Damals ging der Telegraph durch die Sundastrasse nach Telók Betóng und von dort bis nach Padang auf der Westküste der Insel Sumatra; die nördliche Provinz Atjeh und die bedeutenden Plantagen auf der Ostküste Sumatras bedienten sich im Bedarfsfalle des englischen Kabels, welches von der Insel Pénang via Singapore nach Batavia ging. Der Postdirector zu Telók Betóng hat mir die Schwierigkeiten geschildert, welche mit dem Legen des Telegraphen durch den Urwald Sumatras verbunden waren, so dass ich es begreiflich fand, dass der Telegraph damals nicht auch nach dem Osten der Insel gezogen wurde. Einerseits hätten zahlreiche »unabhängige Länder« durchzogen werden müssen, und anderseits die Arbeiten im Urwalde und besonders die etwaigen unvermeidlichen Reparaturen in den »unabhängigen Ländern« und in den Urwäldern so einen Aufwand von Geld, Menschenleben und Zeit gekostet, dass die Regierung davor zurückschrecken musste. Selbst die Arbeiten in den unterworfenen Ländern und in den gelichteten Urwäldern gingen nur langsam von statten durch die Angriffe der — Elephanten. Diese Thiere benützten nämlich die eisernen Telegraphenstangen zum Hautkratzen, wenn es sie juckte. Es wurden soviel Telegraphenstangen von ihnen umgeworfen, dass man die Isolatoren zuletzt auf lebenden Bäumen anbringen musste. Ob sich die diesbezüglichen Verhältnisse heute schon gebessert haben, ist mir nicht bekannt.
Als ich mit dem Dampfer vom 15. October officiell von meiner Transferirung verständigt wurde, musste ich die Frage beantworten, ob ich von der gesetzlichen Begünstigung Gebrauch machen wolle, einen Monat einem Militärspital zur Dienstleistung zugetheilt zu werden, um ein hinreichendes Material zur Uebung und Vorbereitung zum Examen benützen zu können. Es geschah nämlich damals nur zu oft, dass junge Militärärzte direct von der Schule und sofort nach dem letzten Rigorosum nach Indien gingen und nach kurzem Dienste in irgend einem grossen Spitale nach den Aussenbesitzungen geschickt wurden und zwar in kleinere Forts von 50 bis 100 Mann. Wenn sie einige Jahre hindurch täglich oft nicht mehr als 2 bis 3 Patienten zu behandeln hatten, kamen sie aus der Uebung der üblichen Untersuchungsmethode wegen Mangels an passendem Material, und wenn sie dann nach 6 bis 8 Jahren mangelhafter Praxis zum Examen zugelassen worden wären, hätte ein Misserfolg unmöglich ausbleiben können. Diese Verhältnisse veranlassten mich auch, im II. Bande, Seite 52, das Bedauern auszudrücken, dass diese Examina abgeschafft wurden; sie waren und würden es heute noch sein, ein Sporn oder ein moralischer Zwang, das auf der Schule erworbene theoretische medicinische Wissen in der Praxis zu pflegen und weiter auszubilden. Ich weiss es, dass seit der letzten Organisation der medicinischen Studien in Holland wirklich gut unterrichtete und ausgebildete Mediciner in die Praxis eintreten; aber ich weiss es auch aus eigener Erfahrung, dass die Schulweisheit sehr bald über Bord geworfen wird, wenn die Praxis nicht das Material, den Sporn zur Fortsetzung der Studien giebt. Wenn man z. B. Monate oder Jahre lang keinen Fall von Lungenkrankheiten zur Behandlung bekommt, dann verliert man auch die Sicherheit in der Untersuchung der Lunge durch Percussion und Auscultation, und in der medicinischen Wissenschaft gilt in erster Reihe das Sprichwort: »Stillstehen heisst Zurückgehen«. Ja noch mehr. Wenn die jungen Aerzte in den Colonien von Zeit zu Zeit in die grossen Spitäler zur Dienstleistung eingetheilt werden, dann unterhalten sie nicht nur ihr auf der Schule erworbenes theoretisches Wissen, sondern werden auch ärztlich so vielseitig gebildet — als es ihre Collegen in Europa gewiss nicht sind. Der Colonial-Arzt ist ja durch die herrschenden Verhältnisse gezwungen, sich in allen Zweigen des ärztlichen Wissens zu bethätigen, und jene Einseitigkeit, welche oft die europäischen Specialisten zeigen, ist eben in den Colonien nicht denkbar. Wie oft wird in Europa von den bedeutendsten Männern der medicinischen Wissenschaft geklagt, dass durch die Specialisten das einheitliche Ziel der Therapie, den kranken Menschen und nicht irgend eine Krankheit zu behandeln, ausser Acht gelassen wird? Ich darf und kann auch nicht den Specialisten die raison d’être ableugnen; aber für die Colonien sind in allen Fächern praktisch ausgebildete Aerzte in erster Reihe eine Nothwendigkeit und dieses ist nur zu erreichen, wenn dafür gesorgt wird, dass die jungen Aerzte so viel, als eben möglich ist, in grossen Spitälern ihre Arbeit erhalten, und kleineren Garnisonen, welche auch keine grössere Civilpraxis bieten, der Arzt nicht länger als höchstens ein Jahr zugetheilt bleibe.
Ich hatte in Telók Betóng nur ein kleines Material während der 5 Monate, welche ich in dieser Garnison zugebracht habe. Ausser zwei Entbindungen, bei welchen ich assistirte, hatte ich keine anderen Fälle, als einige unbedeutende Malaria-, Darm- und venerische Krankheiten während dieser 5 Monate in Behandlung gehabt, und darum zögerte ich keinen Augenblick, von oben erwähnter Begünstigung Gebrauch zu machen, und bat den Sanitätschef, mich einen Monat lang in einem grossen Spital zu meinem Examen vorbereiten zu dürfen.
Ich kann nicht umhin, das originelle Honorar für meine gynäkologische Hilfe zu erwähnen, welches mir eine der erwähnten Damen damals bezahlte. Es war eine junge Dame, welche ihr erstes Kind bekam. Als der kleine Weltbürger durch einen Schrei seinen Eintritt in diese schöne Welt verkündete, fühlte ich einen Kuss auf der Stirne. Der Mann der jungen Frau stand zur andern Seite des Bettes; ich frug also die junge Frau, ob sie sich mit dem Kusse nicht in der Adresse geirrt habe? »Nein,« erwiderte sie und drückte mir warm die Hand, während sie ihren Mann zärtlich anblickte; »dieser Kuss der Dankbarkeit galt sicher Ihnen, denn Sie haben mich rasch und sicher von den schweren Geburtsnöthen befreit.« Leider wurde diese dankbare Seele ein Jahr später von der Cholera dahingerafft.
Einer andern Dame, welche ich damals in Behandlung hatte, möchte ich gerne an dieser Stelle ein Denkmal der Dankbarkeit setzen. Es ist die Frau des damaligen Residenten Altheer. Sie ist eine Dame von seltener Herzensgüte, welche nur ein Ziel, nur eine Lebensaufgabe kannte — Gutes zu thun, und wirklich schnöden Undank erntete. Ich meine nicht die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten, mit welchen sie mich, den ledigen Mann, in meiner Hauswirthschaft überhäufte. Keine Torte wurde in ihrer Küche bereitet, ohne dass auch mir ein Stück gesandt wurde; die ersten Ananas, Rambutan, Mangistan, Manggafrüchte ihres grossen Gartens kamen nicht nur auf ihren Tisch, sondern wurden auch mir gesandt. Als ich meine Haushälterin verabschiedete, weil sie nicht nur ihrem Liebhaber auf meine Kosten volle Verpflegung gab, sondern mir auch meine Cigarren durch ihren Liebhaber zum zweiten Male zum Kaufe anbieten liess, war es wiederum diese brave Dame, welche mir so lange täglich eine ganze »Rysttafel« schickte, bis ich wieder meine eigene Menage führen konnte. Von mir hat allerdings Frau Altheer keinen Undank erfahren; ich bewahre noch heute eine dankbare Erinnerung an die zahlreichen Beweise ihres guten Herzens. Als aber ein Jahr später beim Ausbruch des Krakatau die wüthende See ihre haushohen Wellen über die Stadt Telók Betóng stürzte, flüchteten alle Bewohner hinauf auf den Hügel, auf welchem das Haus des Residenten und das Fort standen. Europäer, Chinesen und Eingeborene fanden ein Asyl bei dem Residenten, und die Herzensgüte seiner Frau feierte Orgien von Wohlthun und Hülfeleistung. Schwere Rauch- und Aschenwolken hingen über dem Hügel, aus denen beinahe ununterbrochen feuerglühende Blitze die dichte unheilschwangere Luft durchzuckten. Zwei lange Tage war ihr Haus von klagenden und weinenden Kindern und Frauen der Europäer und einigen Chinesen bewohnt, während in den Gärten und in allen Nebengebäuden die Eingeborenen ihr lautes Gebet um Erbarmen zum Himmel sandten. Wie ein schützender Engel eilte sie von Zimmer zu Zimmer, vom Garten in’s Haus, vom Haus in den Stall und brachte den hungrigen Männern, Frauen und Kindern Essen und Trinken aus ihrer Vorrathskammer, ohne zu bedenken, dass sie selbst morgen nichts mehr zu essen haben würde. Als die Wuth der schäumenden, brausenden und stürmenden See gebrochen war, als der Krakatau in seinem Ergusse der brennenden Feuermasse sich erschöpft hatte und die lebenspendende Sonne ihre hellen Strahlen wieder über Telók Betóng ausbreitete, fassten diese Unglücklichen wieder neue Lebenslust und stiegen hinab in die Stadt, um nach ihrem Vorrath an Reis und Mehl, Hühnern, Kühen und Ziegen zu suchen; alles war verschwunden; die wüthenden Elemente hatten die Stadt rasirt; alles war verschwunden in dem unersättlichen Abgrund des grossen Meeres. Weinend und klagend kehrten sie zurück in ihr Asyl, und der gute Engel des Hauses fand für jeden ein tröstendes Wort, einen Teller Reis oder ein paar Erdäpfel oder ein Stück Fleisch aus Conserven, und das letzte Huhn wurde geschlachtet, um einer jungen Wöchnerin eine kräftige Suppe geben zu können. Den dritten Tag gelang es einem Dampfer, trotz der ungeheueren Masse von schwimmender Lava und Schlamm, von 20 bis 40 Meter!! Tiefe, von Batavia aus dem schwer heimgesuchten Telók Betóng Hülfe zu bringen. Der Resident Altheer nahm die mitgebrachten Lebensmittel in Empfang und vertheilte sie unter die Aermsten der Armen gratis. Die vermögenden Chinesen und Europäer liess er jedoch den gewöhnlichen Marktpreis bezahlen, um den Erlös wiederum dem kleinen Mann, dem armen Bauer, dem kleinen Beamten zukommen zu lassen. Dies gefiel jedoch keineswegs dem langzöpfigen Mongolen; er wollte auch für sein Leiden eine Entschädigung haben, und als ein zweiter Dampfer, welcher ebenfalls Lebensmittel angebracht hatte, nach Batavia zurückkehrte, gingen zwei Chinesen mit, um bei der Regierung ihre Klage über den Resident Altheer und seine Frau einzureichen, dass diese beiden die unglücklichen, armen, ihres Vermögens beraubten Chinesen zwangen, des Hungertodes zu sterben, weil sie die Lebensmittel nicht bezahlen konnten. Von Augenzeugen wurde mitgetheilt, dass einer dieser armen?? Chinesen am Schiffe eine Tausend-Gulden-Banknote wechseln liess. Auf diese Anklage ging ein Sturm der Entrüstung durch die Zeitungen und eine Commission, wozu der Adjutant des Gouverneur-General, Leutnant zur See X., gehörte, ging nach Telók Betóng und hörte von den dortigen Chinesen dieselben Klagen. Der Resident Altheer — wurde pensionirt. Keiner der europäischen Zeugen hatte nämlich gesehen, dass irgend ein Chinese Geld besessen haben sollte!! Ehre diesem Mann und seiner Frau!
Ende September kam mein Nachfolger[22] an, und da ich vorher davon telegraphisch verständigt worden war, konnte ich rechtzeitig alle Maassregeln nehmen, um sofort nach seiner Ankunft Auction halten zu können und von der Gastfreundschaft Gebrauch machen, welche der militärische Commandant mir anbot. Die Hoffnungen, welche ich auf meinen Nachfolger baute, eine »gute Auction« halten zu können, wurden nur theilweise erfüllt. Er brachte sich nämlich die grossen Möbel, als Tisch und Kasten, mit und sah davon ab, meine Equipage und Pferde zu erstehen, weil Telók Betóng zu klein sei, um sich diesen Luxus zu gestatten. Für die Pferde fand sich ein Käufer; aber der Wagen blieb unverkauft. Meine Equipage war in gutem Zustande; der Transport nach Batavia hätte aber 40 fl. gekostet; ich konnte mit einer gewissen Sicherheit wissen, dass ich nach meinem Examen nicht in Batavia bleiben würde, weil die dortigen Regimentsärzte sich einer gewissen Stabilität erfreuten; sie waren nämlich an der »Doctor-Djawa Schule«[23] als Docenten angestellt, und es war aus pädagogischen Ursachen ein häufiger Wechsel derselben nicht erwünscht. Doch der Resident half mir aus meiner Verlegenheit: Er legte mir nahe, meine Equipage zu verloosen. Zu diesem Zwecke sollte ich an ihn ein diesbezügliches Gesuch einreichen und 6 pCt. der Totalsumme als Verloosungsgebühr erlegen. So geschah es auch, und eine Stunde vor Ankunft des Dampfers aus Padang geschah im Club die Verloosung; ein Chinese erstand meinen Wagen.
Fig. 7. Ein Engpass im Gebiete des Battaker.
Nur fünf Monate war ich in dieser kleinen Garnisonstadt, und mit Vergnügen erinnere ich mich noch heute an die gemüthlichen und geselligen Stunden, die ich dort verbracht habe. Der militärische Commandant und seine Frau, der Resident und seine Frau und die meisten übrigen Familien hatten »indisches Blut« in sich, und doch waren sie Ehrenmänner, tüchtige Männer, brave Männer, und ihre Frauen waren liebenswürdige, herzensgute und schöne Damen.