Die Stadt Palembang liegt an beiden Ufern des Musi; das linke Ufer heisst in der Volkssprache pinggir ilir = das niedere Ufer, im Gegensatze zum pinggir ulu = hohes Ufer, welches thatsächlich einen Weg besitzt, welcher so ziemlich parallel mit dem Ufer von einem Ende der Stadt bis zum andern verläuft. Hier befinden sich zahlreiche chinesische Tokos (= Geschäftshäuser) und die Agentur der »Handelmaatschappy«. Das östliche Ende der Strasse wird durch eine Ziegelfabrik abgeschlossen. Unter den Gebäuden dieses Theiles der Stadt verdient vielleicht der chinesische Tempel Erwähnung. Das linke Ufer, welches in gleicher Weise wie das rechte von vielen kleinen Canälen oder Flüsschen unterbrochen wird, hat auf dem Lande zahlreiche europäische Wohnungen: Das Haus des Residenten, die Caserne mit »Officiershäusern«, den Bazar, den Kirchhof, malaiische Moschee, zahlreiche Kampongs und am östlichen Ende die alten Sultansgräber.
An beiden Ufern liegen zahlreiche Râkits: Auf einem Flosse aus grossen Baumstämmen, welche mit Rottang untereinander verbunden sind, steht eine aus Matten bestehende Wohnung. Das Floss ist mit dicken Rottangen an Pflöcken festgebunden, welche je zwei für ein Râkit auf dem Lande sich befinden. Der Stand des Wassers ist aber ein variabler; die Taue müssen daher je nach der Höhe des Wasserstandes kürzer oder länger angezogen werden. In beiden Fällen werden die Bewohner des Râkit durch ein eigenthümliches Knarren des Flosses darauf aufmerksam gemacht. Besonders beim Sinken des Wasserspiegels ist ein rasches Eingreifen dringend nöthig. Werden in diesem Falle nicht sofort die Taue gelöst, so sitzt das Floss an der Böschung fest, und da dieses keine horizontale Fläche ist, sondern in der Regel einen Winkel von 40–50° mit dem Horizont einschliesst, so verliert das »Haus« seinen verticalen Stand, und oft genug geschieht es in einem solchen Falle, dass das Haus einstürzt. Der entgegengesetzte Fall ist weniger gefährlich. Wird das Steigen des Wassers von den Bewohnern nicht wahrgenommen, so wird es nur seine Stabilität verlieren, und wenn die Eigenthümer zufällig abwesend sind, werden sich die Nachbarn beeilen, die Taue anzuziehen, um nicht der Gefahr ausgesetzt zu werden, ihre eigene Wohnstätte von dem frei beweglichen Nachbarhause unsanfte Berührungen erdulden zu lassen.
Die Bäume des Flosses sind in den seltensten Fällen mit Brettern bedeckt; gewöhnlich bildete die Flur des Hauses ein Netzwerk aus dünnen Stöcken oder Matten aus Bambus oder aus Rottang; in dem einen Falle sieht man also das Wasser durch die Maschen des Netzwerkes durchschimmern, und der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Haus betritt, fühlt sich in doppelter Weise darin unangenehm. Einerseits fühlt er die Wellenbewegungen des Wassers und andrerseits geht er unsicher auf den runden Stöcken des Bodens.
Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf, wie der hygienische Werth solcher Wohnungen zu beurtheilen sei. Wenn wir von theoretischen Erwägungen absehen und allein die Thatsachen sprechen lassen wollen, so ist die Hygiene in diesen schwimmenden Häusern gewiss nicht schlechter als in jenen, welche in der nächsten Umgebung einen trockenen und festen Untergrund haben. Die Eingeborenen, welche in solchen Häusern wohnen, erfreuen sich im Allgemeinen einer bessern Gesundheit, sie leiden weniger an Fieber und an Krankheiten der Därme, als ihre Nachbarn auf dem Lande. Aber die Zahl der von mir beobachteten Fälle ist zu klein, um mir auf Grund dieser Thatsachen ein Urtheil zu erlauben. Von theoretischen Standpunkten ausgehend, glaube ich ihnen jedoch einen gewissen hygienischen Werth zusprechen zu müssen. Auf Sumatra ist die Luft feucht, selbst sehr feucht; die Ausdünstungen des Wassers, welche durch die Flur des Hauses in die Schlafräume dringen, spielen eine untergeordnete Rolle; sie haben ja weder Zeit noch Gelegenheit, in den Wohnräumen sich dauernd aufzuhalten und Schimmel entstehen zu lassen. Wenn auch nämlich Sumatra keine ausgesprochenen Monsune hat, so besteht doch ein täglicher Wechsel in der Windrichtung. (Der Seewind ist warm, und der von den Gipfeln des Centralgebirges Abends und während der Nacht hinabsteigende Luftstrom setzt die Temperatur oft um 10 ° C. herab.) Der Wind dringt durch die Lücken der geflochtenen Wände des Hauses und führt alle schädlichen Stoffe der Luft nach aussen. Thatsächlich habe ich niemals in einem solchen schwimmenden Hause irgendwo Schimmel gesehen.
Auch die Temperatur ist in solchen Häusern angenehmer als in jenen, welche aus Holz oder Steinen gebaut auf dem festen Lande stehen, d. h. so lange ein Luftstrom die Wohnräume durchzieht. Wenn aber, was häufig in den Nachmittagsstunden der regenfreien Tage geschieht, kein Wind oder kein Zephyrwehen die vom Wasserspiegel reflectirte heisse Luft stagniren lässt, so dass man auf dem benachbarten Ufer die Wellen der erhitzten Luft mit freien Augen sehen und ich möchte sagen, mit den Händen greifen kann, dann allerdings wird auch der Aufenthalt in einem solchen Hause zu einer Höllenqual. Durch den grossen Feuchtigkeitsgehalt der Luft verdampft der Schweiss auf dem Körper langsamer als in der trockenen Luft, und wenn man nach Landessitte um zwei Uhr sein Mittagsschläfchen gehalten hat, erwacht man um vier Uhr in Schweiss gebadet, und müde schleppt man sich zu der Oeffnung in der Flur, um mit dem warmen Wasser des Flusses den Schweiss von dem Körper abzuspülen.
Auch die Abfälle der Küche, der Kehricht und die Entleerungen der Menschen gehen auf diesem kurzen Wege in den Strom, und die Bewohner sorgen dafür, dass der Unrath nicht in den Zwischenräumen der Râkits stagnire; die zahlreichen Fische unterstützen sehr gern diese hygienischen Maassregeln der Eingeborenen, und nicht selten sieht man durch die Maschen des Netzwerkes einen Kampf der Fische um diese etwas fraglichen Leckerbissen.
Diese primitiven Häuser bieten also den Eingeborenen unter den herrschenden Verhältnissen, vom hygienischen Standpunkte beurtheilt, gewiss zweckmässige Wohnstätten.
In der nächsten Provinz, welche im Süden an diese »Residentie«[32] grenzt und »Riauw und Vasallenstaaten« heisst, habe ich mich nur einige Stunden und zwar in der Hauptstadt Riauw aufgehalten.