Die »Lampongsche Distrikten« war die erste Residentie Sumatras,[24] welche ich aus Autopsie kennen gelernt habe; aus naheliegenden Gründen will ich in meinen weiteren Mittheilungen die chronologische Reihe verlassen und mich mehr an die Topographie der Insel halten.

An diese Provinz grenzt im Norden die »Residentie Palembang«, welche durch ihre neuen Goldbergwerke in der Gegenwart viel die holländischen Capitalisten beschäftigt.

3. Capitel.

Provinz Palembang — Fauna von Sumatra — Ein Orang-Utan-Riese — Farbenpracht der Fische — Gold auf Sumatra — Urbewohner des Landes — Die Hauptstadt Palembang — Schwimmende Häuser.

Die Provinz Palembang kann geologisch und klimatologisch als ein Paradigma des Tropenlebens angesehen werden; während ihre östliche Küste reines angespültes Land ist, das zur Zeit der Fluth mit Salzwasser bedeckt ist, so dass dieser Bezirk Banju assin = Salzwasser genannt wird, sind seine Grenzen im Westen die Berge des Barisangebirges mit italienischem Klima. Hier der Sumpf mit seinen fieberbringenden Miasmen, dort das Gebirge mit seinem sanften milden Klima und mit seinem azurblauen Himmel.

Im Allgemeinen ist ja die »Natur« auch auf dieser Insel keine liebevolle Lebensgefährtin des eingewanderten oder dort geborenen Europäers; sie ist eine strenge Herrin, welche ihre Uebermacht den winzigen unbedeutenden Unterthan immer und immer, täglich und stündlich fühlen lässt. Die Majestät der Tropennatur drückt nieder; sie erhebt nicht, weil das Massige, das Ungeheure oft zum Schreckenerregenden wird.

Hier im Sumpfe strömt der Fluss Musi, an dessen Ufer, mehr als 90 km von der Küste entfernt, die Hauptstadt Palembang liegt, welche gewiss zur Zeit ihrer Gründung nur wenige Schritte vom Ufer entfernt war. Hier hausen — um an dieser Stelle nur von der Fauna zu sprechen — die Krokodile und auf den Nipahpalmen Tausende und abermal Tausende Mosquitos; dort auf den sumpfigen Reisfeldern nisten Tausende und Tausende Walang sangit, welche durch ihren intensiven Gestank beinahe ebensoviel berüchtigt sind als durch die Verheerung, welche sie an der reifen Frucht bewerkstelligen. Aber auch tausende Leuchtkäfer schweben nach der Ernte des Reises über dem zeitlich trockenen Felde und feiern ihre Hochzeit im zierlich schwebenden Tanze, und ein reizend beleuchtetes Bild fällt und steigt ununterbrochen beim hellen Funkeln der Sterne auf dem Tropenhimmel. Im Gebirge zieht in grossen Herden der Elephant und im Urwald der Orang-Utan und der wilde Büffel; das Rhinozeros und der feige mörderische Tiger bergen sich in dem hohen Grase der Alang-Alangfelder. In welchen Mengen und Schaaren stellen sich die kriechenden, fliegenden und springenden Insecten ein? Zahlreicher als die erwähnten Walang sangit, Mosquitos und Leuchtkäfer erscheinen die Termiten, die schwarzen und die rothen Ameisen in unseren Wohnungen. Wohl selten sieht man in Europa so grosse Schwärme der Eintagsfliegen durch die Luft ziehen, und wenn die »Larongs« ihre Hochzeit in den Lüften feiern, lässt sich ihre Zahl kaum annäherungsweise beziffern. In der Regel ziehen diese fliegenden Termiten nach dem Regen in einer warmen Tropennacht durch die Luft und umschwärmen jede Lampe; zu Hunderten führen sie ihren Hexentanz um die Lampe herum auf, bis jede einzelne entweder ihre Flügel oder ihren Kopf an dem heissen Lampenglase verbrannt hat. Man stellt unter der Lampe ein weisses Lavoir mit Wasser auf, und in wenigen Minuten ist die Oberfläche des Wassers mit einer 3–4 cm hohen Schicht dieser Leichen bedeckt. Wird dieses nicht gethan, versehen den Gräberdienst die Ameisen, Eidechsen und Frösche. Freilich ist die Zahl der letzteren nicht so gross, um diese Haufen von Larongs zu verzehren — die Flügel bleiben unbenutzt; aber auch die grosse Zahl der Ameisen ist nicht hinreichend, um in einer Nacht den Tisch oder den Boden unter der Lampe von diesen Leichen zu befreien.

Wie viel Sorge und Arbeit schafft die Ameise übrigens der Hausfrau, welche ihre Speisevorräthe vor dem diebischen Ueberfalle dieser kleinen Insecten schützen will; wenn nur einen einzigen Tag oder nur eine einzige Nacht die Zuckerschale oder die Fleischschüssel nicht durch einen Wasserwall beschützt wird, ist sie nach 24 Stunden mit einer Schicht von Ameisen bedeckt, und von dem Rande der Schüssel bis zum Boden zieht sich ein doppelter Heereszug von Ameisen, welche die Beute zu ihrem Neste tragen, oder von welchem sie ausziehen, um die leicht erbeutete Nahrung zu holen.

Auch von den Termiten ist es bekannt, dass sie in ungeheurer Zahl sich ansiedeln und alles Organische bedrohen; hölzerne Schiffe wie Kästen oder auch Möbel wurden nur zu oft eine Beute dieser vielfressenden Horde. Wie oft stand ich voll Bewunderung vor 2–3 Meter hohen Hügeln, welche in ihrem Innern das Labyrinth eines Termitenhauses bargen, wenn ich die Grösse dieses Thieres berücksichtigte; es ist ja nicht grösser als 1–2 cm.