Gras oder Gesträuch bedeckt, und dazwischen befinden sich hölzerne Nägel, welche 10–20 cm aus dem Boden hervorragen. Sie sind scharf zugespitzt und durchbohren manchmal selbst eine dicke Schuhsohle. Noch öfter ist in dem Gesträuche Stachelbambus (Bambu duri) verborgen, welcher nur die blossen Füsse bedroht, während die mit Schuhen bekleideten Soldaten ungefährdet darüber schreiten können. Ich muss annehmen, dass Generalstabsarzt Dr. van Gelder auch mit diesem Factor rechnete, als er sein Gutachten abgab, dass die eingeborenen Soldaten kein (?!) Bedürfniss für Schuhe haben sollten! —