Prof. Hueppe sieht in den von mir oben angeführten Thatsachen nur eine individuelle Acclimatisation der Europäer in den Tropen und behauptet mit Recht, dass durch diese Thatsachen nur bewiesen sei, dass in den Tropen der Europäer alt werden und seine Muskel- und Geistesenergie in denselben biologischen Grenzen als in Europa sich bewegen könne.
Mehr wollte ich ja nicht behaupten, und diese Thatsachen sind ja hinreichend, die Frage der Landbaucolonien in den Tropen anzuregen und zu beeinflussen.
Die Acclimatisation der Europäer als Genus kann empirisch und theoretisch geleugnet oder behauptet werden.
Wenn Herr Prof. Hueppe diese bestreitet, weil sie bis jetzt nicht vorgekommen wäre, obzwar schon seit ungefähr 400 Jahren Europäer in den Tropen gelebt hätten, so muss ich auf Grund meiner Erfahrungen in den holländischen Colonien einfach sagen: Ein negativer Beweis — beweist nichts. Denn z. B. auf den Inseln des indischen Archipels fehlte das Material dazu. Vor der Einführung der Dampfschifffahrt und noch mehr vor der Eröffnung des Suezkanals (16. November 1864) war die Zahl der europäischen Frauen, welche nach »dem Osten« gingen, so klein, dass die meisten europäischen Männer nur mit eingeborenen oder halbeuropäischen Frauen für die Fortpflanzung sorgen konnten. Empirisch lässt sich also diese Frage heute noch nicht beantworten.
Wenn jedoch theoretisch die Fortpflanzungsfähigkeit der Europäer in den Tropen besprochen werden soll, müssen meiner Ansicht nach in erster Reihe die Fortpflanzungsorgane die Basis der Untersuchung sein. Dies hat Herr Prof. Hueppe nicht gethan. Es ist aber auch über die Veränderung dieser Organe durch den Aufenthalt in den Tropen gar nichts bekannt, weil das einzige diesbezügliche Axioma, dass alle europäischen Frauen an Fluor albus leiden sollten, sich als unrichtig erwiesen hat (vide Dr. Stratz, Die Frauen auf Java).
Wenn aber in dieser Frage der Zustand der Fortpflanzungsorgane unter dem Einflusse des Tropenklimas nicht in Betracht gezogen wird, dann kommen wir in das Gebiet der speculativen Philosophie, für welche die moderne Hygiene ebenso wenig als Prof. Hueppe bei der Beantwortung medicinischer Fragen schwärmen wird.
In Nummer 31 (1902) der Prager Med. Wochenschrift glaubte dieser berühmte Hygieniker von Prag diesen Ansichten entgegentreten zu müssen und zwar auf Grund »von einer Erfahrung von 5000 Jahren«. In meiner Erwiderung betonte ich den Werth meiner langjährigen Beobachtungen an Ort und Stelle, während Prof. Hueppe nur die Mittheilungen Anderer benutzen konnte, und theilte noch Folgendes mit:
Nur die langjährige Beobachtung an Ort und Stelle ermöglichte mir die Behauptung, dass wir empirisch über die Fortpflanzungsfähigkeit der Europäer in den tropischen Colonien Hollands heute nichts Bestimmtes wissen können, und wenn mir Herr Prof. Hueppe die Beobachtungen aus den spanischen Colonien als Gegenbeweis bringt, werde ich zwar sofort einen (scheinbar) vollgiltigen positiven Fall erzählen; ich kann mich aber nicht einmal auf einen Einwand der Richtigkeit der spanischen Mittheilungen einlassen, weil selbst der grosse, kritische Scharfsinn dieses Hygienikers unmöglich einen Ersatz für die langjährige Beobachtung an Ort und Stelle bieten kann.
Was den sachlichen Theil der Gegenschrift des Herrn Prof. Hueppe betrifft, will ich ihren Widerspruch mit meinen Behauptungen in wenigen Worten skizziren.
| Breitenstein | Prof. Hueppe |
| 1. behauptet, dass die Europäer in den Tropen ebensoviel Arbeit leisten können als im gemässigten und subtropischen Klima; | 1. bestätigt diese Erfahrung; |
| 2. behauptet, dass jede a prioristische Negirung der Acclimatisationsfähigkeit der Europäer in den Tropen vor diesen Thatsachen die Waffen strecken müsse. | 2. behauptet, dass die Erfahrungen, die auf ungefähr 5000 Jahre zurückgehen, einfach ignorirt werden, weil einige Colonisationsschwärmer aus Freude über die doch wesentlichen individuellen Erfolge der Tropenhygiene auch dem deutschen Bauer eine ideale Zukunft versprechen. |