Wie ich schon erwähnt habe, lag das Fort Sirun in unserer nächsten Nähe, war jedoch von der Ceinturebahn mehr als 2 Km. entfernt, bei günstiger Windrichtung hörten wir selbst alle Signale, welche im Laufe des Tages gegeben wurden. Zwischen diesen beiden Forts lief ein Damm mit einem Laufgraben an der Nordseite; die dem Fort gegenüberliegenden Kampongs waren von wahren Irridentisten bewohnt, und beinahe den ganzen Tag und oft genug auch ganze Nächte lauerten die feindlichen Bewohner vor dem Fort und hielten dort ihre Schiessübungen. Wurde das Schiessen zu stark, verständigte der Commandant des Forts den Liniencommandant per Telephon, und es wurden von unserm Fort aus einige Kartätschen in die angegebene Richtung geworfen; gewöhnlich aber liess auch der Commandant von Sirun den Atjeern ihre Freude und störte sie nicht in ihren Schiessübungen; aber »Sicherheit, das wisst ihr lange, führt die Menschen zum Untergange«. Der Laufgraben neben dem Damme, welcher nach Sirun führte, war gewöhnlich durch den Regen aufgeweicht, und nur ungern marschirten die Soldaten in diesem; auf dem Damme waren sie aber den feindlichen Kugeln blossgestellt.

Am 2. Januar 1888 wurde ein europäischer Sergeant von Sirun abgelöst und ging unter dem Geleite einer Patrouille unter dem Commando eines javanischen Sergeanten nach Lambaro, um von dort aus per Eisenbahn nach Kuta radja zu fahren; um sich weder den feindlichen Kugeln auszusetzen, noch den Weg durch den schmutzigen Laufgraben zu nehmen, marschirten sie durch das Zuckerrohrfeld und durch den befreundeten (?) Kampong Sirun, welcher zwischen Sirun und Lambaro lag. 4 Uhr Nachmittags befand ich mich im Badezimmer, als plötzlich das Signal: der Doctor! zu meinen Ohren drang; in meiner indischen Haustoilette eilte ich sofort ins Spital, der Bediente brachte mir noch den Helmhut und den Uniformrock, und in zwei Minuten stand ich mit der Ambulanz beim nördlichen Eingang, wo 40 Mann unter dem Commando eines Lieutenants auf mich warteten. In wenigen Minuten hatten wir (im Laufschritt) die Unglücksstätte erreicht. Von 15 Mann waren 5 unter einem Klewang-Anfall einer kleinen Truppe Atjeers zu Boden gefallen, 2 waren todt und 3 schwer verwundet. Der Patrouillencommandant, der eingeborene Sergeant Singodjojo, hatte nicht weniger als 6 (!) Wunden und — kam mit dem Leben davon! Auf dem Scheitel, auf dem Hinterkopf, unter dem linken Schulterblatte und am linken Vorderarm hatte er grosse klaffende Hautwunden, das rechte Knie war durchgeschlagen, so dass der Unterschenkel nur auf dem Fleischlappen der Kniekehle hing, und nebstdem hatte er einen Lanzenstich unter dem Herzen erhalten.

Zwei Tage später schickte ich diese Patienten nach Kuta radja; unter Deckung von einer kleinen Patrouille wurden sie zum Bahnhof gebracht, welcher ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt war; die feindlichen Atjeer hatten offenbar durch ihre Spione schon früher Nachricht erhalten; denn auf dem Wege zur Station überschütteten sie uns mit einem Kugelregen, ohne jedoch jemanden zu treffen; dies war wirklich ein besonderer Zufall, denn die Kugeln schlugen vor mir und hinter mir in den Sand.

Zwei Tage später (den 6. Januar) war ich geradezu die Scheibe, auf welche die Feinde ihre Schiessübungen hielten.

Der Thierarzt Schilstra war nach Sirun gegangen, um das erkrankte Pferd des Commandanten zu behandeln. Auf seinem Rückwege richteten die Feinde das Feuer auf ihn resp. auf die Patrouille, welche ihn deckte, und ein Schuss traf den europäischen Infanteristen Kaufmann ins Schienbein; er fiel nieder, und während der Trompeter durch das Signal: der Doctor! mich zur Hülfe rief, legte sich die Truppe in den Laufgraben nieder und erwiderte das Feuer; als ich mit der Ambulanz erschien, da begann das Schiessen mit erneuerter Wuth; die ganze Ambulanz bestand nur aus vier Mann; ich hatte nur einen Krankenwärter und zwei Sträflinge zum Transport der Verwundeten mitgenommen; aber wir gingen auf dem Damme, und die übrigen lagen im Laufgraben und gaben von Zeit zu Zeit eine Salve auf den Feind. Ich verband den Unglücklichen »unter dem Feuer des Feindes«, und noch heute frage ich mich, woher ich soviel Muth (??) damals nahm; ohne Deckung ging ich dem feindlichen Kugelregen entgegen, und unter einem Kugelregen behandelte ich meinen Verwundeten, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern; nun, ich wiederhole es, das Pflichtgefühl war der Motor, und der Muth, feindlichen Kugeln zu trotzen, ist nichts anderes als in die Praxis umgesetztes Pflichtgefühl, welches in rebus militaribus durch die Disciplin, durch den Drill und durch die Dressur zur Bethätigung erzwungen werden kann.

Ich hatte damals an mir selbst oft genug Gelegenheit, dieses zu beobachten.

Eines Tages z. B. ging ich (mit 40 Mann) auf dem Damm nach Lamrö-eng. Unterwegs gesellte sich zu mir der Liniencommandant Major Pompe van Meerdervort mit seinem Adjutanten. Beide waren zu Pferde. Auf einmal fingen die Atjeer an, auf uns zu schiessen. Der Major und sein Adjutant und die Patrouille unter dem Commando eines Lieutenants liessen sich dadurch nicht im geringsten in ihrem gewöhnlichen Schritte stören; dadurch fühlte auch ich mich nicht im geringsten beunruhigt und schritt mit den beiden Officieren, ohne auch nur unser Gespräch zu unterbrechen. Endlich frug mich der Liniencommandant spöttisch: Warum gehen Sie nicht in den Laufgraben? »Wenn Sie es, Herr Major! nicht thun, obwohl Sie hoch zu Ross sitzen,« antwortete ich, »besteht für mich noch weniger Ursache, um mein Leben besorgt zu sein.« Als aber die Schüsse immer zahlreicher und zahlreicher wurden und sogar eine ganze Salve über unsere Häupter hinwegflog und zu gleicher Zeit aus dem Fort Lamrö-eng eine Kartätsche auf die Atjeer abgefeuert wurde, gab er endlich den Befehl: »rechtsum in den Laufgraben« und — die ganze Truppe folgte wie eine Heerde Schafe dem Beispiel des Leithammels. Wenn ich auch heute über den Vorfall ganz anders als damals urtheile, weil ich es heute für eine überflüssige Waghalserei oder ein ruchloses Blossstellen von 40 Mann halte, so kann ich doch seinen pädogogischen Werth nicht verkennen. Wenn Major Pompe mir mittheilte, er habe dies gethan, um den Atjeern zu zeigen, dass der Europäer Muth habe, so hat er eben stillschweigend das pädagogische Moment eines solchen Vorfalles hervorgehoben. Wenn aber dadurch einige Soldaten verwundet oder sogar gefallen wären?! A la guerre comme à la guerre wäre wahrscheinlich die Antwort gewesen. Ich nahm während des weiteren Gespräches Anlass, den Major darauf aufmerksam zu machen, dass man in Europa die Arbeit der Militärärzte geradezu unterschätze. Wenigstens Deutschland und Oesterreich haben bis jetzt in diesen nur Officiere zweiten Ranges gesehen; diese Staaten gaben ihnen bis jetzt noch nicht die Feldbinde, und viele militärische Auszeichnungen werden ihnen vorenthalten; nichts ist unbilliger als dieses. Die moderne Kriegswissenschaft ist in ihrem Principe ebenso auf die Leistung des todten als auf die des lebenden Materials angewiesen; die Militärhygiene ist also ein bedeutender Theil der Kriegswissenschaft, und ihre Vertreter — die Militärärzte — sind schon aus diesem Grunde ein gleichwerthiger Theil des Heerwesens. Häufig genug wird der Unterschied zwischen combattanten und nichtcombattanten Truppen zum Nachtheile der Militärärzte hervorgehoben; auch die einzelnen Theile der combattanten Truppen zeigen aus verschiedenen Ursachen eine oft weitgehende Rivalität untereinander. Die Artillerie, die Cavallerie und die Infanterie bestreiten oft genug gegenseitig ihre Vorzüge; aber gegenüber den Militärärzten zeigen sie eine rührende Harmonie. Alle combattanten Truppenofficiere sehen in diesen minderwerthige Officiere, weil sie nicht mit der Waffe in der Hand ihren Dienst verrichten, also keines persönlichen Muthes bedürfen sollten, der die Grundbedingung eines guten Soldaten sei. Dies ist eine ganz falsche Ansicht; der persönliche Muth ist für den Militärarzt noch mehr Grundbedingung seiner Existenz als für den Truppenofficier; die Kugeln wählen sich nicht ihre Opfer; die Gefahren des Aufmarsches, der Schlacht, des Rückzuges bedrohen den Militärarzt nicht weniger als den combattanten Officier; ja noch mehr; während die Kugeln um ihn pfeifen, muss er ruhigen Blutes dem Laufe des Kampfes folgen, dort eine zerrissene Ader aufsuchen, sonst verblutet das Opfer unter seinen Händen; hier muss er ein zerschmettertes Glied lege artis verbinden, sonst bleibt der Verwundete sein Leben lang ein Krüppel; der Truppenofficier schwingt während der Schlacht den Säbel, läuft, schiesst den Revolver ab, ruft mit lauter Stimme sein Commando, den Aufruhr in seinem Innern braucht er nicht zu dämpfen, er folgt seinem Impuls, sich und seine Soldaten zum Ziele zu führen und sein Leben zu vertheidigen. Der Arzt dagegen muss den Sturm in seiner Seele unterdrücken; er darf sein Leben nicht vertheidigen; er muss das Leben seiner Nächsten retten; er lässt die Kugeln um seine Ohren sausen, er denkt nicht an sein Leben — er muss ruhig bleiben; er ist muthiger, weil er nicht kämpfen darf, er ist tapferer, weil er nicht kämpfen kann, auch wenn das Schwert des Cavalleristen seinen Kopf, der Huf des Rosses seine Brust und die Kugel oder das Bajonett des Infanteristen seinen Leib zu zerschmettern drohen.


Meine Privatpraxis unter den Eingeborenen war unbedeutend und konnte auch nicht gross sein, weil der Verkehr der europäischen Beamten und Officiere sich nur auf dienstliche Angelegenheiten beschränkte und der Kleinhandel in Lambaro ganz in den Händen der Chinesen sich befand. Ihr Quartier befand sich ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt und wurde jede Nacht abgeschlossen; es war insoweit also ein Ghetto; aber einer grossen Sicherheit ihrer Person oder ihres beweglichen Vermögens erfreuten sie sich deswegen nicht; im Dunkel der Nacht konnten sehr leicht räuberische Ueberfälle von Seiten der »feindlichen Atjeer« stattfinden und selbst bedeutenden Erfolg haben, bevor aus dem Fort die nöthige Hülfe eintreffen konnte. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes in Lambaro nur ein einziges Mal die Alarmglocke im chinesischen Viertel geläutet, und als die Hülfe beim Thore anlangte, berichtete der chinesische Häuptling, dass die Räuber bereits entflohen seien.

Es war ja auch nicht zu erwarten, dass aus politischer Ursache jemals die Chinesen von den Atjeern etwas zu fürchten hätten. Sie waren ja für die Eingeborenen des Landes geradezu unentbehrlich. Gestattete die Regierung den Export der Naturproducte, so waren die Chinesen die officiellen Agenten oder Exporteure. Glaubte die Regierung den Export verbieten zu müssen, so waren die Chinesen die heimlichen Exporteure und leiteten mit grosser Geschicklichkeit den Schmuggelhandel; zu allen Zeiten leisteten sie aber den Atjeern — ausgezeichnete Spionendienste. Natürlich war dieses der Regierung kein Geheimniss; aber es war ihr unmöglich, diesem mit Erfolg entgegenzutreten und — sie gebrauchte die Chinesen ebenfalls zu Spionendiensten. Solche Zustände sind nur dort möglich, wo die politischen Zustände keinen ausgesprochenen Charakter haben. Atjeh war in diesem Jahre unterworfen, der Kriegszustand war nach dem erzwungenen Abtritte des Generals van der Heyden officiell beendigt, Friede[74] war im Lande und nur gegen »vereinzelte isolirte Marodeure« musste hin und wieder die bewaffnete Macht einschreiten. So hatte es der Gouverneur Pruys van der Hoeven urbi et orbi verkündet; ja noch mehr; die Dictatur wurde der zielbewussten Leitung der militärischen Macht abgenommen und die oberste Leitung der civilen Macht anvertraut, welche durch »Polizeimänner« diese »kleinen unbedeutenden räuberischen Ueberfälle« unterdrücken wollte. Ein Fiasco war das Resultat dieser Politik und, wie schon erwähnt wurde, die »Concentration« des eroberten Gebietes hinter der »Linie« unter militärischem Commando musste diesen groben Fehler restauriren, ohne dass darum auch der Kriegszustand wieder officiell erklärt wurde.