Die Liniencommandanten, welche abwechselnd in diesen Forts das Commando führten, hatten ganz verschiedene Ansichten, wie sie sich gegenüber diesen Schiessübungen der Atjeer verhalten sollten. Mein Commandant, der Oberst X., huldigte dem Principe, die Atjeer in ihrem Vergnügen nicht zu stören. Sie lagen ja in einem Laufgraben, welcher 600 Schritt weit entfernt war; wer von ihnen zu Hause nichts zu thun hatte, zog nach dem Laufgraben und schoss auf’s Fort. Rückte in früherer Zeit eine Patrouille aus, um diese Ruhestörer unschädlich zu machen, liefen sie davon, feuerten einige Kugeln in die Patrouille, trafen hin und wieder einen Soldaten; sie selbst jedoch wurden niemals erreicht, weil die Patrouille sich nicht zu weit von »der Linie« entfernen durfte, um sich den Rücken gedeckt zu halten.

Am meisten von allen Forts wurde das benachbarte Siroen beschossen, welches am linken Ufer des Atjehflusses lag und thatsächlich jahraus, jahrein täglich dem Feuer der Atjeer ausgesetzt war; aber auch in diesem Fort wurde während meiner Dienstzeit im Fort Niemand verwundet. Ich muss jedoch von Schüssen Erwähnung thun, welche wirklich einen interessanten Lauf nahmen. Lieutenant Y. war der Commandant von Sirun; einmal näherten sich in der Nacht die Feinde so stark dem Fort, dass die Schildwacht Alarm schlug und Lieutenant Y. aus seinem Bette hinauseilte, um die nöthigen Maassregeln zu treffen. Er liess seine Leute antreten, und einige Salvenfeuer trieben die Leute in respectvolle Entfernung. Auch die Schildwache unseres Forts hatte an den Flammen der Gewehre ihr Vorrücken bemerkt; auch sie schlug Alarm, und der Artillerieofficier feuerte auf Befehl des Liniencommandanten einige Kartätschen in die angegebene Richtung ab. Endlich war das Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht; Lieutenant Y. kehrte in sein Schlafzimmer zurück, und eine Kugel hatte in seiner Abwesenheit — das Kopfpolster zerfetzt!

Einen ähnlichen günstigen Zufall erfuhr auch mein Nachbar, Lieutenant X. Er sass eines Tages in der Veranda der Cantine, sein »Bitterchen« zu trinken, und war mit einem Kameraden im eifrigen Gespräche über den sonderbaren Weg, welchen oft Kugeln unter dem Einflusse verschiedener Muskelbewegungen im Körper nehmen können, so dass es sehr oft unmöglich sei, aus dem Orte der Eingangs- und Ausgangsöffnung auf die Richtung des Wundcanals oder auf den Ort des Schützen einen Schluss zu ziehen. In dem Augenblicke, dass er sich über den Tisch beugte, um ein Stück Kreide in die Hand zu nehmen, sauste eine feindliche Kugel zwischen seinem Rücken und der grossen Lehne des Sessels hindurch und zerschmetterte die seitliche Lehne.

Der Dienst während meines Aufenthaltes in Lambaro war mitunter anstrengend, in der Regel jedoch forderte er nicht viel Mühe oder Arbeit. Reglementär musste ich zweimal in der Woche nach den Forts Lampörömey und Tjot Iri in der östlichen Richtung der Ceinturebahn und zweimal nach Lamrö-eng (im Westen) gehen, um dort die petites misères der Garnison zu behandeln und die Soldaten auf gewisse Haut- und andere ansteckende Krankheiten zu untersuchen. Natürlich geschah es oft genug, dass eine Verwundung oder plötzliche Erkrankung aus einem dieser drei Forts telephonisch dem Liniencommandanten gemeldet wurde; dann wurde ich davon verständigt, mit einer Patrouille von 40 Mann unter Commando eines Lieutenants dahin zu gehen, wenn nicht zufällig die Eisenbahn benutzt werden konnte, welche zweimal des Tages Lambaro passirte.

Am unangenehmsten war der Marsch nach Lampörömey in nächtlicher Stunde. In der Nähe der Cantine machte nämlich die Eisenbahn eine starke Krümmung nach dem Osten und zwar durch ein Gebüsch, so dass weder von Lambaro noch von Lampörömey die Patrouille gesehen werden konnte. Spione umgaben ja immer unser Fort, und durch diese musste ja mein Marsch den »feindlichen« Atjeern bekannt werden; sie konnten natürlich bis zu meiner Rückkehr sich hier versammeln und unter dem Schutze der Nacht und des Gesträuches uns überfallen. Dieses ist gerade bei Nacht niemals geschehen. Nur einmal wurde ich beim Eintritt in diesen kleinen Wald mit Kugeln aus Lîlahs[73] beschossen, welche jedoch 20–30 Meter vor uns niederfielen und daher niemanden trafen.

Im Ganzen wurde ich nur neunmal für aussergewöhnliche Fälle während dieser Jahresfrist nach den erwähnten Forts gerufen und musste entweder im Fort selbst oder auf offenem Felde (dann unter Deckung von 40 Mann) meine ärztliche Hülfe leisten. Wenn in jüngster Zeit die Campierpfähle den Militärärzten warm empfohlen werden, so kann ich in den Hymnus nicht einstimmen; sie sind nur für die Manöver, und dann allerdings von grossem Werthe. Es ist richtig, dass die Behandlung auf offenem Felde sehr lästig und beschwerlich ist; wenn aber aus grosser Entfernung die Kugeln das Operationsfeld bestreichen, dann ist es ein Gebot der Nothwendigkeit, so wenig als möglich über den Boden erhoben zu sein. Im Manöver wird man allerdings von den Kugeln nicht bedroht und für diesen Fall kann ich das Anschaffen derselben auch der indischen Armee empfehlen, weil sie nicht einmal von der Verwaltung angeschafft werden müssten, sondern leicht improvisirt werden können. Bambus oder Holz sind ja überall bei der Hand; es werden also vier Stöcke von einer Höhe von 1–1½ Meter in die Erde in passender Entfernung gestossen. Jeder Soldat hat ja die »Sprei« bei sich d. h. eine Decke aus Barchent oder Molton. Sie wird als Nothbehelf und häufig genug zum Transport von Kranken verwendet, wenn keine Tragbahre bei der Hand ist. In Atjeh trägt jeder Soldat, auch wenn er den Tornister zu Hause lässt, diese Decke um die Schultern geschlagen bei sich. Diese »Sprei« wird also auf diese vier Stöcke befestigt, und der Arzt kann stehend die etwaigen Untersuchungen und nothwendigen Eingriffe vornehmen. Aber, wie gesagt, für den Kriegsschauplatz kann ich sie nicht empfehlen.

Zahlreiche Episoden aus dieser Zeit haben in unseren Aufenthalt in diesem Fort oder, wie es meine Frau nannte, in diesem »cellulären Gefängnisse« wirklich interessante Abwechslungen gebracht.

Fig. 20. Ein Haröbab-Orchester.

([Vide Seite 157]. [166].)