Als ich im Juni 1883 nach Polonia transferirt wurde, benutzte ich einen Dampfer der damaligen indischen Dampfschifffahrt-Gesellschaft, welche nach Riouw, Singapore und nach der Ostküste Sumatras jeden Monat sechs Dampfer sandte. Den 22. Juni schiffte ich mich in Batavia ein, und bei schönem Wetter und bei ruhiger See nahmen wir den Curs nach N. W. Die Fahrt ging zwischen den beiden zinnreichen Inseln Banka[40] und Billiton, liess die Gruppe der Lingga-Insel zur Backbordseite liegen, und wir dampften dann direct nach Riouw und Singapore. Hierauf bestiegen wir einen kleinen Dampfer, welcher einen geregelten Verkehr zwischen Riouw und den Hafenplätzen auf der Ostküste Sumatras unterhielt. Von Riouw ging die Fahrt zwischen den Inseln Padang und Bengkalis, und wir sahen die Tebing-Tinggi-, Rangsang- und Merbouw und die übrigen kleinen Inseln auf der Backbordseite in weiter Ferne liegen. Vor der Hauptstadt der »Residentie« fiel der Anker in die Tiefe der »Brouwerstrasse«, welche die drei erstgenannten Inseln von dem Festlande scheidet. Ich wusste damals nicht, dass der Plan bestand, in Bengkalis einen Concurrenzhafen des Welthafens Singapore zu schaffen; ich schenkte also diesem Theil der Stadt keine Aufmerksamkeit, und ich weiss nur aus den spätern Mittheilungen der Tagesjournale, dass zur Ausführung dieses stolzen Planes nichts geschehen ist, d. h. keine modernen Lagerhäuser, Werften und Docks gebaut wurden, sondern man sich begnügt hatte, Bengkalis zu einem Freihafen zu erklären und im übrigen der Zukunft ihre allmähliche Entwicklung zu einem Welthafen überliess. Der Welthandel kennt diesen Freihafen kaum dem Namen nach und die »Sparsamkeit hat wieder die Weisheit betrogen« (holländisches Sprichwort). Das Princip: »10×10 Gulden lieber auszugeben, als 100 Fl. auf einmal« hat wieder Schiffbruch gelitten. Auch die Stadt selbst zeigte nur wenig den Stempel einer Residenzstadt; im Ganzen lag eine Compagnie Soldaten in Garnison.
Der Militärarzt, den ich während meines zweistündigen Aufenthaltes aufsuchte, war ein Däne und bewohnte mit Frau und Kind ein kleines hübsches hölzernes Haus. Da er mir mittheilte, dass ausser dem Gebäude des Residenten und einer Tapiocafabrik[41] Bengkalis überhaupt keine Sehenswürdigkeiten besitze, so machte ich gern von seiner Einladung Gebrauch, bei einem Glase abgekühlten Apollinariswasser in seinem Hause die Abreise des Dampfers abzuwarten.
Von seinem Hause aus sah man in weiter Ferne (± 4 km) die Küste Sumatras, welche ein sanft aufsteigendes Ufer hatte, das aber doch noch so niedrig war, dass es zur Zeit der Fluth ganz mit Wasser bedeckt war. Tiefer ins Innere des Landes erstrecken sich zahlreiche Sümpfe; zahlreiche Seen und zwei grosse Ströme durchziehen von Westen nach Osten diesen südlichen Theil der Provinz, welche noch einen eigenen Sultan besitzt und den Namen Siak führt. Die zwei Ströme, welche dem Centralgebirge Sumatras entspringen, heissen der Kampar, dessen Quellengebiet zum Theil in der »Residentie Riouw« und zum Theil im Padangschen Hochlande liegt, und der Fluss Siak, dessen südlicher Quellenarm am Berge Suligi (536 Meter hoch) und dessen nördlicher Quellenarm an der Grenze der unabhängigen Battakländer entspringen.
Das gegenwärtige Sultanat von Siak[42] stand im 14. und 15. Jahrhundert unter dem Radja von Gasip, welches an dem gleichnamigen Nebenflusse des Siakstromes zu jener Zeit ein mächtiger Staat gewesen sein soll. Es kam durch Verrath eines gewissen Pandan in die Gewalt der Atjeers und von diesen unter die Botmässigkeit von Djohor, und erst im Jahre 1717 wurde das Sultanat Siak von Radja Ketjil gegründet. Die zahlreichen Thronstreitigkeiten, welche hierauf entstanden, nahmen erst im Jahre 1858 ein Ende, als Wilson, ein englischer Abenteurer, dem Tongku Ismail versprach, die aufständischen Stämme zu unterwerfen. Aber auch zwischen diesen Beiden kam es bald zum Streite, und der eingeborene Häuptling wandte sich an die holländische Regierung, welche Wilson aus Siak vertrieb, während mit einem Contract das Sultanat Siak ein Vasallenstaat Hollands wurde. Ismail blieb nur bis zum Jahre 1864 Sultan, in welchem Jahre er wegen Wahnsinns abgesetzt wurde. Sein jüngster Bruder Tongko Sjarif Kasim wurde Sultan und sein ältester Bruder Tongku Putra Mangkubumi Reichsverweser des Landes. Den 23. Juni 1884 trat der Sultan die nördlichen Besitzungen seines Reiches: Deli, Serdang, Tamiang, Assahan u. s. w. an den holländischen Staat ab und zwar gegen eine jährliche Subvention von 40000 Fl. Die Bezahlung einer Schuld von 50000 Fl. wurde ihm nebstdem erlassen.
Die Bevölkerung dieses Sultanats theilt sich in zwei Theile; die Einen nennen sich die directen Unterthanen des Sultans von Siak; es sind die ehemaligen Menangkabauer, welche in den vier Sukus (= Bezirken) Tanah datar, Kampar u. s. w. einer bedeutenden Autonomie sich erfreuten, während die Bewohner der nördlichen Districte Tanah putih, Bangka und Kubu und die der Inseln Rupat bis Pengailan nur ungern den Sultan von Siak als ihren Herrn anerkennen. Das staatsrechtliche Verhältniss dieser einzelnen Staaten zum Sultan ist so verwickelt, dass es eine unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten ist und bleibt. Auch das Verhältniss zur indischen Regierung (die Insel Bengkalis ist schon seit 25 Jahren in vollem Eigenthum Hollands, ebenso theilweise die Insel Rupat) ist jetzt in ein Stadium der Veränderung gekommen, dessen Beendigung mir noch nicht bekannt ist.
Nur zwei Stunden blieb ich in Bengkalis. Die Dampfpfeife rief mich bald aufs Schiff; an der Insel Rupat, welche durch die gleichnamige Strasse von Sumatras Küste ungefähr 5 km weit geschieden ist, zogen wir vorbei, landeten wieder nur für ungefähr zwei Stunden bei der Mündung des Assahan, wo ein Kahn für die gleichnamige Stadt die Briefe holte und brachte.
Auch dieser District der Residentie »Ostküste von Sumatra« besteht zur Hälfte aus angespültem und sumpfigem Lande. Von hier aus liegt die ganze Küste dieser Provinz grösstentheils im Diluvium. Endlich erreichte ich das Ziel meiner Reise, Labuan Deli, welches bereits damals durch eine Eisenbahn ([Fig. 6]) mit der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes Medan verbunden war. Seitdem sind bedeutende Veränderungen vorgefallen. Diese Stadt wurde zur Hauptstadt der ganzen Provinz »Ostküste von Sumatra« ernannt, welche schon im Jahre 1897 von 103 km Eisenbahnen durchzogen wurde (Bengkalis wurde als Freihafen und als zukünftiger Welthafen aufgelassen); Belawan wurde an Stelle von Labuan Deli der bedeutendste Hafen dieser »Residentie«, von dem jährlich tausende und tausende Ballen Tabaks nach Europa und tausende und tausende Büchsen mit Petroleum[43] nach Java, China und Japan versandt werden.
Von den vier Bezirken, in welche der District Deli eingetheilt wird, Serdang, Deli, Langkat und Tamiang, ist der bedeutendste Deli; aber auch in Langkat bestehen seit ungefähr zehn Jahren Plantagen, und nur Tamiang hat sich kaum über die ersten Anfänge einer systematischen und rationellen Plantagenwirthschaft erhoben. Bis nun hat der »Delitabak« allein aus dem gleichnamigen District eine blühende Provinz gemacht und die »Deli Maatschappy« hat ihren Gründern und Actionären Millionen und Millionen bereits als Dividenden bezahlt, während die Tabaksunternehmungen in dem Bezirke Tamiang noch nicht mit Gewinn arbeiten. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die ganze Provinz, von Assahan angefangen, Diluvialland ist, welches im Westen vom Hochgebirge begrenzt wird; der Sebajak mit 2172 Meter, der Baros mit 1950 Meter, der Tenaro mit 1850, der Semilir mit 1813, der Temangu mit 1816, der Seraga mit 1490 und der Dolok (= Berg) mit 1440 Meter Höhe sind die bedeutendsten Bergspitzen, auf welchen zahlreiche aber unbedeutende Flüsse entspringen und ihren Lauf nach Osten nehmen und welche mit ihren reizenden Gebirgspanoramen ([Fig. 7]) das Gebiet der »unabhängigen Battaker« begrenzen.
Ich glaube mich hier jeder Mittheilung über die Gebräuche und Sitten dieser nicht ganz primitiven Menschen — sie besitzen ja ein eigenes und selbständiges Alphabet —, welche fälschlich für die Urbewohner Sumatras gehalten werden, mit Recht enthalten zu müssen. Es hat ja in jüngster Zeit ein Oesterreicher und zwar Freiherr Joachim von Brenner ein interessantes und lehrreiches Bild von seinen Reisen durch die Battakländer ([Fig. 8]) beinahe in erschöpfender Weise entworfen. Freilich ist das Capitel über seine Gefangennahme in Lontong am Tobasee und über die Gefahr, geschlachtet und von den Battakern verzehrt zu werden, interessant und romantisch geschrieben, aber eine erhitzte Phantasie scheint dabei Pathenstelle versehen zu haben. Wie mir nämlich ein Resident dieser Provinz voriges Jahr mitgetheilt hat, befinden sich die Anthropophagen gegenwärtig nur im Gebiete der Pak-Pak, welche ungefähr 50 km vom Tobasee entfernt wohnen. (Auch Frau Ida Pfeiffer, welche im Jahre 1852 die südlichen Battakländer durchzogen hat, wurde von einer unbegründeten Furcht beherrscht, wenn sie entre autre mittheilt, dass sie es nur ihrem zähen Fleische als alte Frau verdankt hätte, von den Eingeborenen nicht verspeist worden zu sein.)