Von dem Urwald selbst ist der Herr Koorders wenig oder gar nicht entzückt. Wenn der Waldsaum am Ufer (des Kwantan) durch die Farbenpracht der Blumen, durch die pittoresken Formen der Blätter und Stämme und durch die oft gigantische Höhe der Bäume jeden Touristen entzücken, so zeigt der Urwald selbst, welchen ich sah und zwar sowohl auf Sumatra als auf Borneo, ein anderes, aber darum nicht weniger interessantes Bild. Die majestätische Ruhe für das Ohr und für das Auge ist das Charakteristische des Urwaldes stricte dictu d. h. in seinem Innern. Am Waldessaum breiten die Waldriesen ihre Gipfel zu mächtigen Kronen aus; im Innern des Urwaldes stehen sie aneinander gedrungen und formen in einer Höhe von 30 bis 40 Meter ein Gewölbe, durch welches kein Sonnenstrahl dringt; die Bäume selbst sind kaum ein Meter dick und verzweigen sich schon auf eine Höhe von 20 bis 25 Meter. Nur wenige Lianen ziehen von Stamm zu Stamm, und nur mit Mühe schreitet man zwischen diesen vorwärts. Aber keine Sträucher bedecken den Boden. Nur schmutzig gelbe oder licht braune Blätter sind die oberste Hülle der Humusschicht. In diesem Urwalde zwischen den beiden Strömen Kwantan und Kampar sah der Herr Koorders nur das grüne Laubdach und graue Baumstämme; keine Orchideen, nur wenig oder gar kein Moos, nur wenige Blumen (z. B. Pavettasorten), und auf dem Boden nur einige Farrenkräuter (z. B. die Lindsaea mit blaugrünem Laube).

Auf seiner weiteren Reise, welche von Lubuk Ambatjang nordöstlich durch die beinahe ganz unbekannten Gebiete der »unabhängigen Stämme« sich zog, änderte sich bald das Bild der Flora. Auf dem lehmigen Pfade nach Logei, welcher mit Sand durchmengt war, standen zwei bis vier Meter hohe Gleichenias Nepenthes und Lycopodium cernuum Bl.; an sie grenzten Sträucher und kleine Bäume von zehn bis zwanzig Meter Höhe, wie z. B. Eurya acuminata DC., Adinandra dumosa Jack, Vitex pubescens Vahl, Rhodamnia trinervia Bl., Quercus sp., Adenanthera pavonia L., Commersonia platyphylla Andr., Lagerstroemia speciosa Pers., Alpinia und Schlingpflanzen (Lycopodium). Hinter dem Walde war Schilfrohr mit einigen jungen Bäumen der Peronema canescens und Macaranga trichocarpa, und ein hoher Kasehbaum verkündigte die Nähe von Wasser; am jenseitigen Ufer des Batang-ajer stand ein ungefähr sechs Meter hohes, krummes Bäumchen aus dem Geschlechte der Carallia Roxb. und einige stattliche Exemplare der Eurya acuminata, Mallotus cochinchinensis, Adinandra, Wormia excelsa, Macaranga trichocarpa, Pterospermum suberifolium, Glochidion sp., Rhodamnia trinervia Bl. und Eugenia sp. schlossen dieses botanische Panorama.

Bei Logei selbst nämlich war eine beinahe baumlose Fläche von einigen Kilometer Länge und einem halben Kilometer Breite. Der Boden war mit Kieselsand und mit faustgrossen Stücken von Milchquarz bedeckt. In der Mitte zog ein kleines krystallhelles Bächlein, an dessen Ufer die Eriocaulon sexangulare zahlreich vorkam; hin und wieder sah man einige drei bis zehn Meter hohe Bäumchen aus der mit Gras und Kräutern bedeckten Oberfläche hervorragen; z. B. Scleria Sumatrana Retz (Cyperngras), Eriachne gracilis Duper., Hedyotis hispida Retz, Nepenthes Korhalsiana Miq., Rhodomyrtus tomentosa und Archytaea Vahlii Coisy (mit rosenrothen Blüthen und dunkelgrünen glänzenden Blättern, welche purpurnen Rand und Hautnerven haben). Diese Archytaea hatten wie die Vitex pubescens Vahl und Commersonia platyphylla an dieser Stelle nur eine Höhe von ein bis zwei Metern. Auf dem dürren Boden dieser Ebene sah der Herr Koorders auch einige Exemplare der Fagraea fragrans (eine Loganiacea) und Greenia Jackiana Wight (Rubiacea), Calophyllum Inophyllum L. und Tetramerista glabra Miq. Am Ende dieser Ebene standen wieder Vertreter der wahren Waldvegetation. Evodia Roxburghiana Benth, Symplocos ferrugineus Roxb., Glochidion superbum Baill., Aporosa microcalyx Hasik, Mallotus cochinchinensis, Galearia aristifera, Myristica iteophylla, Carallia lanceaefolia, Sideroxylon ferrugineum, Rhodamnia cinerea, Angelesia splendens, Diemenia racemosa, Adinandra dumosa und Eurya acuminata begrenzten diese Ebene, welche durch ihren kahlen Anblick und durch ihre schwache Vegetation dem Botaniker wie dem Touristen nur wenig Abwechslung bot.

Ein neues Bild zeigten die Ufer des Sigati, eines Nebenflusses des Kamparflusses. Wasser bedeckte die Ufer bis tief in den Wald hinein und gewaltige Rhizophoren verriethen den Sumpfboden. Calophyllum rhizophorum, Dillenia eximia, Elaeocarpus tomentosus, Fagraea racemosa und Kibenia tuberculata kamen hier bei einer Meereshöhe von 20–30 Meter vor, während z. B. die zwei letzten auf Java erst in einer Höhe von 800 Meter gefunden werden. Am meisten fiel jedoch die grosse Zahl der Tristania Sumatrana auf, deren Rinde stets in grossen Stücken von dem Baume sich löst, und die eigenthümlichen Vitexsorten, welche fünf- bis siebenzählige Blätter mit breitgeflügeltem Stengel haben. Von den spärlich vertretenen Lianensorten war allein die Flagellaria indica erwähnenswerth.

Wenn auch dieser kleine Fluss in seinem ganzen Laufe niedrige Ufer hatte, so dass sein ganzes Flussgebiet zahlreichen Ueberströmungen ausgesetzt war, so zeigt doch der Unterlauf einen andern Charakter der Flora als der Oberlauf. In der Nähe der Mündung (in den Kampar) hatten die Bäume niedere Aeste, krumme Stämme mit zahlreichen Schmarotzern (Loranthussorten und einigen Orchideen) und ihre runden Kronen berührten beinahe die spiegelnde Fläche des Wassers. Dazu gehörten Grewia subcordola, Barringtonia spicata, Pithecolobium lobatum, Elaeocarpus paniculatus, Vitex pteropoda, Gluta Renghas, Pternandra capitellata, Eugenia sp., Homalium sp., Artocarpus Termisalalia sp. und Evonymus sp. Zwischen diesen Bäumen zogen zahlreiche Lianen, von denen besonders der Rottang durch seine Dicke auffiel; natürlich war auch der Boden mit zahlreichen Sträuchern bedeckt, worunter eine Ardisiasorte durch ihre zierlichen Blumenbündel besonders auffiel. Aber auch die Grewia omphacarpa mit ihren goldgelben Blumen und ihren kleinen orangerothen Früchten, die Vitex pubescens Vahl mit ihren grossen violetten Blumensträussen, die Barringtonia mit ihren langen Trauben von rothen und purpurnen Blüthen; die Evonymus mit ihren zahlreichen grünen Früchten und die Pithecolobium mit ihren braunen und grünen Schoten ergötzten das Auge des Wanderers.

Auch die unverfälschte Sumpfvegetation beschreibt uns der Herr Koorders ziemlich ausführlich. Vom 20.-22. März befand sich die Expedition in dem Sumpf am linken Ufer des Kamparflusses (0° 15′ N. B. und 101° 40′ O. L.). Ein Stock von sechs Meter Länge erreicht hier noch nicht festen Boden. Auch hier stand ein hochstämmiger Wald; zur Fixirung in den weichen Boden hatten sie jedoch zwei bis vier hohe Luftwurzeln, starke Wurzelleisten, aufrechtstehende Athmungswurzeln, Schlingwurzeln und endlich ein grosses Netz von Haarwurzeln. (Alle diese Wurzelarten erleichtern übrigens die Aufnahme des Sauerstoffes, welcher im sumpfigen Boden im freien Zustand nicht vorkommt.) Calophylla, Eugeniae, Chisocheta, Pandani, Canarii und Myristicae hatten an diesen Stellen solche Luftwurzeln. Nebstdem fielen auf: Zwei bis drei Meter hohe Baumfarren, riesige Pandanisorten und eine Zalacca mit sehr sauren Früchten. Am 26. März befanden sich unsere kühnen Pioniere der Civilisation im Sumpfe bei Pankalan Dulei. Ein ganz anderes Bild zeigte hier die Vegetation. Die Form der Rhizoforen trat in den Hintergrund; die Bäume hatten jedoch ein dicht anliegendes Netz von schlingförmigen Luftwurzeln, zwischen deren Lücke sich das abgefallene Laub aufhäufte, sie waren niedriger (höchstens bis 15 Meter), hatten krumme Stämme und dichte Kronen. Im 7. Capitel bespricht der Herr Koorders den Ackerbau im äquatorialen Sumatra. Natürlich widmet er dem Reise, welcher in den Tropen die Hauptnahrung der auf niedriger Stufe der Civilisation stehenden Eingeborenen ist, die grösste Aufmerksamkeit. Wie auf Borneo[63] kennen die Sumatraner nur den trockenen Reisbau Cassave, Bataten (B. edulis), Zuckerrohr, Ananas, Pisang, Gurken, Labu, Tabak, Kaffee, Lombok, Terong (Solanum melongena), Hülsenfrüchte, Indigo (Mais sah der Herr K. in diesem Theile Sumatras nicht). Artocarpus, Nangka, Kapok (= Pflanzendune), Pinang, Kemiri (= Aleurites triloba), Cocosnuss und andere Fruchtbäume werden in diesem Landstriche häufig gebaut.

Nebstdem führt der Herr Koorders viele Pflanzen an, welche in Java vorkommen und von ihm auf Sumatra nicht gesehen wurden, und umgekehrt auf Java viele Familien und sehr viele Species vermisste, welche er auf Sumatra gesehen hatte; noch auffallender war es, dass in Sumatra viele Pflanzenfamilien in der Ebene gedeihen, welche auf Java erst auf einer Höhe von 8–900 Meter vorkommen, während auf der Halbinsel Malacca dieselben pflanzengeographischen Verhältnisse herrschen.

Wenn der Herr Koorders diesen diesbezüglichen Unterschied zwischen Java und Sumatra betont und wenn anderseits auch die Fauna dieser beiden Inseln solche Lücken in dem einheitlichen Bilde der Tropenwelt zeigt, so haben wir dennoch keine Ursache zu zweifeln an der Richtigkeit der Tradition, dass Java und Sumatra in historischer Zeit ein zusammenhängendes Ganzes gewesen sein solle. Seitdem mit mehr oder weniger Recht die Entstehung der Sorten von einem einzigen Paare nicht mehr angenommen wird, darf die geographische Verbreitung der Flora und Fauna allein nicht mehr als Basis zur Beurtheilung solcher Fragen herangezogen werden.

7. Capitel.

Nach Atjeh — Eine neue Kohlenstation — Uléë Lhöë — Die Strandpalme — In Kuta radja — Auch eine Frauenfrage — Eine Tropenkrankheit.