Einen wohlthätigen Einfluss hatten die Maassregeln, welche auf Grund der Ernährungsstörung als Entstehungsursache der Beri-Beri genommen wurden. Der Marinestabsarzt van Leent glaubte nämlich beobachtet zu haben, dass die Naturalverpflegung der europäischen Matrosen, welche durch einen grösseren Gehalt von Fleisch und Butter charakterisirt war, bei ihrer Anwendung in der Küche der eingeborenen Matrosen die Zahl der B.-B.-Fälle auf ein Minimum habe fallen lassen. Es wurde also im Jahre 1886 dieses Princip auf die Truppen der Landarmee angewendet; der wohlthätige Einfluss zeigte sich aber nur darin, dass — die grossen Portionen an Fleisch, Butter, Erbsen u. s. w. den Frauen und Kindern der eingeborenen Soldaten zu Gute kamen, welche von der Regierung nur ½ Kilo Reis und 3 Loth Salz pro Tag erhielten.
Ich will mich nicht weiter mit der Theorie der Beri-Beri-Krankheit beschäftigen und nur den Schlusssatz meiner Abhandlung beifügen, welche in der Internationalen Klinischen Rundschau 1887 Nr. 28–33 erschienen war: »Die Beri-Beri ist eine miasmatische Krankheit«.
Ich kann aber nicht umhin, noch einige diesbezügliche Beobachtungen mitzutheilen, weil ich voraussetze, dass auch der Laie einiges über diese interessante und so wenig bekannte Tropenkrankheit gerne lesen wird.
So z. B. kam im Anfange des Jahres 1887 ein Bataillon Hülfstruppen von der Insel Madura nach Atjeh, welches nach den Mittheilungen ihrer eigenen (eingeborenen) Officiere und nach jenen des begleitenden europäischen Arztes niemals Beri-Berifälle aufzuweisen hatte. Nach einem Aufenthalt von einem einzigen Monat waren von diesen 360 Mann 33 = 9½%!! der Beri-Beri erlegen, und als Anfang April der Befehl ertheilt wurde, das Bataillon in seine Heimath zurückzusenden, war es gänzlich durchseucht. Zuvor untersuchte ich auf Befehl des Platzcommandanten als Garnisonsdoctor die in Kuta radja anwesenden Maduresen; ungefähr 100 Mann kamen zur Untersuchung; von diesen hatten 59, also mehr als die Hälfte! ein oder mehrere Symptome der Beri-Beri: Wassersucht, Kachexie (Blutarmuth), grosses Herz, beschleunigten Puls und aufsteigende Gefühllosigkeit (Anaesthesia ascendens). (Keiner von ihnen hatte aber die atrophische oder trockene[69] Beri-Beri.)
Die Degeneration der Nerven beginnt, wie ich schon erwähnt habe, an den unteren Extremitäten und steigt successive nach oben; ich habe mich damals während meines Aufenthaltes im Spitale oft genug bemüht, durch elektrische Untersuchung der einzelnen Nerven frühzeitig die Diagnose zu sichern; die Resultate waren so ungünstig, dass ich zuletzt jeden weiteren Versuch aufgab, obzwar diese Untersuchungsmethode gerade von Pekelharing und seinem tüchtigen Assistenten, dem jetzigen Professor Winkler, geübt und empfohlen wurde. Ich schrieb die mangelhaften Resultate theilweise meiner unentwickelten Technik und theilweise den unbekannten Gesetzen der elektrischen Verhältnisse in den Tropen zu.
Die ausgesprochenen Formen der Beri-Beri werden jedoch durch die klinischen Symptome so leicht diagnosticirt, dass die elektrische Untersuchung überflüssig ist.
Ein Fall von atrophischer Beri-Beri oder trockener Beri-Beri, wie sie von den Malaien genannt wird, welchen ich damals im grossen Militärspital zu Kuta radja beobachtete, betraf einen wirklich beklagenswerthen Sträfling; er war an allen vier Extremitäten gelähmt und die Abmagerung war so stark, dass man zweifeln konnte, ob er denn wirklich Muskelfleisch besessen habe. Nicht einmal soviel Kraft hatte er, dass er die Speisen zum Munde führen konnte; dennoch heilte er in 4 Monaten so weit, dass er nach dem Hochlande der Provinz Padang transferirt werden konnte, wo die meisten Beri-Beri-Patienten sich beinahe bis zur Norm erholten.
Wenn ich auch an dieser Stelle die medicinischen Streitfragen der Beri-Beri nicht ausführlich besprechen kann und will — die Motivirung meiner Behauptung, dass sie eine miasmatische Krankheit sei, kann ja Jeder im oben erwähnten Aufsatze in der Internationalen Rundschau 1887 Nr. 28 ff. finden —, so glaube ich doch noch einige markante Momente aus jener fürchterlichen Beri-Beri-Epidemie mittheilen zu müssen.
Die indische Regierung stand damals (und steht noch heute) im Norden Sumatras auf dem Kriegsfusse. Der Guerillakrieg wüthete schon seit 1873, und in diesen 13 Jahren war durch den ewigen Wechsel des Regierungsprincipes, wie wir noch sehen werden, Holland gezwungen, sich auf den äussersten Punkt im Norden Sumatras und noch einige Küstenplätze zurückzuziehen. Diese wenigen Punkte musste sie, coûte que coûte, besetzt halten, wollte sie überhaupt den Norden Sumatras nicht verlieren und England dadurch zwingen, an ihre Stelle zu treten. Die Atjeer waren ja von jeher die gefürchtetsten Seeräuber, welche nicht nur die Strasse von Malacca stets bedrohten, sondern ihre Raubzüge bis auf den Continent und die entferntesten Inseln des Archipels ausstreckten.
Durch die Concentrirung im Jahre 1885 wurde der Feind aber übermüthig; er wagte es selbst, Kuta radja zu attaquiren; die Garnison musste also eine gewisse Stärke besitzen, sei es zur Vertheidigung, oder sei es, um hin und wieder Ausfälle zu machen und dadurch den Feind in unschädlicher Entfernung zu halten. Dazu gehört eine hinreichend grosse Zahl valider Mannschaften. Das epidemische Auftreten der Beri-Beri decimirte aber die Garnison, und die am Leben Bleibenden waren zu schwach, um Ausfälle oder Patrouillen zu machen. Es war daher ein steter Wechsel der Garnison nöthig. Aus dem ganzen Reiche: von Java, von Borneo, selbst von den Molukken mussten die Truppen nach Atjeh gesandt werden, um die erschöpften invaliden Soldaten abzulösen; im Hochgebirge des westlichen Sumatra oder Java erholten sich diese allerdings in der Regel in 4–5 Monaten; aber im Laufe der Zeit wurde die ganze indische Armee auf diese Weise durchseucht. (Der europäische Theil war gegen die Beri-Beri widerstandskräftiger als die Eingeborenen, und auch die Mortalität war nur unter den eingeborenen Soldaten eine sehr hohe.) Diese Andeutungen sind hinreichend, die Schwierigkeiten erkennen zu lassen, mit welchen diesbezüglich die holländische Regierung zu kämpfen hatte.