Fig. 17. Im hohen Schilderhaus.

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Glücklicherweise beherrschte dieses graue Gespenst keineswegs die allgemeine Stimmung der (europäischen) Officiere und ihrer Familien. In Indien muss man Fatalist sein oder es werden, und im Bivouak muss man es bleiben. Der Officiersclub war jeden Abend stark besucht, jeden Sonnabend concertirte die Militärmusik nach dem Nachtmahl (von 9 Uhr ab) für die Freunde des Kartenspiels, und jeden Sonntag spielte die Musik von 6 bis 8 Uhr ihre fröhlichen Weisen für die Jugend und für die Damen. Die Officiere hatten nebstdem einen Dilettantenverein für die Aufführung von Operetten und Lustspielen errichtet, und die Unterofficiere gaben oft genug schöne Tingel-Tangelvorstellungen. Regelmässig hielten die angesehensten Officiere und Beamten ihre festen Empfangsabende, und häufig genug gab der Gouverneur »van Atjeh en Onderhoorigheden« einen Ball, auf welchem bis in die frühe Morgenstunde getanzt wurde, obwohl es nur zu oft geschah, dass um 5 Uhr früh das Alarmsignal die Officiere zum Ausmarsch rief vom Clubgebäude weg, wohin sie sich nach dem Tanze geflüchtet hatten, um das Fest ungestört durch die Anwesenheit von Damen oder Chefs besprechen zu können.

Auch die Freimaurer »arbeiteten«, d. h. sie hielten häufig Vereinsabende und feierten besondere Anlässe. Den 10. März 1887 hielten sie z. B. von 3–6 Uhr eine Trauerloge zur Ehre ihres verstorbenen Präsidenten und Meisters »Civil- und Militär-Gouverneur von Atjeh und Vasallenstaaten, Generalmajor der indischen Armee Henri Demmeni«, welcher zu spät den Schauplatz seiner Thätigkeit verliess und in Paya Combo (im Hochland von Padang) Heilung und Rettung von seiner schweren Beri-Beri vergebens suchte; er starb den 13. December 1886.

»Schwesterlogen« wurden gehalten, z. B. am 18. März 1888, zu denen die Frauen resp. die Töchter der Freimaurer Zugang hatten, und welche hauptsächlich in einem gemeinsamen Souper bestanden. Die Neugierde der Damen wurde dabei natürlich nur in geringem Maasse befriedigt.

Das Gebäude hiess im Volksmunde rumah séthan = das Haus des Teufels, war ein einfaches unansehnliches Haus und stand auf dem Wege nach Gedáh zwischen zwei Tokos (= Geschäftshäusern). Mir war immer unverständlich, welchen Zweck die Loge »Prins Frederik« damals in Kuta radja, am 20. August 1880 constituirt, erfüllen sollte. Damals war die Hauptstadt im Kriegszustande; ein Verkehr mit den Eingeborenen des Landes fand nicht statt; die kosmopolitischen und menschenfreundlichen Principien der Freimaurer können in Kriegszeiten unmöglich ein Feld zur Bethätigung finden. Sollte die Loge also nur den Zweck gehabt haben, den Gesinnungsgenossen den Austausch ihrer Erfahrungen, Ansichten und Zukunftspläne in freundschaftlichem Verkehr (den ersten Mittwoch eines jeden Monats) zu ermöglichen?

Der Krieg auf Sumatra wüthete damals schon seit vierzehn Jahren mit allen seinen Schrecken; aber, wie ich schon oben erwähnt habe, er vermochte nicht, die Officiere in ihrem fröhlichen täglichen Leben zu hindern, und zahlreiche Gelegenheiten wurden gesucht und gefunden, um den Ernst des Lebens durch Feste und Spiele vergessen zu lassen.

Ich und meine Frau betheiligten uns an diesen Festlichkeiten nur als passive Zuschauer; die erste Operette, welche wir in dieser Garnison sahen, war die »Grande Duchesse«, welche wir kurz vorher in Wien von Berufs-Schauspielern aufführen gesehen hatten. Einstimmig war unser Beider Urtheil, dass in Wien nicht schöner gesungen, nicht besser gespielt wurde, und die Ausstattung nicht schöner war, als in Atjeh, im Bivouak von Kuta radja. Auch ein Assaut, welches von Unterofficieren am Geburtstage des Königs aufgeführt wurde, war geradezu vortrefflich vom Stapel gelaufen. Es herrschte wirklich eine fröhliche und zielbewusste gute Stimmung unter uns Allen, obzwar täglich, oft selbst stündlich des Lebens Ernst mit der grössten Anforderung an uns trat. Die Beri-Beri, die Cholera, die Malaria und die Dysenterie mordeten in den Reihen der eingeborenen[70] Soldaten ebenso stark als die feindlichen Kugeln; oft hörten wir an einem Tage sechs bis sieben Mal den Trauermarsch, mit welchem diese Opfer zu Grabe getragen wurden.

Jeden Tag gingen Patrouillen von 40 Mann nach allen Richtungen das Terrain untersuchen, welches sie zwischen Kuta radja und der »Linie«, d. h. der Grenze des eroberten Landes durchstreiften; nur zu oft durchbrachen grosse Schaaren des Feindes die Linie und bedrohten die Hauptstadt. Dies geschah auch am 4. April 1887, ohne dass die Regierung von ihrer Anzahl auch nur eine Ahnung hatte. An diesem Tage kam die Nachricht nach Kuta radja, dass eine Schaar bewaffneter Atjeer sich bei Kuta radja bedil, also nur ungefähr 2–2½ Stunden von der Hauptstadt entfernt, versammelt hätte, um an den alten Sultansgräbern zu beten, und die »befreundeten Atjeer« zur Theilnahme an dem Kriege gegen die »Kâpirs« aufzufordern. Ein Bataillon Soldaten wurde sofort dahin geschickt, um sie anzugreifen und — gefangen zu nehmen. Um 10 Uhr Morgens ging ich von Gedáh nach Kôta álam und passirte den Anfang des Pedirdammes. Hier kam im Laufschritt der Capitain van den Generalenstab, Hauptmann X., athemlos gelaufen und rief mir zu: »Keine Tragbahren, keine Artillerie, 30 Todte, keine Medicamente und 69 Verwundete!« Ein trauriges Ende einer Patrouille, welche ein »paar Fanatiker« gefangen nehmen sollte!