Ich war der englischen Sprache nicht mächtig, und Dr. R. sprach das Französische in einem mir beinahe unverständlichen Dialekte; ich hatte zwar als Dolmetsch einen Reisegenossen mitgenommen, aber unwillkürlich verfielen wir Beide auf den Gebrauch der malaiischen Sprache, und ohne Dolmetsch flottete das Gespräch sehr gut.
Das Spital machte in jeder Hinsicht einen günstigen Eindruck. Es bestand nur aus glatten, ungefärbten Holzwänden und hatte eine sehr gute Ventilation; die Patientinnen schliefen auf hölzernen Pritschen und hatten ein ledernes Kopfkissen, welches mit Kapok gefüllt war. Der Zwischenraum zwischen je zwei solchen Pritschen war 1½ Yard = 1,4 m gross. Die Reinlichkeit liess nichts zu wünschen übrig, und die Luft der Säle war ganz frisch und ohne jeden Gestank. Damals behandelte Dr. R. seine Patienten mit subcutanen Einspritzungen mit Sublimat; ich frug ihn, wie lange die secundären Symptome bei dieser Behandlung auf sich warten liessen, und mit wirklich beneidenswerthem Sanguinismus antwortete er: »Diese kommen überhaupt bei uns nicht vor!« Ich fühlte keinen Beruf in mir, bei dieser Gelegenheit mich in eine wissenschaftliche Debatte einzulassen, und als übrigens noch der Apothecary diesen Erfolg ihrer Therapie bestätigte, gratulirte ich den beiden Herren zu ihrem therapeutischen Triumph und verabschiedete mich von ihnen.
Mein dritter Aufenthalt in Singapore dauerte nur wenige Stunden, welche jedoch hinreichten, mir ein kleines Abenteuer zu verschaffen. Den 22. Juni brachte mich ein kleiner Dampfer von Batavia nach Singapore, von wo ich am 25. in der Frühe meine Reise nach »Polonia« fortsetzen sollte. Als ich Abends (den 24.) in den Hafen einlief, sah ich einen österreichischen Dampfer dort liegen, und bald hatte ich mit dem Schiffscapitän und mit dem Schiffsdoctor Bekanntschaft gemacht. Dieser war ein gebürtiger Dalmatiner und war der englischen Sprache sehr gut mächtig. Wie alle Fremden gingen wir Beide in’s Hôtel de l’Europe und liessen uns ein Glas mit Eis abgekühltes Bier geben. Hier ist das Rendezvous nicht nur aller Reisenden, sondern auch der jeunesse dorée von Singapore. Man erwarte jedoch nicht grosse Säle mit Eleganz und Luxus ausgestattet. Die kleinste Provinzialstadt Europas hat einen schöneren Billardsaal als dieses Hôtel I. Ranges in Singapore. Einen herrlichen Anblick bietet aber die Veranda durch die Aussicht auf die See. Es war ein kühler Abend, die Temperatur war auf 72 ° F. = 22 ° C.[34] gesunken, der Tropenhimmel glänzte in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, und vor uns lag nur wenige Schritte entfernt der Hafen, in welchem Hunderte von Lampen im Innern zahlreicher Schiffe auf- und abwogten, von dem sanften Wellenschlag der See geschaukelt.
In die Veranda kamen chinesische und klingalesische Hausirer, und vor derselben gingen zwei arabische Geldwechsler auf und ab, welche ihre silbernen Dollars von einer Hand in die andere fallen liessen. Da ich in meiner neuen Garnison dieselben voraussichtlich benöthigen würde, entschloss ich mich, eine holländische 100 fl.-Banknote einzuwechseln, und nach langem Feilschen bot er mir 44 Dollars dafür an. Er kam zu mir in die Veranda und zählte sie mir vor. Befriedigt nickte ich mit dem Kopfe, als er den 44. niederlegte, und mit dem malaiischen Worte sudah (= es ist gut) entliess ich ihn, ohne zu bemerken, dass ich ihm eine Banknote von 200 fl. und nicht von 100 fl. gegeben hatte. Mit einem gleichgiltigen tabéh-tuwan (= Gegrüsst Herr!) ging er weg. Um 9 Uhr ging ich zum Schiffe zurück und entdeckte sehr bald, dass mir 100 fl. fehlten, und sofort erinnerte ich mich auch, auf welche Weise dieses Manco entstanden war, und eilte mit meinem österreichischen Collegen auf die Polizei. Ein englischer Polizeiagent ging trotz der späten Abendstunde mit uns in’s Hôtel, wo die Kellner zwar sich erinnerten, mich mit einem arabischen Geldwechsler in Unterhandlung gesehen zu haben, Niemand kannte jedoch seinen Namen oder seinen Wohnort. Zufällig hörte jedoch ein klingalesischer Hausirer, um was es sich handle, und rief plötzlich: »Ich habe es auch gesehen und mir fiel auf, dass dieser Araber keinen kleinen Finger auf der linken Hand hatte.« Dieses Signalement war dem Polizeiagenten bekannt, und als wir in die Wohnung dieses Arabers traten, sass er auf seiner Matte und hatte vor sich 44 Dollars liegen. Lächelnd behauptete er, gewusst zu haben, dass ich den Irrthum bemerken und die 44 Dollars holen kommen würde. Der Polizeiagent hatte eine ganz andere Ansicht und zwar, dass er darauf gerechnet hatte, dass ich abreisen würde, ohne den Irrthum zu entdecken; wir Beide aber waren froh, dass er den lapsus manus nicht leugnete. Der Araber verlangte sogar zur Belohnung seiner Ehrlichkeit einen Dollar. Dem Polizeiagenten entlohnte ich seine gestörte Nachtruhe.
Im Jahre 1897 sah ich zum letzten Male die »Löwenstadt«; vom 17. bis zum 20. April mussten wir auf die Ankunft des »Ernest Simon« warten, welcher von China kommen und uns zur Reise nach Marseille aufnehmen sollte.
Die Stadt liegt auf der gleichnamigen Insel, welche 555 ☐km gross ist.
Den 18. April fuhr ich mit einer kleinen Gesellschaft längs des Berges Timah (170 m hoch) in einem bequemen Wagen nach der Nordküste der Insel, und wir liessen uns von einem chinesischen Kahnführer über den Canal fahren, welcher an dieser Stelle ungefähr 3 km breit ist. Wir waren in Asien, und zwar im Reiche des Fürsten von Djohor. Den Luxus, welchen dieser Fürst in Europa zu entwickeln gewöhnt ist, zeigte keineswegs sein Palast. Ein reicher holländischer Patricier hat mehr Luxus und Comfort in seinem Hause als dieser Fürst in seinem Schlosse. Der Regent in Bandong[35], und ich will nicht von dem Gegenfürsten in Solo[35] (Java) sprechen, entwickeln viel mehr Luxus in ihren Wohnungen, als ich in Djohor sah. Hierauf ging ich in den englischen Club, wo ich mich durch einen der anwesenden Officiere introduciren liess und ein herrliches Beefsteak mit einem Glas Bier bekam.
Den 19. besuchte ich in Singapore den botanischen Garten und die Wasserreservoirs. Der erstere verdient weder diesen Namen noch den eines Thiergarten. Ein paar Schlangen, Affen, Papageien verriethen höchstens den guten Willen, wie z. B. der Thiergarten in Batavia. Aber schön war das Wasserreservoir neben dem Sophienhügel. Vor dem Hôtel zog sich die Esplanade mit dem Raffles-Denkmal und dem Cricket-Club längs der Küste dahin, welche im Westen von der Mündung des Singaporflusses begrenzt wurden. Am rechten Ufer befand sich der Landungsplatz und das chinesische Viertel. Natürlich wurde ich von den chinesischen Kaufleuten überfallen, obwohl ich durch den Gebrauch der malaiischen Sprache den Globetrotter verleugnete. Wenn man den Muth hat, den dritten Theil von dem verlangten Preise zu bieten, kann man in Singapore Vieles um einen Preis erhalten, welcher in Europa ungläubiges Kopfschütteln erregen würde. Ich kaufte z. B. damals zum Gebrauche auf dem Schiffe zwei longues chaises um 3,75 fl. = 6½ Mark das Stück, welche ich noch heute besitze. Sie sind schöner und solider als jene, welche ich im Jahre 1886 zu demselben Zwecke in Rotterdam um 13 fl. = 21½ Mark per Stück bezahlt habe.
Der Totaleindruck der Stadt Singapore ist ein sehr günstiger: Eine Hafenstadt mit starkem Handel in den Händen eines europäischen Volkes, welches auch dort in den Tropen den heimathlichen Sport und die nationale Energie nicht verleugnet.