Dreimal habe ich die Reise von Batavia nach Atjeh[64] unternommen; das erste Mal (im Jahre 1883) und das letzte Mal (1896) war mein Aufenthalt im Norden Sumatras nur auf einige Tage beschränkt, weil ich nur ein Bataillon Soldaten dahin »gebracht« hatte; das zweite Mal jedoch blieb ich zwei volle Jahre in dieser durch den Krieg und durch die Beri-Beri (früher Malaria) seit Jahrzehnten heimgesuchten, heute beinahe bereits unterworfenen Provinz von Nord-Sumatra.

Gewöhnlich ging den 3., 15. und 22. eines jeden Monats damals ein Dampfer von Batavia via Telók Betóng längs der Westküste der Insel nach Atjeh. Wenn sich jedoch das Material oder die Passagiere zu stark angehäuft hatten, welche auf diesen Dampfer warteten, stellte die indische Dampfschifffahrtsgesellschaft einen Extradampfer. Als ich im Juli des Jahres 1886 nach Atjeh transferirt wurde, bekam auch ich den Befehl, mit einer solchen Specialgelegenheit zu reisen und zwar mit der »Tambora« unter dem Commando des Schiffscapitäns Hoffmann. Die Regierung zahlte damals für uns Beide, d. h. für mich und meine Frau. 600 fl. = 1000 Mark; nebstdem erhielt ich allein 3 fl. per Tag für meinen Aufenthalt auf dem Schiffe und Ersatz der Reisespesen der Eisenbahn Weltevreden-Batavia und Uléë-Lhöë-Kuta radja per 39,19 fl. = 65,30 Mark. Die Tarife der gegenwärtigen »Paketvaartmaatschappy« sind mir nicht bekannt, werden aber wahrscheinlich nicht viel niedriger sein. Ich war sechs Tage zu Schiff; die Gesellschaft rechnete also 50 fl. damals per Tag und Kopf für Transport und Verpflegung. Das war ein ganz netter Preis, der durch die zahlreichen Transferirungen der damaligen Zeit der Gesellschaft hohe Dividende sicherte.

Ich war damals so zu sagen noch auf meiner Hochzeitsreise, und dennoch drohte mir die Gefahr, für 1½ Jahr von meiner Frau geschieden zu werden. Jede Officiersfrau muss nämlich vor ihrer Verheirathung einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichtet, bei etwaigen Expeditionen ihrem Manne nicht »in das Lager zu folgen«. In Atjeh bestand aber nur (??) de facto Kriegszustand; de nomine war Atjeh eine eroberte Provinz im Friedenszustande, den nur »böswillige Marodeure« hin und wieder stören wollten. Täglich, wie wir später sehen werden, rückten zahlreiche Patrouillen von 40 bis 50 Mann aus, um diese »Banden« aufzusuchen und unschädlich zu machen; häufig mussten zu diesem Zwecke ganze Bataillone das eroberte Gebiet durchsuchen und kamen bald mit drei bis vier Verwundeten oder Todten, bald wieder mit Verlust von zwanzig bis dreissig Mann nach Hause; die Hauptstadt war mit Stacheldraht umgeben, welchen grosse Schildwachen beschützten; die Clubabende, welche Sonnabend Abends gehalten wurden, und die Aufführungen des Officiertheatervereines waren nur möglich, wenn eine Patrouille von zehn Mann für die Sicherheit sorgte; es war also Frieden (??), aber — nicht alle Officiersfrauen durften bei ihren Männern in der Garnisonstadt Kuta radja verweilen. Jeder Officier, welcher nach Atjeh transferirt wurde, musste also vorher von dem commandirenden General (Gouverneur von Atjeh) Erlaubniss erhalten, seine Frau mitnehmen zu dürfen. Diese wurde ertheilt je nach der Zahl der disponiblen Wohnungen für verheirathete Officiere. In einzelnen Fällen war auch das Armeecommando in der Lage, diese Erlaubniss zu geben und zwar mit dem Vorbehalt der späteren Zustimmung des Gouverneurs von Atjeh. In diesem Falle verkehrte ich. Sobald ich das Ziel meiner Transferirung erfuhr, ersuchte ich den Sanitätschef, für mich die Erlaubniss einzuholen, meine Frau mitnehmen zu dürfen; ich erhielt sie; so hat auch meine Frau zwei Jahre im feindlichen Lande verlebt, reich an interessanten, aber auch gefährlichen Episoden, die heute zu ihrer schönsten Rückerinnerung gehören und sie zu der stolzen Behauptung veranlassen, dass sie mehr Kriegserlebnisse hinter sich habe, als der älteste General der ganzen (natürlich nicht der indischen) holländischen Armee.

Fig. 15. Die neue Moschee in Kuta-radja.

([Vide Seite 123].)

Die Fahrt ging durch die »Sundastrasse«, welche ein liebliches und schönes Bild den Reisenden bietet. Wir liessen alle Inseln zur Rechten und durchschnitten mit Leichtigkeit die dünne Bimssteinschicht, welche seit dem Ausbruch des Krakatau (26. bis 27. August 1883) die See bedeckte. Bei dem Tandjong Sleman = Cap flache Ecke begann der Curs längs der Westküste Sumatras, und weit ins Land hinein (3 km) erstreckte sich die Zone, welche von den wüthenden Elementen jener Tage verwüstet worden war. Während der ganzen Reise sahen wir diese Küste und liessen die Inseln Enganon, Nassau, Mentawei, Batu (= Stein), Mansalar und Nias zu unserer Linken. Die Städte Kroë und Benkulen, bei welchen die Dampfer der gewöhnlichen Touren anlegen, bekamen wir nicht zu Gesicht; in Padang, der Hauptstadt des Gouverneurs der Westküste Sumatras, liessen wir zum ersten Male den Anker fallen, und zwei Tage später erreichten wir bei dem »Königspunkte« die Nordküste von Sumatra. Die »Surattepassage« ist ein gefährlicher Weg; zahlreiche Inseln versperren die Einfahrt in diese Strasse; die Inseln Bras (= Reis) und Nassi (= gekochter Reis) sind die bedeutendsten und grössten derselben. Auf der Reisinsel befindet sich ein Leuchtthurm und eine kleine Garnison. Die grösste aller dieser Inseln ist jedoch Pulu (= Insel) Wè, welche gegenwärtig eine Kohlenstation geworden ist und mit Vorliebe von den Franzosen und Russen bei ihren Fahrten nach Ostasien zur Ergänzung ihres Kohlenvorrathes benutzt wird. Wird es ein zweites Singapore werden?[65]

Wenn auch die Einfahrt in diese Strasse wegen der Nähe der Küste und der zahlreichen Inseln die ganze Vorsicht des Steuermannes erfordert, so ist dennoch die Fahrt in der »Malakkenpassage« eine angenehme und schöne. Endlich fuhren wir in den Hafen von Uléë Lhöë, und Arm in Arm stand ich mit meiner Frau auf dem Deck und wir Beide liessen unsere Blicke über das flache Ufer schweifen, dessen Hintergrund vom waldbedeckten Goldberge (1726 Meter hoch) zu unserer Linken und von der lieblichen Bergschlucht zu unserer Rechten begrenzt wurde, welche sich, von sanft absteigenden Hügeln begrenzt, bis zur Küste hinzog. Feindliche Kugeln, Fieber, Cholera und Beri-Beri waren die Gespenster, welche über dem Horizont unserer jungen Ehe ihr graues Haupt erhoben. Das Panorama, welches zu unseren Füssen lag, war ja auch ein düsteres, unfreundliches Bild und zeigte nur zu unserer Rechten durch die sanft absteigenden Hügel mit dem Thale von Lepong eine angenehmere und frischere Abwechslung zu dem monotonen, echt tropischen Strande der Hafenstadt Uléë Lhöë. Vor uns lag ein ungefähr hundert Meter langer Pier; dahinter mattgrünes, von Staub bedecktes Laub, aus welchem die schmutzigbraunen Häuser der Eingeborenen mit nicht weniger schmutzigen Atapdächern sich erhoben ([Fig. 12]). Hin und wieder störte das eintönige Bild eine schlanke dünne Palme, welche mit ihren zerrissenen, herabhängenden Blättern geradezu eine Travestie zu jenem überschwänglich beschriebenen Bilde gaben, welches die Touristen gewöhnlich von den Palmen in ihren Reisebriefen entrollen. Ich habe die gewöhnliche Palme (Cocos nucifera) im Urwalde gesehen, ich wandelte in schön gepflegten und gereinigten Palmengärten, und immer und immer gab ich mir Mühe, das »Schöne und Reizende« der Palme zu suchen und zu sehen. Es soll ungefähr tausend »Palmensorten« geben; darunter sind natürlich einige Species, welche mit mehr oder weniger Recht jedes Künstlerauge befriedigen oder entzücken; ich spreche aber nur von der Cocos- oder Strandpalme, welche unter dem Namen »Klapperbaum« auf den Inseln des indischen Archipels eine so häufige Erscheinung ist, dass sie als Prototyp der Palmensorten dieser Inseln gelten kann. Diese Palme kann ich unmöglich schön nennen. (Vide [Fig. 21].) Es ist ein ungefähr 30 cm dicker Stamm, welcher eine Höhe von 30 bis 40 Metern erreicht; in seiner ganzen Länge ist er ast- und blätterfrei, besitzt nur Ringe, welche von den abgefallenen Blättern stammen, und nur an der Spitze des Baumes befinden sich die jeweiligen zerfetzten und zerrissenen Palmenblätter, zwischen welchen die bis zu Mannskopf-Grösse entwickelten Früchte herabhängen — und manchmal selbst gefährlich werden. Ich selbst sollte dieses im Jahre 1881 erfahren. Ich stand mit dem Controleur von Malimping unter einem »Klapperbaum« im Gespräche, als eine überreife Frucht herabfiel und kaum einen Centimeter entfernt von meinem Kopfe zu Boden fiel. Vor zwei Jahren wurde das Söhnchen meines Collegen, des jetzigen Stabsarztes X., von einer solchen mit grosser Wucht herabstürzenden Cocosnuss getödtet! Anderseits ist allerdings der Nutzen eines solchen Baumes ein so vielseitiger und ein so grosser, dass er in dem Leben der Eingeborenen eine grosse Rolle spielt und die Dichter geradezu zu überschwänglichen Hymnen begeistert. Während meines Aufenthaltes in Magelang (Java) hatte ich einen Kutscher, welcher ein ebenso frommer Mohamedaner, als ein treuer Bedienter war. Seine Frau bekam ein Kindchen, und an demselben Tage bat er mich um die Erlaubniss, in dem Garten, welcher mein Haus umgab, eine »Klapper« pflanzen zu dürfen und diesem symbolischen Acte durch meine Gegenwart die Weihe zu geben. Mich überraschte diese Einladung, weil ich noch niemals gehört hatte, dass ein Malaie auf fremdem Grund und Boden dieses gethan hatte, und ich frug ihn also um Aufklärung für diesen aussergewöhnlichen Vorgang.

»Barangkâli,« erwiderte der Kutscher, »Tuwan Allah kassih.« »Vielleicht giebt es Gott der Herr, dass auch mein Sohn so alt wie dieser Baum wird; und wenn in zehn oder zwanzig Jahren dieser Baum viele Früchte trägt, wird mein Sohn auch so brav und so nützlich wie dieser Baum sein, und ich werde ihm dann erzählen, dass Sie, Herr Doctor! die Saat dem Boden anvertraut haben und dass Sie, Herr Doctor, stets gut gegen seinen Vater gewesen sind. Auch bitte ich Sie, zum Slametan (= Feste) zu kommen, welches ich zu Ehren dieses neugeborenen Kindes geben werde.« Ich versprach ihm, dies zu thun, natürlich mit dem üblichen Vorbehalte, durch ein Geldgeschenk mich davon loszukaufen. Er schickte mir auf einem grossen Tablet die Einladung zu dem Feste. Darauf lagen eine Cocosnuss, zehn Hühnereier, ein Kolben Pisang, zwanzig Mangistan und ein Huhn. Ich gab dem Ueberbringer einen Ryksdaalder (= 4¼ Mark) und meine Glückwünsche, ohne meinen Kutscher durch meine persönliche Anwesenheit bei dem Feste in Verlegenheit zu bringen.

Ueber den vielseitigen Nutzen dieses Baumes will ich kein Wort verlieren, weil dieser im Allgemeinen bereits hinreichend bekannt ist; ich glaube aber, bevor ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, die Rolle andeuten zu müssen, welche dieser Baum im Arzneischatze der Malaien spielt. Aus dem Blüthensafte wird Sagower, Tuwakwein und Legèn bereitet, welche mit Lontar-Zucker gemischt gegen Urin-Erkrankungen gegeben werden; die jungen getrockneten Früchte werden innerlich gegen Diarrhoe und äusserlich gegen die Krätze verwendet; die Cocosmilch ist ein Diureticum und der Saft der unreifen Frucht ein Antilueticum und wird auch bei Lungenkrankheiten angewendet; auch der Ausbruch der Masern soll durch das Trinken von Cocosmilch befördert werden. Selbstverständlich wird das aus der Nuss gewonnene Oel in der Pflege der Haut, der Haare und in der Behandlung zahlreicher Hautkrankheiten häufig gebraucht.