Sofort ging natürlich Hülfe dahin ab, und alle Aerzte bekamen den Auftrag, um 5 Uhr im Spital sich zu versammeln und die heimgebrachten Opfer in Behandlung zu nehmen. — Die Gefangennahme war nicht gelungen. Es wurde Kriegsrath gehalten und beschlossen, in der Nacht eine zweite Expedition dahin zu senden, um Rache zu nehmen. Ich bekam den Auftrag, mit einem Assistenzarzt und der nöthigen Ambulanz die Expedition mitzumachen, und wurde Abends um 9 Uhr eingeladen, mich an dem Kriegsrath zu betheiligen. Es wurde der Plan entworfen, um ½4 Uhr Morgens aufzubrechen, um gerade bei Sonnenaufgang das Lager der Feinde angreifen zu können. Es war ein kühler Morgen; der Himmel war unbedeckt, und die Sterne erhellten hinreichend das Terrain, um ungehindert auf dem Damme marschiren zu können, zu dessen beiden Seiten nur niedriges Alang-Alang den trockenen Sumpfboden bedeckte; um 5¾ Uhr erhob sich die Sonne zu unserer Rechten, und hohes Schilfrohr bedeckte das Terrain der alten Sultansgräber. Oberst Barthelemy, der Commandant der Expedition, liess eine Salve geben, um sich zu vergewissern, dass im Schilfrohr kein Feind sich verborgen halte, und — »der Vogel war geflogen«.[71] Der Feind hatte sich mit dem moralischen Erfolge des vorigen Tages begnügt, die Gewehre der getödteten und verwundeten Soldaten mitgenommen und das Schlachtfeld verlassen — ohne die Truppen »nach Hause zu begleiten«.

Fig. 18. Ein atjeeisches Ehepaar.

([Vide Seite 153].)

Es gingen nämlich jeden Tag regelmässig Patrouillen in der Stärke von 40 Mann von der Hauptstadt aus, um in verschiedenen Richtungen das Terrain innerhalb der »Linie« zu durchsuchen und jeden Atjeer, der bewaffnet war, ohne einen Pass dafür zu besitzen, gefangen zu nehmen; oder aber es zogen grössere Truppenmassen aus, weil der Spionenbericht eingelangt war, dass auf irgend einer Stelle »der Linie« eine Schaar feindlicher Atjeer einen Einfall unternommen habe. Wurden in diesen Fällen feindliche Truppen angetroffen, so blieben sie nicht stehen und wichen so lange aus, bis die Patrouille der Verfolgung ein Ende machen zu müssen glaubte und umkehrte. Dann erst gingen die Atjeer zu dem Anfalle über; entweder griffen sie die letzten Männer der Nachhut mit dem Klewang (grosses Schwert) an oder legten sich in den Hinterhalt und schossen einige aus der Haupttruppe nieder und flüchteten sofort, sobald die Soldaten zum Angriffe übergingen; dieses wiederholte sich so lange, bis die Patrouille sich dem Hauptplatz genähert hatte. Die Atjeer combinirten nämlich ganz richtig, dass diese Patrouillen auf ihrem Rückwege schon ermüdet und übrigens auch weniger vorsichtig als beim Ausmarsch seien; in diesem damals schon 15jährigen Guerillakriege hat dieses »nach Hause begleiten« der Truppen vielleicht gerade so viel Opfer gekostet, als alle grösseren oder kleineren offenen Feldschlachten zusammen. Glücklich hat dieser »kleine Krieg« schon seit einigen Jahren aufgehört, weil die Holländer sich endlich entschlossen haben, ihr Ziel, Atjeh zu unterwerfen, unentwegt vor Augen zu halten, d. h. dem ewigen Laviren in der Weise von Kriegführen ein Ende zu machen. Einer der bedeutendsten Officiere der indischen Armee, der damalige Major Pompe van Meerdervort, theilte mir nämlich mit, dass Holland schon längst in den Besitz von Atjeh hätte sein können, wenn es nur ein einziges Mal an »Einem Princip« einige Jahre lang festgehalten hätte.

Das Princip der »alten ostindischen Compagnie« war ein sehr einfaches: sie eroberte sich an der Küste einer Insel einen Hafenplatz, erbaute ein Fort, errichtete eine Factory und wartete und wartete, bis die eingeborenen Fürsten in ihren ewig dauernden Fehden abwechselnd die Hülfe der Factory anriefen und dann: divide et impera.

Auch die Küste von Gross-Atjeh besass eine grosse Zahl von kleineren oder grösseren Fürsten, die sich von jeher stark bekämpften; ein Sultan, welcher mit Recht Sultan von Atjeh oder sogar von Gross-Atjeh genannt werden könnte, hat niemals existirt. Allerdings erhoben einzelne Sultane von Gross-Atjeh Anspruch auf Souveränitätsrechte von ganz Atjeh, von Deli, Siak, ja selbst von Djohor (auf Malacca); aber die Zahl dieser Prätendenten war zu gross, um praktische Erfolge zu haben; die Fürsten von Pasir, Pedir, Segli, Samalangan und Edi auf der Ostküste und die von Tenom, Analabu, Trunom, Singkel und Baros auf der Westküste Atjehs haben abwechselnd grossen politischen Einfluss gehabt, ohne dass ein Einziger von ihnen de jure und noch weniger de facto Sultan von Atjeh sich nennen konnte. Noch weniger hatte auf diesen Titel jener »Sultan von Kamala« Anspruch, welcher in der gegenwärtigen Zeit das Haupt der feindlichen Opposition auf Atjeh genannt wird.

Es trachteten die Holländer, getreu dem Princip: Divide et impera, die eifersüchtigen Streitigkeiten aller dieser zahlreichen Fürsten zu ihrem Ziele zu gebrauchen, aber über das »Wie« hatte jeder Gouverneur-General von N.-Indien und jeder Gouverneur von Atjeh eine andere Ansicht, und nur der oben erwähnte Pompe van Meerdervoort legte sein Amt nieder, als sich seine Ansichten in Widerspruch mit jenen des Gouverneur-General in Batavia stellten.

Seitdem England durch Tractat vom 2. November 1871 Holland »freie Hand auf Sumatra liess« und Atjeh sich weigerte, nicht nur die Souveränität von Holland anzuerkennen, sondern auch den Sclavenhandel auf der Insel Nias aufzugeben und den Seeraub in der Strasse von Malacca einzustellen, gab sich Holland alle Mühe, auf gütlichem Wege diese drei Bedingungen erfüllt zu bekommen, um endlich den 26. März 1873 den Krieg zu erklären und Atjeh dazu zu zwingen. Die Eroberung von Kuta radja gelang und ebenfalls das Errichten eines Forts in der alten Sultansstadt von Atjeh; aber die Fortsetzung blieb aus; bald bemühte sich Holland, durch Geld die anderen Fürsten zu gewinnen, d. h. die Souveränitätsrechte abzukaufen, bald durch die Waffen; der eine Gouverneur blockirte diesen oder jenen Theil der Küste, um die Ausfuhr der Landesproducte zu verhindern, der andere öffnete alle Hafenstädte und legte einen Ausfuhr-, der andere wieder einen Einfuhrzoll auf; der eine warb bei diesem oder jenem Fürsten Hülfstruppen und gab ihnen europäische Waffen; der andere nahm ihnen wieder alle Gewehre ab und liess ihnen nur das nationale Schwert, den Klewang. Bald wurde eine geringfügige polizeiliche Uebertretung zum Anlass genommen, einen Kampong (Dorf) dafür zu züchtigen, und bald wiederum wurde der Ueberfall einer Patrouille »als vereinzelt stehender« Racheact eines Privatmannes erklärt, welcher vor dem Friedensrichter sich verantworten musste. Die weitestgehende Veränderung der Politik geschah im Jahre 1885, welche, wie wir sehen werden, nach allen Richtungen hin traurige Folgen nach sich zog.