Dahin muss ich meine monatlichen Fahrten nach Pankalan Siatas und einige interessante chirurgische Fälle rechnen, die ich in Behandlung bekam.
Die Streitigkeiten mit meiner liebenswürdigen Nachbarin und meine körperlichen Leiden haben allerdings meine Gemüthsstimmung so sehr verbittert, dass ich aus dieser Zeit nur den Totaleindruck einer miserablen und traurigen Existenz bewahrt habe.
In der Regel brachten meine monatlichen Reisen nach Pankalan Siatas mir eine willkommene Abwechslung in der Gesellschaft. Wenn man täglich nur vier Menschen sieht und spricht, tritt das Verlangen, andere Menschen zu sehen, andere Stimmen zu hören und andere Anschauungen austauschen zu können, fühlbar auf. Es mag in Europa Landherren oder Beamte geben, welche in kleinen Städten, Dörfern u. s. w. in ähnlichen Verhältnissen leben; aber diese Uebelstände machen sich in Indien fühlbarer, weil man keine Möglichkeit kennt, sie zu verändern.
Zwei Mal hatte ich auf diesen Fahrten eine kleine Abwechslung. Das erste Mal begleitete mich ein Geistlicher, welcher acht Tage vorher nach Seruway gekommen war, um den katholischen Soldaten für einige Tage religiösen Zuspruch zu gewähren, etwaige neugeborene Soldatenkinder zu taufen und Gelegenheit zur Beichte zu geben. »Pastor« X. fuhr mit mir nach Pankalan Siatas, von wo er mit dem nächsten Dampfer seinen zeitlichen Standplatz Medan aufsuchen wollte.
Wir waren kaum drei Kilometer hinter Seruway, als die Schraube mit einem einem Kanonenschusse ähnlichen Knall brach. Unwillkürlich entschlüpfte mir das in Indien übliche Scherzwort: »Nun ja, wir haben einen Pfarrer an Bord, also müssen wir ein Unglück bekommen«, und dieser brave Mann bekam eine Röthe wie ein Backfischchen. Als ich ihn versicherte, dass ich dieses Sprichwort nicht als Vorwurf gebraucht habe, theilte er mir mit, dass ihm diese Legende bekannt sei, dass sein Erröthen mehr die Erschütterung der kleinen Dampfbarcasse als meinen Scherz zur Ursache habe und dass er mir gewiss nicht zürne. —
Der Bruch der Schraube hatte weiter keine unangenehmen Folgen. Wir fuhren ja stromabwärts; die Strömung des Flusses — zur Zeit der Ebbe des Meeres — brachte uns vorwärts; das Steuerruder war intact, wir konnten also trotz der zahlreichen Krümmungen des Tamiangstromes ungefährdet allen Ecken und vorspringenden Ufertheilen ausweichen, und als wir die Mündung des Stromes erreichten, war die Reserveschraube eingesetzt.
Die beiderseitigen Ufer boten nach keiner Richtung etwas Sehenswerthes. Der Wasserstand war niedrig, die hohen Ufer waren mit undurchdringbarem Gebüsch bedeckt, aus welchem die Nipahpalmen, die Brutstätte der Mosquitos, hervorragten, und gegen das Ende des Stromes verflachten sich die Ufer allmählich so weit, bis sie das Niveau des Meeres erreicht hatten.[52] Dennoch besitzt das linke Ufer ein geologisches Curiosum, auf welches mich der Steuermann der Barcasse aufmerksam machte, und zwar gerade gegenüber dem Haupteingange des Forts.
Bei meiner Ankunft in Seruway borgte ich mir einen Kahn aus und fuhr mit vier Sträflingen dahin, welche Hacke und Schaufeln mitnahmen. Ich fand, wie mir jener mitgetheilt hat, einen kleinen Hügel, welcher aus kleinen Muschelschalen, etwa von der Grösse eines halben Pfennigs, bestand. Der Boden rings um diesen kleinen Hügel bestand aus Lehm mit Humus gemischt. Mir ist bekannt, dass der Kiel von Dampfern und Schiffen sehr oft Gebilde des Meeres bis tief in’s Innere des Landes verschleppen könne; aber dieser ganz isolirte Haufen von tausenden und tausenden kleiner Muscheln, mitten im Alluvialboden und noch dazu vier bis fünf Stunden von der Küste entfernt, war nicht nur mir ein Räthsel, sondern war auch von jeher den Eingeborenen eine unverständliche Erscheinung. W. Splieth beschreibt uns im Archiv für Anthropologie von Schleswig-Holstein im Jahre 1888 (?) solche Muschelhaufen oder, wie er sie nennt, solche Kjokkenmodding als wichtige Documente der Steinzeit. Leider hatte ich damals keine Ahnung von der Bedeutung dieser »Faciesbildung« für die Paläontologie und unterliess es darum, sie auf Ueberreste von Thieren oder Menschen oder Geräthen zu untersuchen. Vielleicht genügt diese Mittheilung, jemand Andern, welcher sich in dieser Gegend aufhält, zur Untersuchung dieser »Facies« anzuregen.
Das zweite Abenteuer, welches ich bei dieser Fahrt auf der Dampfbarcasse erlebte, lief ebenfalls gut ab, hatte aber eine kleine Expedition zur Folge.
Schon durch einige Wochen kamen bei dem Controleur Berichte ein, dass die Atjeer beabsichtigen, die »Ostküste von Sumatra« zu überfallen und selbst die Hauptstadt Medan anzugreifen; zu diesem Zwecke sollten zunächst einige atjeische Aufwiegler in dem Bezirke Langkat die Eingeborenen zum Kampfe gegen die Holländer aufreizen und die benachbarten Stämme der Batakker zum Einfallen in die Tabakplantagen veranlassen. Da schon einen Monat lang diese Spionenberichte einliefen, ohne dass thatsächlich irgend etwas geschah, glaubte ich im Januar 1884 meine gewöhnliche Inspectionsreise nach Pankalan Siatas machen zu können, umsomehr als der Controleur keine Ursache hatte, mich davon zurück zu halten. Kaum hatte ich jedoch ein paar hundert Meter zurückgelegt, als wir fünf Atjeer mit Gewehren bewaffnet am linken Ufer mit uns gleichen Schritt halten sahen. Sofort liess ich umkehren, und als ich im Fort ankam, erfuhr ich, dass der Controleur von der Anwesenheit dieser Feinde bereits Nachricht erhalten habe, und dass der Officierstellvertreter sofort mit zehn Mann ausrücken müsse, um sich dieser Aufwiegler — todt oder lebend — zu bemächtigen. Durch meine Zurückkehr sei dieser nun in der angenehmen Lage, mit der Dampfbarcasse die kleine Expedition ausführen zu können, während er im andern Falle ein gewöhnliches Boot hätte benützen müssen. Einer von diesen fünf Feinden wurde getödtet, die andern vier gefangen und nach Medan gesendet.[53]