Ende jeden Jahres wird in Atjeh von den diversen Forts eine Liste der anwesenden Officiere angelegt mit der Angabe, ob sie in Atjeh länger als sie verpflichtet[50] seien, bleiben wollten.
Als Antwort auf meinen Brief gab Lieutenant X. von sich an: Wünscht zu bleiben. Acht Tage später musste er in das Spital zu Kuta radja aufgenommen werden und war drei Tage später eine Leiche. Wie mir später mitgetheilt wurde, war es seine Frau, welche ihn bewogen hatte, meine Warnung als den Einfluss persönlicher Eifersucht auf ihr angenehmes und einträgliches Leben als Fortcommandant aufzufassen.
Das gesellschaftliche Leben eines Officiers oder eines Militärarztes in der holländisch-indischen Armee ist sehr reich an Abwechslung. Bald ist er in einer Garnison, welche alle Genüsse und Vortheile einer europäischen Stadt bietet, bald sitzt er allein oder nur mit ein oder zwei Officieren in einem kleinen Fort fern von allen Vorzügen der Civilisation und nebstdem umgeben von allen Schrecknissen des Tropenlebens.
So erging es mir in Seruway. Im Ganzen bestand der Kreis, in welchem ich mich bewegte, aus einem jungen Controleur, einem Lieutenant mit seiner Frau, einem Officiersstellvertreter und einem Bürger, dem Agenten der Firma Hüttenbach, welche die Lieferantin des Forts war.
Das Fort selbst lag mitten im Sumpfe am rechten Ufer des Tamiangflusses und war von 2½ m hohen Palissaden umgeben; der Raum zwischen den Palissaden und der Caserne und dem Officiersgebäude war nicht nur der Rendezvousplatz von uns fünf Europäern, sondern auch der einzige Weg, auf dem man spazieren gehen konnte. Die Wohnung des Controleurs war an der Nordseite des Forts fünfzehn Meter entfernt. Das Officiersgebäude stand mitten auf dem Platze und hatte hölzerne Wände; ich bewohnte die westliche Ecke, welche gegenüber dem Marodenzimmer lag und zwar nicht weiter als zehn Schritt.
Ich hatte einen Bedienten, dessen Frau gleichzeitig Köchin war; da sich in der Nähe kein Kampong befand, konnte sie beinahe niemals frisches Grünzeug erhalten, und nur hin und wieder war es möglich, einige Stücke Lombok (= Paprika) oder Fisolen von einigen Soldatenfrauen zu erstehen, welche mit Erlaubniss des Militär-Commandanten ausserhalb des Forts einige kleine Gemüsebeete angelegt hatten. Die übrigen Lebensmittel erhielten wir von dem Lieferanten der Garnison. Zu meinem Vergnügen hielt ich ausserhalb des Forts einen Hühnerstall, worin sich beinahe immer sechzig Legehühner befanden. Im Durchschnitt bekam ich täglich zwanzig Eier, welche ich theilweise à 2 Ct. = 3½ Pfennig meinem Bedienten überliess, der mich darum ersuchte, um im Fort einen kleinen Eierhandel zu treiben. Der Garnisonlieferant lieferte nämlich nur gesalzene Enteneier, welche in ganz Indien sehr gern gegessen werden. Die frischen Hühnereier haben natürlich auch ihre Freunde; ich weiss jedoch heute noch nicht, an wen »Sidin« diese Eier und wie hoch er sie verkauft hat. Frische Kuhmilch war in dem Fort ganz unbekannt, und ich bezog von dem Agenten der Firma Hüttenbach meistens nur die Schweizerische condensirte Kuhmilch, welche mich mehr befriedigte, als die »flüssige Milch«, welche damals in Mode kam. Auch später hat die Schweizerische condensirte Kuhmilch mir solch’ vortreffliche Dienste bei meinen Patienten geleistet, dass ich sie heute noch als Ersatz der Muttermilch in erster Reihe verordne.
Das Klima Seruways war trotz seiner relativ grossen Entfernung von der Küste ein wahres »Strandklima«. Nirgends eine schattenspendende Allee; den ganzen Tag sandte die Sonne ihre versengenden Strahlen auf uns nieder; nur selten erfrischte der Seewind die mit Miasmen und heissem Staub geschwängerte Luft; und wenn in der Regenzeit täglich viele Stunden lang das Wasser vom Himmel in Strömen stürzte, dann konnten wir nicht einmal unser Haus verlassen. Die Temperatur schwankte je nach der Tageszeit und nach der Art des Monsuns von 22 ° C. bis 37 ° C. und der Feuchtigkeitsgehalt der Luft zwischen 700–800 pro m.
Noch andere Factoren kamen hinzu, um diesen Garnisonort zu dem unangenehmsten zu machen, den ich während meiner zwanzigjährigen Dienstzeit hatte. Ich wurde krank, hatte als Arzt wenig zu thun und hatte keinen Verkehr mit den Eingeborenen, so dass ich auch weder auf ethnographischem noch auf zoologischem Gebiete mich beschäftigen konnte. Ich hielt es in dieser Garnison nur wenige Monate aus und — lief endlich am 24. Februar 1884 davon.
Bevor ich jedoch die eigentliche Ursache dieser Desertion erzähle, will ich einige Intermezzi mittheilen, welche als Lichtpunkte dieses öde, elende und langweilige Leben wenigstens einigermaassen erhellten oder, besser gesagt, einige Abwechslung in das monotone tägliche Leben brachten.[51]