Der Marabu, welchen ich kurz vor meiner Abreise von Kuta radja erhielt, darf nicht unerwähnt bleiben, wenn ich von meinen Zerstreuungen in dieser Garnisonstadt Ausführliches mittheile; er ist ja ein drolliger, komischer Kauz, so dass es wirklich Mühe kostete, sich über ihn und mit ihm nicht zu amüsiren; in seinem ganzen Thun und Lassen trägt er das Gepräge eines alten Herrn und ist nebstdem geradezu ein nützliches Hausthier; er lebt nämlich von thierischen Abfällen und wird in Indien in den Dörfern darum gerne geduldet; in meinem Garten verscheuchte er die kleinen Schlangen und Frösche, erhielt aus der Küche die Abfälle des Geflügels und jeden Tag seine Portion kleine Fische, welche ich auf dem Markte kaufen liess. Als ich Kuta radja verliess, gab ich ihn einem meiner Freunde zum Geschenk, ohne dass ich mich dazu entschliessen konnte, ihm die schönen weissen Federn herauszuziehen, welche bekanntlich kostbarer als die schönsten Straussfedern sind.

8. Capitel.

Eine sogenannte Friedensgarnison — Campierpfähle — Ein Deserteur(?) — Ein freigebiger Compagniecommandant — Eine Kirmes — Ein Klewang-Anfall — Im Kugelregen — Geringschätzung der Militärärzte — Chinesen in Atjeh — Kleider und Schmuck der Atjeer — Musikinstrumente der Atjeer — Atjeische Prüderie.

Im Jahre 1885 kehrte, wie schon angeführt wurde, die indische Regierung in ihrer Politik zum Principe der alten indischen Compagnie zurück, d. h. sie beschloss, von der Offensive zur Defensive überzugehen und sich vorläufig mit dem eroberten Gebiete, so klein es auch war, zu begnügen. Zu diesem Zwecke wurde dieses Terrain mit einem Damme begrenzt, auf welchem eine »Ceinturebahn« gebaut und in einer Entfernung von je tausend Metern Forts und Blockhäuser errichtet wurden, von denen vier direct mit dem Centrum, d. h. mit Kuta radja verbunden waren. Jenseits der »Linie« wurde tausend Meter breit das Terrain »rasirt«, ohne dass die Herren am grünen Tische bedachten, dass in den Tropen die Flora zu üppig ist, um auf Commando sich unterdrücken zu lassen; beinahe sofort spross auf dem entwaldeten Boden das Alang-Alang so üppig aus dem Grunde, dass der Feind sich nach Belieben in diesem hohen Schilfgrase ungesehen und unbemerkt bewegen konnte. Der südliche Theil »der Linie« bekam einen eigenen Commandanten, welcher in dem Fort Lambaro den Sitz hatte, und den 15. August des Jahres 1887 bekam ich den Auftrag, dahin zu übersiedeln und mich »unter die Befehle des Liniencommandanten zu Lambaro zu stellen«. Da die meisten Aerzte von Atjeh ein Jahr lang in der »Linie« dienen mussten, überraschte mich diese Transferirung keineswegs, und meine Frau bekam die Gelegenheit, zum ersten Male Auction unserer Einrichtung halten zu müssen. Wir bekamen ja in Lambaro nur ein einziges Zimmer, das nur 3½ auf 4 Meter gross war, zu unserem Gebrauche angewiesen. Der Ertrag der Auction war nicht gross (355 Fl. 50 Ct.), und mit Thränen in den Augen nahm meine Frau von den Möbeln Abschied, welche nur ein einziges Jahr in unserem Besitze gewesen waren. In Holland hatte sie beinahe ⅕ Jahrhundert lang in demselben Sessel geträumt, in demselben Bett geschlafen, an demselben Schreibtische ihren Freundinnen ihre Herzensfreuden und -leiden mitgetheilt, und hier an den Ufern des Atjehstromes musste sie schon nach einem Jahre ihre kaum liebgewordenen Kasten, Tische, Sessel u. s. w. verlassen und hatte nebstdem beinahe gar keine Hoffnung, auch in Zukunft jemals ein festes und trautes Heim sich gründen zu können, d. h. Jahrzehntelang sich des Besitzes ein und derselben styl- und geschmackvollen Einrichtung erfreuen zu können. Der Officier der indischen Armee hat ja ein Zigeunerleben; er ist ein Bohême, der heute — ich spreche nur von Friedensgarnisonen — auf einem der Küstenplätze des indischen Archipels in seinem »Hause« sich mit dem ganzen Luxus der europäischen Civilisation umgeben kann, um sich schon ein Jahr später mit einer sehr bescheidenen Wohnungseinrichtung begnügen zu müssen und vielleicht schon nach einigen Monaten sich auf die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse des alltäglichen Lebens zu beschränken.

Atjeh war ja auch eine Friedensgarnison de nomine, und als wir am 15. August nach einer Fahrt von ½ Stunde mit der Dampftramway in Lambaro eintrafen, bekamen wir von meinem Collegen, den ich ablösen sollte, eine ganz eigenthümliche Illustrirung des Begriffes: Friedensgarnison.

Das Fort bestand aus zwei Theilen: Die Caserne für die Truppen, die Cantine, die Wohnungen der Officiere, das Marodenzimmer und das Pulvermagazin waren von 3½ Meter hohen Palissaden in Quadratform eingeschlossen, während die »Häuser« des Liniencommandanten und der Officiere des »kleinen Stabes« im Westen des Forts nur durch ein eisernes Gitter gegen einen Ueberfall der Atjeer geschützt waren.

Zu dem »kleinen Stabe« gehörten der Adjutant des Bataillons, der Garnisondoctor und der Bezahlmeister.

Der Liniencommandant bewohnte ein eigenes Haus, während diese drei genannten Officiere ihre Wohnungen in einem langen Gebäude hatten, welches durch zwei Zwischenwände in drei »Häuser« getheilt war. Das Haus des Garnisondoctors nahm die Mitte des Gebäudes ein und bestand aus zwei Zimmern mit einer vorderen und einer hinteren Veranda. Die erstere hat durch das Gitter des eisernen Geheges die Aussicht auf die Ceinturebahn und auf ein Blockhaus, welches 1000 Meter von Lambaro entfernt war. Die Schilderhäuser bewachten zwar das umliegende Terrain, so dass bei Tage man ungefährdet in dieser Veranda sitzen konnte. Im Dunkel der Nacht war jedoch die hier brennende Petroleumlampe für die schiesslustigen Atjeer geradezu eine hellerleuchtete Scheibe, welche so häufig das Ziel ihrer Schiessübungen wurde, dass mein Vorgänger nur selten Abends in der Veranda sitzen konnte; ja noch mehr; sobald in seinem Hause die Lampen angezündet wurden, bedeckte er die hintere Wand seiner Veranda mit Matratzen, um die durchrasenden Kugeln der Atjeer unschädlich zu machen.

Auch erzählte er, dass er eines Abends mit einigen Officieren an dem L’hombretische sass und ein »Solo« verlor, weil ihm eine durchfliegende Kugel das Pique As aus der Hand geschossen hatte. Hierauf erklärte meine Frau ganz einfach, diese Wohnung nicht beziehen zu wollen, um so weniger, weil in dem durch Palissaden geschützten Fort eine Wohnung leer stände. Ce que femme veut, Dieu le veut; ich legte dem »Liniencommandanten« die kategorische Erklärung meiner Frau vor und, etwas von Pantoffelheld murmelnd, gab dieser gute Mann die Einwilligung, die von Mevrouw Doctor gewünschte Wohnung von mir bewohnen zu lassen. Diese lag in der Mitte eines langen hölzernen Hauses (mit einem Dach aus galvanisirtem Eisen) ohne Stockwerk. Die mir zugewiesene Wohnung bestand aus einem Zimmer von 3½ Meter Länge und 4 Meter Breite; ein 1 Meter breiter Gang führte von der vorderen zur hinteren Veranda; dies war alles; die vordere Veranda ([Fig. 16]) war unser Empfangszimmer und die hintere unser »Tagverbleib«. Beide waren nicht tiefer als 1½ Meter und hatten eine Länge von 4 Meter. Vor uns war ein Platz mit einem Baum in der Mitte und im Hintergrunde (15 Meter weit) die Caserne. Zur Linken standen das Bureau des Compagniecommandanten und die »inwendige« Cantine. Von der hinteren Veranda sahen wir auf unsere »Nebengebäude«: Küche, Abort und Badezimmer. Von unseren beiden Nachbarn waren wir durch eine Bretterwand getrennt. Da wir voraussichtlich ein Jahr in diesem Käfig wohnen mussten, machte ihn meine Frau so viel als möglich comfortabel. Die vordere Veranda bekam einen kleinen runden Tisch mit 6, sage sechs Sesseln. Waren alle besetzt, mussten die Besucher an der vorderen Seite sehr ruhig und vorsichtig sitzen bleiben; sonst wären sie über den Rand der Veranda gefallen, welche ungefähr 50 cm. über dem Boden lag. Sie lag gegenüber der südwestlichen Front der Palissaden, welche den Weg und Damm nach Anagalong bestrich. Dort lag beinahe das ganze Jahr der Feind und schoss auf das Fort. In der Regel gingen die Kugeln über das Fort hinweg. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes in diesem Fort, also während eines Jahres, niemand im Fort getroffen. Wurde das Schiessen zu stark, flüchtete sich meine Frau in die hintere Veranda und schützte sich den Rücken durch Aufhängen der Matratzen aus den Betten. Dreimal hat während dieser Zeit das feindliche Blei unsere Wohnung getroffen; das erste Mal schlug es in die vordere Veranda ohne jemand zu verletzen. Die zweite Kugel streifte so schwach die Köchin, dass sie schreiend und weinend in die vordere Veranda zu mir mit den Worten lief: Kòkki mâti = die Köchin stirbt. Nur der Sarong war durch den Streifschuss versengt. Die dritte Kugel — wurde eine Atjehsche Berühmtheit. Eines Tages erschütterte ein gewaltiger Schlag das Dach des Hauses; ich sah über meiner Küche ein grosses Loch im eisernen Dach. Wir suchten überall die Kugel, welche hier herabgefallen sein musste; wir fanden sie nirgends. Bei der »Rysttafel« wurde das faschirte Fleisch auf den Tisch gebracht und der erste Schnitt traf — die gesuchte Kugel. Lange Zeit behielt meine Frau den Namen: die Dame mit der Kugel im »Fricadel«.

Rings um die Palissade lief ein Laufgraben mit diversen »Chicanen«, welche von dem wuchernden Grase bedeckt waren; sie bestanden aus einem Drahtnetze und grossen Stiften aus Eichenholz, welche mit der oberen Spitze schief nach aussen standen; hinter diesen war ein kleiner Damm, auf welchem in gemessener Entfernung Laternenpfähle standen. Vor Sonnenuntergang ging ein Sträfling hinaus, um die Laternen anzuzünden; eine Patrouille von 4 Mann begleitete ihn auf dem Banket. Beinahe ohne Ausnahme wurde täglich der Sträfling beschossen, und die Patrouille feuerte vom Banket aus zurück; aber nur einmal wurde dieser wackere Missethäter verwundet. Noch zwei Opfer hatte ich während dieses Jahres zu behandeln, welche auf diese Weise durch feindliche Kugeln getroffen wurden. Vor Sonnenaufgang beschossen die Atjeer ebenfalls den Sträfling, welcher unter gleichen Vorsichtsmaassregeln die Lampen auslöschen ging. Eine Kugel flog eines Tages über das Fort hinweg und traf eine Frau, welche zum nahen Flusse gegangen war, um zu baden. Das dritte Opfer war ein Soldat, welcher im hohen Schilderhaus Wache hielt. Dieses stand zwischen dem Stationsgebäude und der grossen Cantine vor dem chinesischen Viertel. So ein »hohes Schilderhaus« ([Fig. 17]) steht auf vier Pfählen von ± vier Metern und wird auf einer Seite von den Soldaten bestiegen. Bei Nacht wird die Leiter von der Schildwache zu sich hinaufgezogen, nachdem die »Kosakenwacht« sich eingestellt hat. Diese besteht aus drei bis vier Mann, von denen nur Einer Wache hält, während die Anderen schlafen. Natürlich ist auch die nächste Umgebung dieses Postens erleuchtet, um zu verhindern, dass ein Feind sich heranschleiche, auf den Pfählen hinaufklettere und in einem »Klewanganfalle« Alle ermorde. In diesem Schilderhause wurde zufällig ein Soldat verwundet.