6. Capitel.
Flora von Mittel-Sumatra.
Den 13. Februar 1891 begann von Padang Pandjang jene grosse Expedition, welche von dem Oberingenieur Yzermann unternommen wurde, um für die Kohlen des Ombilienfeldes im Westen von Sumatra einen Landweg nach der Ostküste zu suchen und zu finden, d. h. zu suchen, ob eine Eisenbahn die West- mit der Ostküste Sumatras verbinden könnte. Dieses Unternehmen wurde in einem schönen Buche mit dem Namen: »Dwars door Sumatra« = Quer durch Sumatra, beschrieben. Zu den Mitarbeitern dieses Buches gehörte auch der Förster S. H. Koorders, welcher nicht nur das jeweilige Nutzholz in den durchzogenen Landstrichen aufnahm, sondern auch so viel als möglich Pflanzen sammelte. Dr. J. G. Boerlage (oe = u), Conservator in Leiden, hat dieser Sammlung die wissenschaftliche Weihe gegeben. Aber auch dem wildromantischen Reize eines Marsches durch den Urwald ([Fig. 11]) hat der Herr Koorders beredte Worte verliehen. Da ich ein Laie in der Botanik bin, kann ich unmöglich meine Eindrücke von einem Urwalde in den Tropen in wissenschaftlichen Formen wiedergeben, ich bin also gezwungen, aus anderer Quelle zu schöpfen. Ich glaube nicht, dass die Flora Sumatras jemals besser und ausführlicher beschrieben wurde, als es der Herr Koorders in seiner »Lossen schetsen der vegetatie van Equatoriaal Sumatra« gethan hat. Ich selbst habe den Urwald Sumatras in der südlichen Provinz »Lampong«, an der Grenze des atjeischen Reiches, sowie im Herzen Borneos gesehen; die Waldriesen von ungefähr 40 Meter Höhe, das undurchdringliche Gestrüpp und die Lianen, welche kreuz und quer die mächtigen Baumstämme verbanden, die kühle und feuchte Luft, die mächtige Humusschicht des Bodens, welche mit Laub bedeckt war, und die majestätische Ruhe, welche nur hin und wieder durch den Klageruf eines Affen gestört wurde, haben einen mächtigen Eindruck auf mich gemacht, dessen Zauber ich mich heute noch nicht entziehen kann; stets fehlte mir das botanische Wissen, um auch ein wissenschaftliches Bild dieses wildromantischen Bildes entwerfen zu können. Möge also der Herr Koorders sein fachmännisches Wissen über den Urwald Sumatras hier mittheilen.
Diese Expedition ging von Padang Pandjang 0° 30′ s. B. von der Westküste Sumatras aus und endigte in 46 Tagen an der Ostküste bei Siak 0° 50′ n. B. Der Aequator wurde am 12. März überschritten; sie durchschritten also einen Gürtel von ungefähr 1½ Grad, und da der Weg über Berg und Thal zog, bis er bei Siak die Meeresküste erreichte, entrollte er unserem Auge das liebliche Bild der Flora in der Tertiärformation im Diluvium und im Alluvium.
Fig. 14. Eine Gerichtsverhandlung in Kuta-radja.
Zwischen Mokko-Mokko und Lubuk Ambatjang hat der Fluss Kwantan sein Bett tief in die Erde graben müssen, welche dort aus Kalk und Schiefer besteht. Bis 100 Meter hoch erhebt sich das Ufer über der Fläche des Stromes, und bei Mokko-Mokko schliessen beinahe senkrechte Kalkfelsen die breiten Ufer ab.[61] Natürlich sieht man auch Stellen, wo das Bett des Flusses weniger steil aufsteigt, und da kann sich das Auge an dem üppigen Pflanzenwuchs ergötzen, welcher die Ufer umgiebt. Dann sieht man den schönsten Urwald wie in einem Amphitheater aufgebaut. Die säulenförmigen glatten Stämme von 40–50 Meter hohen Dipterocarpaceen mit kleinen Kronen stehen neben 15–25 Meter hohen knorrigen, niedrig und reich verzweigten Kasehbäumen (Pometia tomentosa T. und B.), und an diese grenzen wieder andere Waldriesen, wie z. B. der Ampalo (Dillenia Sumatrana Miq.), die Rengas (Gluta Renghas L.) und die Sungke (Peronema canescens Jack). Dazwischen schlingen sich die Rottangs mit scharfen Dornen und Lianen in mancherlei Form mit goldgelben und scharlachrothen Blumenstauden. Sie schlingen sich von Baum zu Baum bis zu den höchsten Spitzen und hängen dann als schöngefärbte Guirlanden von den Zweigen herab. Eine solche Landschaft, vom Sonnenlicht beschienen, zeigt die Farbenpracht einer tropischen Vegetation in ihrem ganzen Reichthum. Das Grün in allen Nuancen ist vorherrschend. Dunkelgrün, beinahe schwarz scheint das dichte Laubgewölbe der hohen Simaung-Bäume (Pangium edule Reinw.); ein helleres Grün findet man in der breiten vollen Krone der Sungke-Bäume, während das blassgrüne Laub von Melochia Indica Hock oder von zwei Mallotussorten (Mallotus cochinchinensis Lour. und Mallotus floribundus Müll. Arg.) an dem Saume des Waldes gesehen wird. Das Gelbe ist stark vertreten. Schon von Weitem sieht man die zahlreichen grossen goldgelben Blumen von Wormia excelsa Jack und Dillenia Sumatrana Miq. und die ebenso schön gefärbten Blumenbündel von dem Djuwarbaum (Cassia florida Vahl). Noch mehr wird unsere Aufmerksamkeit gefesselt von einer während der Blüthezeit entblätterten Sterculia, welche wie ein riesengrosser gelber Blumenstrauss von dem grünen Hintergrunde der Bäume absticht, während eine hier häufig vorkommende Liane mit zahlreichen gelben Blumen geschmückt ist. Orangengelb ist die Farbe der Blüthen eines kleinen Baumes aus der Familie der Rubiaceen, wahrscheinlich einer Pavetta. Scharlachrothe Blumenguirlanden von einer Liane hängen zwischen den Bäumen herab und werden abgewechselt von den zahlreichen rothvioletten aufrechtstehenden Blumenbündeln der Sterculiacea Kleinhovia hospita L. Ein Dunkelpurpur bedeckt die Spitzen der Kasehbäume und ebenso die von einer Eugenia, welche jetzt mit jungem Laub bedeckt sind. Die dunkelbraune Farbe, welche die hohen Spitzen der Timbalun-Bäume zeigen, verdanken sie jedoch weder dem Laube noch den Blüthen, sondern den geflügelten Früchten, womit sie jetzt bedeckt sind. Diese Farbe sieht man auch an den Flügeln der Dipterocarpussorten, deren Früchte man als grosse Schmetterlinge hin und wieder hinunterschweben sieht. Graubraun ist die Unterseite der Blätter von Durio Zibethinus L. von Pterospermum diversifolium Bl. und von Pterospermum suberifolium Willd. Schneeweiss sind die Blumenbündel der Pometia tomentosa T. und B. und der Peronema canescens Jack.
Auffallend ist die Höhe der Bäume, die manchmal 40 bis 60 Meter beträgt, während der glatte Stamm erst auf einer Höhe von 30 Metern Zweige abgiebt. Dazu gehören: Alstonia scholaris Br., Sterculia spectabilis Miq., Neesia altissima Bl., Dipterocarpus littoralis Bl., Dipterocarpus appendiculatus Scheff., Paroshorea lucida Kurz, Pangium edule Reinw., Pterospermum suberifolium Bl., Parkia intermedia Hassk., Sloetia Sideoxylon Teysm. et Bum, Artocarpus Blumei Tréc, Cedrela serrulata Miq. Isolirt stehen colossale Exemplare von Ficussorten, welche ihr gigantisches Aussehen nicht der Höhe, sondern dem Umfange[62] verdanken. Man findet aber auch kurze, dünne, säulenförmige Stämme und zwar bei den Baumfarren (Alsophila) und bei der Palme Arenga obtusifolia Marl. Dünne Stämme, welche nur einige Mal gabelförmig verzweigen, haben Arthrophyllum diversifolium Bl., Oroxylon indicum Bl. und Pandanus furcata Roxb. Knorrige krumme Stämme, welche sich in unregelmässig gekrümmten Zweigen und zwar in der Nähe des Bodens verzweigen, zeigt Dillenia Sumatrana Miq. Am Ufer des Flusses stehen natürlich noch zahlreiche Gesträuche mit dünnen krummen Zweigen aus der Familie Aglaia, Meliaceae und Myrtaceae.
Auch die Form der Blätter ist reich an Abwechslung. Rund- oder herzförmig sind die Blätter der Kleinhovia hospita L., Mallotus cochinchinensis Lour., Mallotus floribundus Mull.-Arg. und Homalanthus populifolius. Grosse, längliche, gelappte oder flossenartig zertheilte Blätter hat Artacarpus Blumei Trec.; Macaranga hypoleuca Mull. und Pangium edule Reinw.; ein bis zwei Meter lange flossenartige Blätter haben Peronema canescens, Pometia tomentosa, Arthrophyllum diversifolium, Oroxylon indicum, Cedrela serrulata Miq., Canarium hispidum, Canarium rostriferum u. s. w. Einen sehr eigenthümlichen Typus zeigen die Blätter der Federpalme Arenga obtusifolia, welche über sechs Meter lang werden, und ebenso charakteristisch sind die Blätter der Pandanussorte von drei bis sechs Metern, welche an den Rändern scharfe Dornen haben und wie eine Spirale um den Stamm geordnet sind.