Eine Interpellation über die eigenthümliche Bauart seines Hauses schien Dr. Schmidt erwartet zu haben, denn sofort brachte er ein Bündel Zeitschriften, Broschüren und eigene Aufsätze herbei, um seine Behauptungen von dem bedeutenden Unterschiede im elektrischen Widerstande zu unterstützen, welche die einzelnen Baustoffe zeigen sollten.
Das Gebäude, in welchem wir uns bis jetzt befanden, war nur sein Arbeitszimmer und war entsprechend seinen elektrischen Untersuchungen frei von Eisen und anderen metallenen Ornamenten u. s. w. Es bestand beinahe ganz aus Bambus. Selbst die Flur der Veranda und des grossen Saales (von 4×7 m) bestand aus gespaltenem Bambus und war mit Matten bedeckt, welche aus gespaltenem Rottang geflochten waren. Meine Frage, ob durch dieses Material sein Laboratorium nicht leide, beantwortete er mit der Gegenfrage: ob ich für seine Arbeiten ein besseres Arbeitszimmer construiren könnte. Durch die Spalten und Lücken der Matten bestehe ein ewiger Luftstrom, so dass nicht nur jeder Unterschied in der elektrischen Spannung der Luft, sondern auch in der Temperatur derselben entfalle. Dadurch sei es allerdings zur Mittagszeit im Laboratorium ebenso warm als in der Veranda; er sei aber ein alter Mann, dem die hohe Temperatur kein unangenehmes Gefühl verursache, und er bleibe von jenen Fehlern in der Beobachtung der elektrischen Spannung verschont, welche alle Berechnungen zeigen, wenn sie mit diesem Factor nicht rechnen. Wenn bei herrschender Windstille die Luft im Zimmer stagnire, lasse er die »Punka« von einem Kuli in Bewegung setzen, welche über seinem Schreibtisch sich befinde, und zwar nur eine halbe Stunde, während er sich gleichzeitig in der Veranda aufhalte. Dieser Luftstrom werde mit Recht »Zugluft« genannt; sie verursache ihm geradezu Reissen im Kopfe, das dann noch einige Stunden anhalte. Der Rheumatismus der Muskeln und Gelenke entstehe auch nur durch die verschiedene elektrische Spannung in den einzelnen Luftschichten, und wenn in Europa einmal diese Wahrheit in die grosse Menge der gelehrten Aerzte Eingang gefunden haben werde, könnte ein günstiger Erfolg in der Prophylaxe und in der Behandlung des Rheumatismus nicht ausbleiben. Natürlich leidet nicht Jedermann durch die Unterschiede der elektrischen Spannung in den verschiedenen Luftschichten; denn, um nur ein Beispiel anzuführen, der 20jährige Jüngling habe einen viel grösseren Widerstandscoefficienten in den Muskeln und Säften des Körpers als der 80jährige Greis, und darum werde ein junger Mann die Luftbewegung oder den Zug, welcher durch die Punka veranlasst wird, sogar angenehm finden. Dies ist die Ursache, welche mich veranlassen würde, eine Punka für jedes Privathaus, jede Caserne, jede Kirche, ja selbst für gewisse Säle in Spitälern anzuempfehlen, d. h. wenn sie ebenfalls aus Bambus gebaut sind. Steinerne Gebäude bedürfen dessen nicht; wenn diese so gebaut sind, dass die Feuchtigkeit des Bodens nicht in die Mauern zieht, wenn für hinreichende Ventilation gesorgt ist, können um 11 Uhr Fenster und Thüren geschlossen werden. Die durch die diversen Oeffnungen einströmende warme Luft ist leichter als die im Hause befindliche kühle Luft, und steigt in die Höhe. Natürlich muss sich in einem solchen steinernen Gebäude eine hinreichend grosse Dachventilation befinden, so dass dieser warme Luftstrom, welcher gleichzeitig die Verunreinigungen, durch die Ausathmungen und Ausdünstungen der Menschen und Thiere bedingt, mit sich führt, unbehindert hinausströmen kann. Andererseits muss das Hineinströmen des Regens unmöglich gemacht werden, wofür die Ingenieure zahlreiche Vorrichtungen kennen.
Nach diesen weitläufigen Erörterungen auf dem Gebiete der Hygiene und der elektrischen Untersuchungsmethoden fasste mich Dr. Schmidt bei dem Arme und führte mich nach der Rückseite des Laboratoriums. Dort zeigte er mir die Wohnungen seiner Bedienten, den Stall mit seinem grossen Elephanten, einen Käfig für alle Sorten Affen der Insel Sumatra und sein Vogelhaus. Ich sah grosse und kleine Exemplare des Kees (Cercopithecus kynomolgus), des Schweinsaffen (Inuus nemestrinus), des Siamang (Hylobates syndactylus) und des Orang-Utan (Pythecus satyrus); es befanden sich darunter hübsche Exemplare von dem grauen Wau Wau (Hylobates leuciscus), von dem Gibbon mit weissen Händen (H. Lar) und von dem H. variegatus, und er besass paarweise 6 Sorten von Simpeis (= Semnopithecus) und zwar den S. obscurus, den S. albocinereus, den S. ferrugineus, den S. femoralis, den S. pruinorus und den S. Thomasi. In dem Vogelhause befanden sich zahlreiche Sorten Hühner, 2 Sorten Enten, Gänse, Fasanen (Euplocamus sumatrensis), Pelicane, Marabus, Perlhühner und 4 Sorten Tauben. Auch 2 Pfauen schritten stolz in dem für sie durch ein Drahtgehege abgeschlossenen Raume auf und ab. Neben dieser Volière stand ein grosser Käfig mit einem kleinen Königstiger und in einem kleinen Käfig befand sich eine Zibethkatze (Viverra tangalunga). Nur kurze Zeit hielt ich mich bei dieser kleinen Menagerie auf und äusserte mein Bedauern, meine Begleiter nicht länger auf mich warten lassen zu dürfen. Lächelnd wies er mit erhobenem Arm nach einem Haine, welcher sich hinter der Menagerie befand, und rief aus: »Die Herren sind wohl versorgt und aufgehoben. Sie können ganz beruhigt sein, Herr Doctor! Hinter diesem kleinen Walde, welcher mir das reinste und beste Trinkwasser liefert, steht meine Burg, und Ihre Begleiter sitzen schon seit einer halben Stunde bei einem Gläschen Bitter und trinken dazu ein Glas frisches, kühles, krystallhelles Wasser, welches ich den Lianen entnehme, die sich von Baum zu Baum dieses kleinen Waldes schlingen. In meiner Burg befindet sich zwar ein Ziehbrunnen; sein Wasser entspricht aber kaum den bescheidensten Anforderungen an ein gutes Trinkwasser, auch wenn es durch einen Filtrirstein[20] aus Grissée gegangen ist. Die Natur in den Tropen sammelt in ihrem Reichthum diesen kostbaren Schatz, das chemisch reine Wasser in den Lianen in so grosser Menge, dass ich in diesem kleinen künstlich angelegten Urwalde täglich mein Verlangen nach diesem köstlichen Nass für mich und meine Angehörigen in jeder Hinsicht befriedigen kann. Nebstdem besitze ich, wie Sie sofort sehen werden, eine kleine Maschine, welche die Temperatur des Wassers auf 10 ° C. herabsetzen kann, und auf diese Weise bleibe ich von allen Krankheiten verschont, welche ein unreines und ungesundes Trinkwasser in der Regel entstehen lässt.«
Fig. 6. Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn in Deli.
In dem Haine befand sich ein Pfad von ungefähr ½ Paal Länge, den wir darauf betraten, und nach einigen Krümmungen sah ich im Hintergrunde ein kleines Plateau mit einer Burg, welche von einem Wassergraben umgeben war; ein sumatranischer Hund[21] (Canis sumatranis) begleitete uns, der, wie die Gladakker auf Java, nur halbgezähmt war; eine Wachtel (Turnix pugnax) flog von Baum zu Baum, ohne dass wir den in Europa bekannten Schlag hörten, und am Ende des Pfades befand sich ein Wassergraben, welcher mehr als 5 Meter breit war. Die »Burg« war ein grosses hölzernes Gebäude mit starken Palissaden umgeben; an den vier Ecken befanden sich 10 Meter hohe Thürme, welche je eine Kanone trugen. Uns gegenüber befand sich ein grosses Thor, das, wie ich später hörte, auf elektrischem Wege sich öffnete, sobald ein Knopf auf dem letzten Baume des Pfades gedrückt wurde, und gleichzeitig senkte sich eine Zugbrücke über den Wassergraben. Das Innere der Burg entsprach im Ganzen und Grossen einem malaiischen Kampong, und die einzelnen Häuser hatten den Baustyl der »Padang’sche Oberländer« ([Fig. 2]). In der Veranda des ersten Hauses sassen meine Begleiter und unter ihnen ein 14jähriges schönes europäisches Mädchen und ein Fräulein, welches mir als die Gouvernante der Nichte des Dr. Schmidt vorgestellt wurde. Sie war eine Engländerin, welche beim Nennen meines Namens mit einem Aufschrei zusammenstürzte. Es gelang uns beiden, sie bald wieder zur Besinnung zu bringen, und als das nervöse Schluchzen und Weinen nachgelassen hatte, theilte sie uns die Ursache dieses unerwarteten Anfalles mit. In London hatte sie als die Tochter eines angesehenen Kaufmanns eine glückliche Jugend verlebt und in ihrem 23. Jahre sich mit einem Herrn Breitenstein verlobt, welcher am Tage ihrer Hochzeit wegen Betrugs, Diebstahls und Bigamie verhaftet wurde. Um diese Schmach zu vergessen und der Schande zu entfliehen, welche dieser Scandal auf den Namen ihrer unbescholtenen und ehrenwerthen Eltern geworfen hatte, war sie aus der Heimath geflüchtet und hatte in dieser Einöde Sumatras den heissgeliebten Mann zu vergessen gesucht. Schon Wochen und Monate lang hatte sich ihr Geist mit diesem Namen nicht mehr beschäftigt, und so geschah es, dass beim Nennen meines Namens die traurige Vergangenheit mit ungeschwächter Kraft in ihrem Geiste auftauchte und sie zu erdrücken drohte. Es gelang mir bald, den ungünstigen Eindruck, welchen mein Name veranlasst hatte, zu verscheuchen und in einem gemüthlichen Gespräche die englische Dame wieder ihre Vergangenheit vergessen zu lassen. Dabei zeigte »die Nichte« des Hausherrn eine solche Vielseitigkeit des Wissens, dass wir unserer Verwunderung Worte leihen mussten. Sie sprach die deutsche, holländische, französische und englische Sprache ebenso geläufig als die malaiische und lampongsche Sprache, las den Virgil und die Iliade im Urtexte und widmete sich unter Leitung ihres »Onkels« dem Studium der höhern Mathematik und Geometrie. Ein lebhaftes Interesse gewann ich für dieses junge Geschöpf, welches sich fern von allen Genüssen der modernen Civilisation dem Studium solcher abstracten Wissenschaften widmete, obwohl sie kaum den Kinderjahren entwachsen war, und bat meinen alten Collegen, mir etwas mehr über den Bildungsgang dieses »Wunderkindes« und auch über die etwaige erbliche Disposition ihres Geistes mitzutheilen. Leider berührte ich offenbar damit einen wunden Punkt in seinem Leben. Ohne zu antworten, stand er auf, murmelte die Worte: »Also auch neugierig« und entfernte sich. Einige Minuten später erschien sein Bedienter mit dem Leitje, auf welchem Dr. Schmidt mir mittheilte, dass er wegen heftiger Kopfschmerzen sich zu Bett hätte legen müssen und dass er mir und meinen Reisegenossen eine »gute Reise« wünsche.
Wir verliessen also »die Burg« und kehrten auf demselben Wege, den wir gekommen waren, zur Hauptstrasse zurück, um unsere Reise nach Tanjong Karang zu Pferd fortzusetzen.
Den 7. September 1882 wurde wieder meine Transferirung beschlossen, um mich im grossen Militärspitale zu Batavia zu dem Examen vorbereiten zu lassen, welches mir das Avancement zum Regimentsarzt ermöglichen sollte. Ein paar Tage später erschien diese Transferirung in den Zeitungen, und mein Freund, der österreichische Consul O. Mayer, verständigte mich sofort davon telegraphisch.