Die Insel Singapore liegt — ohne dazu gerechnet zu werden — im Riouw und Linggaarchipel und ist ungefähr 45 km von der Insel Bintang oder Riouw entfernt, nach welcher die dritte »Residentie« auf der Ostküste von Sumatra benannt ist.
Die Provinz »Riouw en onderhoorigheden«[36] = Riouw und Vasallenstaaten zerfällt in zwei Theile; der östliche Theil umfasst den Archipel und die Inseln im chinesischen Meere bis 4° 45′ N. B., wozu die Watas (= hl. Esprit) oder die Tambelan, die Anambas, die Seeräuber (oder Serasan), die Duperre und die Natuna-Inselgruppen gehören; die Insel (= Pulu) Laut liegt beinahe schon am 5° N. B. Der westliche Theil »Lingga« mit den drei Districten Mandah, Indragiri und Réteh liegt auf der Insel Sumatra und wird im Westen von der Residentie »Padang’sches Hochland« begrenzt, oder, besser ausgedrückt, von unabhängigen Stämmen, welche zwischen dieser Provinz und dem holländischen Gebiete der Ostküste ihre staatliche Freiheit bis zum heutigen Tage sich erhalten haben.
Diese »unabhängigen Stämme« sind mit den im Norden und Süden wohnenden Nachbarn die spärlichen Reste jenes grossen und mächtigen malaiisch-islamischen Reiches Menangkabau, welches im Mittelalter nicht nur ganz Mittel-Sumatra besass, sondern auch Singapore und Malacca im 12. Jahrhundert gründete und seine Sprache von hieraus bis Ceylon einerseits und bis an die äussersten Inseln des indischen Archipels allen Küstenbewohnern gab, so dass die malaiische Sprache von Madagascar bis Neu-Guinea auf den Küsten aller Inseln dieselbe führende Rolle wie die französische Sprache in Europa hat.
Diese Ueberbleibsel des grossen Reiches von Menangkabau haben nach dem Falle dieses Colosses in verschiedener Weise eine neue staatliche Organisation erhalten[37] und ihre Häuptlinge führen heute diverse Namen und auch diversen Rang. Sie alle haben aber heute Communalbesitz und üben die Hadat Kamanakan, d. h. die Erbfolge in weiblicher Linie aus: Das Haupt der Familie ist der Mama, der Bruder der Mutter, welcher in allen Rechten und Pflichten der Vater seiner Neffen und Nichten ist; in der Erbfolge werden jene Familienmitglieder berücksichtigt, welche nur in weiblicher Linie verwandt sind. Von der Mutter also erben die Kinder, und wenn diese nicht vorhanden sind, sind ihre Erben nur ihre Brüder und Schwestern resp. deren Kinder. Als Vormund der Kinder tritt nach dem Tode der Mutter nicht der leibliche Vater, sondern der Mama auf. Stirbt der Mann, so treten nicht seine Kinder, sondern seine Geschwister resp. deren Kinder die Erbschaft an.
Dies ist das Princip des Kamanaken = Matriarchat, welches noch bei zahlreichen malaiischen Stämmen des Padangschen Oberlandes (z. B. in Agam, Tanah Datar, in den 50 Kota’s u. s. w.) und auch von den Orang Semang ([Fig. 5]) auf Malacca geübt wird, welches im 13. Jahrhundert von den Menangkabauern bevölkert wurde.
Diese, d. h. die heutigen Menangkabauern Sumatras pflanzen Ladangs (= trockene Reisfelder), Tabak, Kaffee, Zuckerrohr, Catechu, Indigo (Marsdenia tinctoria oder Indigoferasorten), Kapok (= Pflanzendune), Mais, Obi (= Baumknollen), Palmen und andere Fruchtbäume; sie treiben Handel mit den Producten des Urwaldes, Getáh, Sago, Wachs, Holz, rothe Erde; sie backen Töpfe und besitzen einige Goldschmiede. Im Ganzen und Grossen sind die »unabhängigen Länder« an der Westgrenze der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten« ein armes Volk. Genug häufig ziehen sie in die benachbarten holländischen Besitzungen, um als Kuli ihr Brod zu verdienen, oder nehmen gegen Bezahlung die Robottdienste auf sich, welche der reiche Nachbar, zu stolz, sie in Persona zu leisten, gerne einem andern überlässt. Trotz ihrer Armuth haben sie sich eine relativ hohe Sittenreinheit aus jener Zeit erhalten, in welcher (im Anfange des 19. Jahrhunderts), wie wir später sehen werden, die »Padri« ihrer neuen mohamedanischen Lehre vom Padangschen Oberlande aus mit Feuer und Schwert in die benachbarten Stämme Eingang zu verschaffen und sie über ganz Mittel-Sumatra zu verbreiten suchten. Ihr Gebiet ist reines Hochland und fällt sanft in das Gebiet ab, welches die Residentie »Riouw und Vasallenstaaten« bildet.
Die Hauptstadt dieser Provinz liegt auf der Insel Bintang oder Riouw und zeigt in jeder Hinsicht den Typus einer kleinen Hauptstadt, und wenn wir von der Topographie der Stadt absehen, könnte man sie ein zweites Telók Betóng nennen. Die Zahl der Beamten und Soldaten war in beiden Städten dieselbe; höchstens lebten in Riouw mehr Europäer, welche in dem intensiven Schifffahrtsverkehr in diesem Hafen Beschäftigung und Broderwerb fanden.
Ich selbst hatte Gelegenheit, mich einige Stunden in dieser Hafenstadt aufzuhalten und zwar am 25. Februar 1884, als ich aus der Garnison Seruway desertirte, d. h. mich Krankheits halber evacuirte, bevor mein Nachfolger angelangt war. Ich musste auf die Fortsetzung der Reise des Dampfers nach Batavia warten, weil eine grosse Schiffsladung ausgeladen werden musste. Ich ging auf das Land, besuchte den dortigen Platzcommandanten und den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« Dr. X. und kehrte dann in’s Hôtel zurück, um das Signal des Dampfers nicht zu überhören. Es dauerte aber noch zwei Stunden, bis die schrille Dampfpfeife mich wieder an Bord rief. Unterdessen that ich nichts anderes als — niesen.
Dies ist eine echte Tropenkrankheit, welche nur die Veteranen im Tropenleben überfällt und von der die Orang baru (= Neulinge) verschont bleiben. Sie besteht nur in einem Nieskrampf (Ptarmus = Stermutatio convulsiva), welcher in den Tropen einen heftigen Schnupfen einleitet und viel häufiger als in Europa den Eingewanderten befällt, welcher schon viele Jahre den nervenschwächenden Einfluss des Tropenklimas erfahren hat.[38]