Kaum war der Anker gefallen, sah ich einen Kahn mit der Gouvernementsfahne am Steuerruder befestigt sich dem Schiffe nähern, und bald stieg auf der Falltreppe Lieutenant X. auf’s Schiff, um mir mitzutheilen, dass ich in der Hauptstadt = Kuta radja = Königsstadt dem grossen Militärspital zugetheilt, und dass mir eine Wohnung in der Vorstadt Pantej Perak angewiesen sei, welche zwar nicht ganz den Ansprüchen einer Officierswohnung gerecht werde, aber für ein junges Ehepaar, wie er lächelnd hinzufügte, mehr als genug Raum biete; übrigens würde ich für den Mangel an Comfort, welchen die Wohnung gewiss biete, weil sie ganz aus Bambus bestehe, durch den Erhalt von Quartiergeld von 70 fl. = 116 Mark monatlich entschädigt werden.

Meine Frau hatte allerdings in diesem Augenblick keine Ahnung, in welchen Räumlichkeiten sie ihre Flitterwochen zubringen sollte. — Auf sein Anrathen beeilten wir uns, unser Gepäck in seinen Kahn bringen zu lassen, um mit dem nächsten Zug nach der Hauptstadt fahren zu können, weil wir im andern Falle bis in die späte Nachmittagsstunde warten müssten. Vielleicht zwanzig Treppen führten auf den Brückenkopf des Pier, und kaum hatten wir ihn bestiegen, so bemächtigten sich einige chinesische Kulis lärmend unsers Gepäckes und liefen damit zum Stationsgebäude. (Für grössere Waarentransporte geht allerdings vom Stationsgebäude ein Zweig der Eisenbahn bis gegen das Ende des Pier.)

Zu unserer Rechten stand das »Kampement« mit seinen Officierswohnungen, und links zog sich der Seestrand mit seinen Clubgebäuden und einigen europäischen »Tokos« 1 km weit nach Osten. Von dem westlichen Ende des Kampement hatte man eine schöne Aussicht auf den Hafen und über den Sumpf hin auf ein kleines Fort, welches von dieser Seite Uléë-Lhöë beschützen sollte, anderseits mit seinen Kanonen auch das westliche Ende der »Ceinturebahn« bestrich, welche rings um die Königsstadt zog, von sechs Forts in einem Abstand von je 1000 Metern beschützt wurde und bei Pakan Krung Tjut wieder das sumpfige Ufer der See erreichte.

Schon bei dieser ersten Fahrt im feindlichen Lande sollte uns ein kleiner Schrecken nicht erspart bleiben, der glücklicher Weise nur ein blinder Schuss war. Während unser Wagen mit einer Geschwindigkeit von 15 km durch die Sümpfe von Uléë-Lhöë fuhr, öffnete ein Herr plötzlich die Thüre und rief: »Ein Stoss, Acht geben!« Alle Anwesenden verstanden jedoch »ein Schuss«, und mit Blitzeseile waren alle Damen unter den Bänken. Der gepanzerte Waggon hatte nämlich nur zwei Bänke. Gleich darauf erfolgte thatsächlich ein Zusammenstossen mit einem vom Stationsgebäude abgesandten Rangirzug.

Nach einer viertel Stunde erreichten wir die Hauptstadt.[66] Ein niedriges unansehnliches Stationsgebäude empfing uns, wir gingen bei dem schönen Clubgebäude vorbei und kamen auf einen Damm, welcher am rechten Ufer des Atjehflusses lag. Eine Brücke führte auf das jenseitige Ufer und zwar nach Pantej Perak. Der erste Weg in dieser Vorstadt war eine hübsche Allee, welche auf ihrer rechten Seite eine Reihe schöner hölzerner Officierswohnungen mit Dächern aus galvanisirtem Eisen hatte; zur linken Seite standen das Pfarrhaus ([Fig. 13]) und eine Reihe alter verfaulter Wohnungen aus Bambus, von denen eine unser »Heim« werden sollte. Eine Wachstube schloss sich daran an, und zehn Schritte davon entfernt war schon das Gehege aus Stacheldraht, welches die ganze Hauptstadt vor einem unerwarteten Ueberfalle der Atjeer beschützte.

Während wir wehmüthigen Blickes unser »Haus« besichtigten, ertönten hinter uns auf dem Wege, welcher nach dem grossen Militärspitale und nach dem Kampong Kuta Alam führte, die dumpfen Klänge einer Trommel, welche mit einem schwarzen Tuch bedeckt war. Ein eingeborener Sergeant war der Beri-Beri erlegen, und die Hälfte seiner Compagnie begleitete ihn zu seiner ewigen Ruhestätte. Da wir unser Hôtel aufsuchen mussten, wo unterdessen unser Gepäck unter Begleitung unserer Bedienten angelangt sein konnte, folgten wir dem Trauerzuge, nachdem ich — ich war ja in Uniform — dem Sarge den militärischen Gruss gegeben hatte. Wir gingen zurück über die schöne eiserne Brücke und hatten vis-à-vis dem Clubgebäude das Hôtel »Kugelmann« und zwar auf dem Wege nach Gedáh. Der Leichenzug ging hinter dem Stationsgebäude nach dem Kirchhof, welcher in der Nähe des Kunstberges auf dem Terrain des ehemaligen Kampongs Petjut lag.

Im Hôtel fanden wir vorläufig unser Unterkommen, und wir hatten genug Gelegenheit, für die Einrichtung »des Hauses« zu sorgen. Das Hôtel hatte nämlich »einen Toko« = »einen Kaufladen« für alle täglichen Bedürfnisse, und an dieses schloss sich eine Reihe von »Häusern«, in denen sich noch andere europäische Geschäfte befanden, so dass thatsächlich die ganze Einrichtung der neuen Wohnung aus dem Vorrath dieser Geschäfte gedeckt werden konnte. Da wir ja doch das Meiste mitgebracht hatten (selbst ein eisernes Bett mit Mosquito-Netz), so beschränkten sich unsere Einkäufe auf Möbel und Küchengeschirr.

So manche stillen Thränen sind aus den Augen meiner Frau, wie sie späterhin mittheilte, geflossen, als sie zum ersten Male das Innere dieses »Hauses« betrat und nichts als kahle, schmutzige, gelblichbraune, mit Staub und Spinnengewebe bedeckte Wände sah, zwischen welchen sie das trauliche Heim ihrer jungen Ehe gründen sollte. Nicht einmal Fenster hatte die Wohnung; nur Oeffnungen, welche mit kleinen Thüren aus demselben Material geschlossen werden konnten. Wo sollten die zahlreichen Nippessachen, die Hochzeitsgeschenke hingehängt oder aufgestellt werden? Wir hatten einen grossen Spiegel und zwei grosse Stahlgravüren mitgebracht und fanden Wände aus Bambusmatten vor, in welchen Nägel keine Stützen finden konnten.

Die Noth macht erfinderisch. In den Querlatten der Wände wurden lange hölzerne Stifte eingeschoben und daran wurden der Spiegel, die Gemälde und zahlreiche petits riens aufgehängt. Wir hatten ja zwei Zimmer (?) und eine vordere Veranda; hinter dem Hause befanden sich die Küche, das Badezimmer und die Aborte. Das Haus lag tief, ½ Meter unter der Strasse, und stand auf kleinen Pfählen, so dass der Eingang des Hauses im gleichen Niveau des Dammes lag; die Küche hatte jedoch keine Treppe; ihr Flur war die des alluvialen Landes und bestand nur aus Lehm, und sobald es regnete, drang das Wasser sofort in die Küche. Als später im December der Atjehfluss während der Regenzeit aus seinen Ufern trat, stand das Wasser mehr als einen halben Meter hoch in der Küche.