Wie gross ist die Verheerung, welche die kleinsten Lebewesen, die Pilze und die Bacterien in den Tropen anrichten, und wie gross ist die Zahl der Opfer ihrer zerstörenden Thätigkeit! Auch hierunter leidet die sparsame Hausfrau; wenn sie z. B. keinen Eisschrank hat, kann sie das ganze Jahr hindurch keine einzige Fleischspeise länger als zwei Tage bewahren!
Wenn wir zu den Wirbelthieren zurückkehren, so erwähnt, um mit den Vögeln zu beginnen, Salvadori allein 179 Arten und zwar nur aus Mittel-Sumatra. Darunter sind vielleicht nicht an Zahl, jedoch an Bedeutung für den Haushalt in erster Reihe zu nennen: die Hühner. Sie sind in ganz Sumatra stark verbreitet; jeder Europäer und jeder Eingeborene hält sich eine grössere oder kleinere Zahl Hühner, welche 2–3 mal des Jahres 12–14 Eier legen. Die Zahl der Sorten ist jedoch nicht gross.[25] Auch von den Enten sind im Allgemeinen nur zwei Sorten auf dieser Insel zu finden: die Bergente und die Manilaente. Die »Bebek« werden am liebsten wegen ihrer Eier gezogen, welche als sogenannte »gesalzene Eier« kaum jemals auf einer »Rysttafel«[26] fehlen. Einige Vögel kommen nur in grossen Schwärmen vor; dazu gehört z. B. der Reisdieb und der Spatz, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts von dem Autokraten Daendels auf Java eingeführt wurde. Ein interessanter Vogel ist der Beo, dessen ich schon in Band I erwähnt habe. Seine Sprache ist viel deutlicher als die des Papagei und als die des Burung Kaléng, welcher ebenfalls in den Wohnungen der Eingeborenen gern gehalten wird. Die Zahl der Singvögel ist jedoch auf Sumatra sehr klein; sie pfeifen und rufen sehr laut; so z. B. kann man den Piet van Vliet oder den Kuckuk oft auf hunderte von Metern weit hören; aber den Gesang einer Nachtigall oder Lerche wird man kaum jemals auf allen Inseln des indischen Archipels hören. Noch muss ich von dem Pfau mittheilen, dass man — Eingeborene und Europäer — ihn in eine gewisse Verbindung mit dem Tiger bringt. Wo ein Pfau sich aufhält, befindet sich auch der Tiger; er soll sich von den Entleerungen des Tigers nähren; ich war nicht in der Lage, die etwaige Richtigkeit dieser Mittheilungen constatiren zu können.
Von den übrigen Wirbelthieren sind für die Insel Sumatra der Elephant, der Siamang und theilweise auch der Orang-Utan charakteristisch. Wie nämlich schon wiederholt von mir mitgetheilt wurde, befindet sich der Elephant und der Siamang (Hylobates syndactylus) nur auf Sumatra, während der Orang auch auf Borneo gefunden wird. Im vorigen Jahr erhielt ich von einem meiner Karlsbader Patienten die Haut eines Orang, welchen er in der Provinz Deli (Sumatra) geschossen hatte. Die Leiche liess er hierauf mit den Händen des Orang an eine Stange befestigen und die Stange so hoch halten, dass die eingeschlagenen Füsse den Boden berührten. Der Jäger war ein grosser Mann (178 cm gross), und liess sich zusammen mit dem Orang photographiren. Mein Patient reicht mit seinem Kopfhaar bis zur Schulter des Affen!! Ich besitze noch heute diese Photographie (die Haut und der Schädel dieses Orang ist im Besitze des Wiener Museums), und auf Grund dieser Photographie kann ich mir ein Urtheil erlauben. Ich habe während meines 3½jährigen Aufenthaltes auf Borneo mehr als 20 Leichen von Orang-Utans unter den Händen gehabt; keine war grösser als 150 cm; ich muss entweder also annehmen, dass der eben beschriebene Orang von Sumatra ausnahmsweise so gross, also unter den Orangs ein Riese war, oder dass im Allgemeinen die Insel Sumatra eine grössere Sorte als Borneo beherberge. Andererseits aber ist diese Frage schwer zu beantworten, weil, wenigstens nach meiner Erfahrung, die Zahl dieser Affen in Sumatra viel kleiner als in Borneo zu sein scheint. Warum jedoch nur die Insel Sumatra Elephanten besitzt, während die Insel Java, welche wahrscheinlich noch in historischen Zeiten mit ihr zusammenhing, diese Bewohner nicht kennt, und warum die Insel Borneo den Orang besitzt, obwohl sie räumlich viel weiter von Sumatra als Java entfernt ist, werden vielleicht die Geologen und die Paläontologen zu beantworten wissen.
Auch das Reich der Fische ist auf Sumatra sehr gross. Schon vor vielen Jahrzehnten theilte Dr. Bleeker mit, dass 380 Sorten Fische auf den Inseln des indischen Archipels gegessen werden. Dazu gehören auch die Haifische, deren Fleisch die Chinesen trocknen, räuchern, und deren Flossen, in der Sonne getrocknet, in keiner chinesischen Suppe fehlen; obwohl diese Fische die hohe See bewohnen, schwimmen sie oft genug die grossen Flüsse landeinwärts, so z. B. der Hundhai (Scyllium maculatum), der Hammerfisch (Zygaena malleus) und der Riesenhaifisch (Carcharyas macrorhynchus), welcher oft länger als 6 m wird. Wie gross die Zahl der Fische speciell auf dieser Insel sei, weiss ich nicht; aber ich erinnere mich sehr gut, dass der Fischmarkt durch den Formenreichthum und durch die Farbenpracht der ausgestellten Fische immer meine Aufmerksamkeit erregte. Der Kugelfisch (Tetrodon), dessen Halshaut getrocknet den Resonanzkasten der indischen Violine (rebáb) bedeckt, der Roche, Sterlett, das Seepferd, welches als Aphrodisiacum gebraucht wird, der Riemenfisch, der Schlammbeisser, die Makrele, der Haifisch, der Karpfen (gurámi), der fliegende Fisch, sie alle geben wirklich ein reiches Bild der verschiedensten Formen, welche Fische haben können, und was die Farbe betrifft, so glaube ich, dass die Fische Sumatras an Farbenpracht[27] mit der seiner Orchideen wetteifern können. Ich will sofort bemerken, dass ich die Prachtfische Sumatras gewöhnlich nur an den Strandplätzen sah, und dass es nicht nur möglich, sondern auch sehr wahrscheinlich ist, dass sie meistens in der See ihre Heimath besassen; aber ebensogut ist es möglich, dass ein Theil dieser farbenreichen Fische auch Flussfische waren.
So reich das von mir beobachtete Terrain der Fauna an interessanten Erscheinungen ist, und so ungern ich dieses Thema verlasse, so nothwendig ist es, befugten Männern die ausführliche Bearbeitung der Fauna Sumatras[28] zu überlassen, weil ich doch nur Lückenhaftes bieten kann, und weil auch in diesem III. Theile meines Werkes nur die Causerie und nicht die trockene Form irgend einer Wissenschaft zur Geltung kommen soll.
Finder, Gründer, Schinder, Rinder habe das neue Gesetz des Bergbaues geschaffen, theilte mir einer meiner Karlsbader Patienten mit; es wird nämlich erzählt, dass von 5 Millionen Gulden, welche die Goldminen auf Celebes bis nun gekostet haben, 3 Millionen in die Taschen der Gründer geflossen seien; im Ganzen sollen die Syndicate der diversen Goldminen von N.-Indien 18 Millionen verdient haben, und wie viel haben davon erhalten — die Rinder — nein, ich wollte sagen die Actionäre? Sollte die holländische Regierung nicht bald, ja sehr bald ein Gesetz schaffen, welches Jedermann verbietet, Actien von einem Unternehmen auf den Markt zu bringen, welches noch nicht im Betriebe ist und noch keinen Beweis von Lebensfähigkeit gegeben hat?
In Palembang ist sehr viel Gold, wenn auch Carthaus behauptet, dass die Eingeborenen kaum 15 Ct. (= 25 Pfennig) per Tag durch die Goldwäscherei verdienen. Das mächtige Urgebirge der Insel Sumatra hat, wie die übrigen Inseln des malaiischen Archipels, wie dieser Arzt in seinem Buche »Aus dem Reiche von Insulinde« mittheilt, Granite, Syenite und Phyllite zum Kern. Während der Tertiärperiode hob sich und noch heute hebt sich das ganze Gebiet durch den Vulcanismus, welcher sich von Kamtschatka bis zum Meerbusen von Bengalen durch eine Reihe von thätigen und erloschenen Feuerbergen und durch colossale Anhäufungen von vulcanischen Materialien äussert und ungeheuere andesitische Massen auf die Erdoberfläche schleudert. Im Bereiche des Urgebirges trat auch Gold auf, welches schon seit Jahrhunderten von den Eingeborenen in primitiver Weise gesammelt wird. Es ist darum auch kein Zufall, dass die ganze Industrie von der Provinz Palembang (Palembangsche Möbel und Holzschnitzereien), die Sarong von Atjeh und die Kleider der Häuptlinge in dieser Provinz so reichlichen Goldschmuck zeigen.
Carthaus behauptet, dass die Augite und Hornblenden Sumatras nicht arm an Silber und Gold seien; dass aber die vorhandene Menge gerade wie die des Bleis, Quecksilbers und Eisens zu »ungünstig gelegen sei, um zu erfolgreichem Bergbaubetriebe Hoffnung zu geben«. Eine schöne Zukunft verspricht er jedoch der Gewinnung des Zinnes und der Kohlen, welche Prognose sich heute schon bewahrheitet hat.
Dennoch möchte ich bezweifeln, ob denn ein europäisches Unternehmen[29] auf solider Basis nicht z. B. in dem nördlichen Districte der Residentie Palembang zum Segen des Landes die Schätze des Bodens und zwar in erster Reihe das Gold heben könnte.