Die Battaker sind ja schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts von zwei mächtigen civilisatorischen Nachbarn in ihrer ursprünglichen rohen Sitte — der Menschenfresserei — beeinflusst. In den Jahren 1820 bis 1830 ist die mohamedanische Secte der Padri bis an’s Ufer des Tobasees vorgedrungen, während im Osten die holländische Regierung ihre civilisatorischen Arbeiten bis tief in’s Innere des Landes ausgebreitet hat und noch ausbreitet. Wenn wir also von jenen wenigen Battakstämmen absehen, welche im Nordosten unter dem Namen der Pak-Pak die alte Sitte der Anthropophagie noch heute üben, so steht der übrige Theil auf einer ziemlich hohen Stufe der Civilisation, und gerade das Buch des Herrn J. von Brenner bringt uns davon hunderte und hunderte Beweise.

Bei meiner Ankunft in Labuan Deli erfuhr ich eine grosse Enttäuschung. Kaum hatte der Anker sich in den Grund des Meeresbodens gebohrt, erschien der Adjutant des Landescommandanten an Bord und theilte mir mit, dass ich nicht in Medan, der Hauptstadt des Bezirkes Deli, stationirt, sondern zum »Eerstaanwezend« Officier in dem Bezirke Tamiang ernannt worden sei; ja noch mehr, der in diesem Bezirke momentan anwesende Militärarzt müsse so bald als möglich seinen Standplatz Seruway verlassen, weil er sich mit den übrigen Officieren nicht vertrage. Daher sei es nothwendig, dass ich sofort meine Reise fortsetze, und dass die üblichen Vorstellungen bei dem Landessanitätschef und bei dem Landescommandirenden u. s. w. meinerseits aufgeschoben werden.

Zu meinem grössten Bedauern habe ich dadurch die Gelegenheit verloren, die interessanteste Stadt »der Residentie Ostküste von Sumatra« zu sehen und mit jenen zahlreichen interessanten Eingeborenen in Contact zu kommen, welche von der Peripherie der Provinz bei verschiedenen Anlässen nach Medan gehen, um mit den Vertretern der diversen Tabak- und Petroleum-Unternehmungen in geschäftlichen Verkehr zu treten. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, in dem Bezirke Tamiang vielleicht mit einzelnen Bewohnern der Gaju- oder Alasländer in Berührung zu kommen, welche das Innere von Gross-Atjeh bewohnen und selbst bis heute noch wenig bekannt sind, oder dass ich Ruinen der alten Modjopahit finden würde, oder dass ich an dieser Grenze der menschlichen Civilisation ein reiches Feld zu zoologischen Studien würde beobachten können; nichts ist in Erfüllung gegangen; die traurigsten Tage meines Lebens habe ich dort, an der Grenze des Atjeischen Reiches, verlebt.

Der Adjutant Wiersma verliess mich nach der Mittheilung dieser Hiobspost, der Schiffscapitän hatte unterdessen die Postsäcke an’s Land bringen lassen, und ¼ Stunde später erschien der Major P., um sich mit seinem Adjutanten ebenfalls zur Reise nach Seruway einzuschiffen.

Dieser Major war einer jener wenigen Officiere, welche trotz ihrer Tapferkeit und ihres persönlichen Muthes nicht nur Bonhommes sind, sondern dies auch in all ihrem Thun und Lassen zeigen. Ich habe ja viele Officiere in der holländisch-indischen Armee gekannt, welche mit ihren militärischen Tugenden eine hohe Bildung des Geistes und des Herzens vereinigten; sie glaubten jedoch, diese ja nicht zeigen zu dürfen, um so viel als möglich durch Strenge, ja selbst durch Härte den Untergebenen imponiren zu können. Major P. hatte den Muth, die wohlthuende Güte seines Herzens immer und jedem zu zeigen. Ich habe auch im Jahre 1891 direct unter ihm gedient; er war unterdessen Colonel geworden; sein Wunsch war für alle Officiere und für alle Soldaten mehr als ein Befehl, und niemals wurde ein Officier von ihm bestraft; eine Unterlassungssünde der jungen Leutnants wurde mit academischer Ruhe dem Missethäter (?) auseinandergesetzt und dieser Mann verliess »belehrt« den Rapport. Aber auch der Soldat, welcher sich grobe Verstösse gegen die Disciplin zu Schulden hatte kommen lassen, ging beschämt und gebessert vom Rapporte weg und war überzeugt, für sein Vergehen als ein abschreckendes Beispiel seiner Kameraden gestraft worden zu sein.

Als das Schiff Labuan Deli verliess, theilte mir Major P. mit, dass er nach Seruway gehe, um die Streitigkeiten zweier Officiere zu schlichten, und zeigte mir die darüber geführte Correspondenz. Nachdem ich sie gelesen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, dem Major P. sie mit den Worten Heine’s zurückzugeben: Es will mir schier bedünken — dass sie beide thäten stinken. Es war das alte Lied: Die Einförmigkeit des Lebens von wenigen Menschen, welche auf einem engen Raume beisammen leben müssen, machte die Fehler jedes Einzelnen in hohem Grade fühlbar. Wenn auch ich, der ich im Grunde meines Herzens nichts so als den Frieden liebte, späterhin in Streitigkeiten verwickelt wurde, wie leicht musste es mit Dr. X. geschehen, der leicht erregbar war und neben seinem Chef wohnen musste, dessen Frau geradezu die Langeweile des täglichen Lebens durch Kampf und Streit zu tödten suchte.

Der Dampfer brachte uns zunächst in den Aroëbusen, wo sich eine Holzunternehmung befand, welche von 25 Mann mit dem Commando eines Lieutenants beschützt wurde. (Hier in Pangkalan Siatas war die Endstation der Route, welche die Orte der Ostküste Sumatras miteinander verbindet.) Der Eigenthümer der Unternehmung war verheirathet und ebenso Lieutenant X., dessen Frau s. Z. eine Claviervirtuosin gewesen war. Er hatte sie in Batavia kennen gelernt und geheirathet. Nach der Hochzeit soll er an die Regierung ein Gesuch eingereicht haben — so erzählt wenigstens die böse Fama — mit der Bitte, dass seine Frau auch weiterhin Unterricht im Clavierspiele möge geben, weil einerseits es Schade wäre, dass ein solches künstlerisches Talent durch Mangel an Uebung für die Mitwelt verloren gehe und verkümmern sollte, und anderseits der ehrliche und redliche Gelderwerb auch die Frau eines Officieres nicht schände. Die Regierung gab ihm sofort die Erlaubniss; wenige Tage später jedoch las er in den Zeitungen seine Transferirung nach Pankalan Siatas. Diese erinnert mich an einen analogen Fall, welchen ich im Haag erlebt habe und der ebenfalls die holländische Regierungsweise charakterisirt. Im Jahre 1876 wollten im Haag die Socialisten im Abgeordnetenhause in corpore erscheinen, um dort demonstrativ ein Misstrauensvotum gegen die Abgeordneten abzugeben. Die Regierung wurde davon rechtzeitig in Kenntniss gesetzt. Die Polizei und die Truppen wurden zwar consignirt, aber sie waren nirgends zu sehen. Unbehindert zogen die tausende Socialisten vor das Abgeordnetenhaus, und unbehindert kamen die vordersten Reihen vor die Thüren der Galerien des Hauses; aber — Waisenmädchen nahmen alle Plätze ein.

Lieutenant X. lebte im besten Einvernehmen mit der Familie des Pflanzers; es fehlte ja — der Dritte oder besser gesagt — die Dritte.

Man muss sich das Leben auf einem so abgelegenen Platze vergegenwärtigen, um diese Menschen zu bewundern. Am rechten Ufer des Salahadjiflusses lag zunächst das Haus des Officiers und hinter diesem die Caserne der 25 Mann. Beide waren von einer 3 Meter hohen Palissade eingeschlossen. Zehn Schritte davon entfernt lag das Haus des Pflanzers, welches ebenfalls mit einer Palissade umgeben war. Um 6 Uhr Abends wurden die Thore geschlossen und einige Bediente, mit Gewehren bewaffnet, wurden auf Bastions zur Wache aufgestellt. Herr X. machte jede Nacht zweimal die Runde, um sich von der Wachsamkeit dieser seiner Wachleute zu überzeugen; denn die benachbarten Atjeers bedrohten täglich und stündlich ihr Leben und ihr Hab und Gut; diese hatten ja noch vor kurzer Zeit einen exponirten Posten von 7 Mann, welche unter dem Commando eines Feldwebels standen, in der Nacht bei Bukit (= Hügel oder Berg) Kramat überfallen und getödtet, d. h. ungefähr 6 km entfernt.

Wie viel Kämpfe, Sorge und Wachsamkeit erforderte die See zu ihren Füssen und der Urwald hinter ihrem Rücken. Das stürmische Element und das Krokodil auf der einen Seite und der Tiger ([Fig. 9]) und der Leguan und der Orang-Utan und die Schlangen auf der andern Seite (Elephanten kommen in diesem Bezirk nicht vor). (Von einem Rhinozeros wusste mir der Herr X. nichts zu erzählen.) Trotz dieser unheimlichen Nachbarschaft hatte er an dem linken Ufer der Bisitan-Bucht, welche sich von der Aroëbucht nach Süden abzweigt, eine Holzsägerei errichtet und sie mit transportablen Schienen mit seiner Wohnung verbunden. Auf kleinen Lowris besorgte er den Transport der Bretter und Schindeln, mit welchen er einen ausgebreiteten Handel trieb.