Meine Inspectionsreisen haben in den Plantagen selbst nichts Besonderes oder Interessantes aufzuweisen. Bei meiner Ankunft untersuchte ich die fünfundzwanzig Mann auf geheime Hautkrankheiten und nahm dann bei dem Militär-Commandanten oder bei dem Pflanzer mein Mittagsmahl ein. Die beiden Herren erfreuten sich mit ihren Frauen und ihren Kindern einer besonders guten Gesundheit, so dass ich nur einmal und zwar bei meiner Abreise aus dieser Provinz Anlass hatte, auch mit ihnen ärztlich mich zu beschäftigen.

Auch im Marodenzimmer in Seruway hatte ich im Allgemeinen wenig schwere Krankheitsfälle in Behandlung. Die für die Topographie des Ortes unvermeidlichen Fälle von Wechselfieber, einige kleine Verwundungen und einige Hautkrankheiten[54] — das sind alle Krankheiten, welche ich von Seiten der Compagnie in Behandlung bekam. Die ersten Wochen meines Aufenthaltes brachten mir jedoch viele Sorgen mit der Behandlung kleiner Wunden. Das Marodenzimmer bestand nämlich aus Matten von gespaltenem Bambus. Darin lagen zwei Patienten mit kleinen Wunden, welche plötzlich eines Tages ein sehr übles Aussehen bekamen; es war Hospitalbrand hinzugetreten (Gangraena nosocomialis). Ich erfuhr von dem Krankenwärter, dass einige Wochen vor meiner Ankunft ein Patient an Spitalbrand in diesem Zimmer gestorben war. Ich liess sofort das Zimmer räumen, diese zwei Patienten in den »Cholerasaal« bringen, welcher sich ausserhalb des Forts befand und noch niemals gebraucht worden war, und sandte an den militärischen Commandanten einen wohl motivirten Vorschlag, dieses Marodenzimmer niederreissen und verbrennen zu lassen. Das Verlassen dieses Marodenzimmers und eine energische Behandlung reichte hin, das Fortschreiten des Brandes bei diesen zwei Patienten aufzuhalten, und so blieben sie nicht nur dem Leben erhalten, sondern ich war auch nicht bemüssigt, grössere Körpertheile zu entfernen.

Auch ein atjeischer Patient meldete sich an; er hatte Elephantiasis, und ich erfreute mich eines sehr schönen Resultates; er war beinahe ganz geheilt, als ihn eines Tages ein eigenthümlicher Zufall veranlasste, um sofortigen Abschied aus der Spitalbehandlung zu bitten. Der militärische Commandant liess nämlich eines Tages exercitii causa Alarm blasen. Die Soldaten eilten zu den ihnen angewiesenen Schiessöffnungen und feuerten mit blinden Patronen. Mein atjeischer Patient glaubte hierin ein Vorspiel für einen Ernstfall zu sehen, vertraute der Zukunft nicht und liess sich um keinen Preis im Spitale zurückhalten. Bei seiner Aufnahme war nicht nur der ganze linke Unterschenkel zu einer beinahe brettharten dicken Säule erstarrt, sondern auch das Fussgelenk und das Knie waren durch die starre Haut unbeweglich geworden. Bei seinem übereilten Abschied waren Fuss und Kniegelenke beweglich geworden, und der Unterschenkel hatte beinahe normale Form. Allerdings war die Haut desselben noch theilweise infiltrirt.

Am 17. Januar hatte ungefähr eine Stunde vom Fort entfernt ein »Amok«-Fall stattgefunden. Der Rasende hatte vier Menschen verwundet, bevor es gelang, ihn unschädlich zu machen; ein Atjeer und ein Chinese wurden getödtet; ein zweiter Eingeborener erhielt fünf Wunden und das vierte Schlachtopfer nur einen Stich am linken Vorderarm. Diesen einen Unglücklichen sandte mir der Controleur zur ärztlichen Behandlung und zwar in Begleitung der Frau des »Amokläufers«. Ich hatte darum ersucht, um mich so gründlich als möglich mit dieser Frage beschäftigen zu können. Da die Eingeborenen der Suggestion ausserordentlich leicht zugänglich sind, so bemühte ich mich, jeden »Hineinexaminirens« mich zu enthalten und sorgte auch dafür, dass der Dolmetsch auf die Antworten dieses Atjeers keinen Einfluss nahm. Schon die erste Frage, die ich stellte, brachte eine befriedigende Antwort. Ich liess mir einfach mittheilen, was der Bösewicht (?) kurz vor dem »Amoklaufen« gethan hatte. »Nichts,« erhielt ich zur Antwort, »denn er hatte ja das Fieber; sein Körper war heiss und er delirirte (bitjâra gîla), plötzlich sprang er auf, ergriff den Dolch (rêuntjong) und schwang ihn nach allen Seiten und stiess ihn in die Brust des Nachbarn, welcher nur geholfen hatte, dem Kranken die abkühlende Salbe auf die Stirne zu reiben. Ich lief auf die Strasse um Hülfe zu rufen; unterdessen war er hinter mir nachgelaufen und verwundete noch drei Männer, welche auf meinen Hülferuf herbeigeeilt waren.«

So oft und so nachdrücklich ich mich erkundigte, ob diese Schlachtopfer in irgend einer Weise als persönliche Feinde direct oder indirect Anlass zu einer erbitterten oder gehässigen Stimmung gegeben hätten oder vielleicht vor längerer Zeit seinen Hass oder Neid oder Missgunst oder Eifersucht erregt hätten, die der Mörder nur zeitweilig nicht gezeigt habe — auch diesem wurde auf das Bestimmteste widersprochen.

Es war also der typische Fall des »Amoklaufens«,[55] bei welchem der Rasende ohne Unterschied der Person, des Geschlechtes und des Alters jeden Menschen verwundet, der ihm entgegentritt. Dieser Fall bestreitet jedoch alle bisherigen Theorien, welche über die malaiische Sitte des Amoklaufens aufgestellt wurden. Dieser Mann rauchte kein Opium, er war von keinem religiösen Wahnsinn ergriffen, er wollte sich nicht auf diese ungewöhnliche Weise das Leben nehmen, um trotz des Verbotes des Selbstmordes der Freuden des Himmels theilhaft zu werden; es war ein Kranker, welcher im Fieber delirirte.


Auch einen Krebsfall bekam ich zur Behandlung; es war ein Mann, welcher am rechten Oberschenkel eine Geschwulst von der Grösse einer Faust hatte; die Schmerzhaftigkeit der Geschwulst, das rasche Wachsen derselben, das schlechte Aussehen des Patienten liessen mich an einen Krebs denken, ohne dass ich mir darüber Gewissheit verschaffen konnte; der Patient verweigerte nämlich jeden chirurgischen Eingriff.

Fig. 13. Pfarrhaus in Kuta-radja.