Dieses Lied ist aber kein rein malaiisches; seine Wiege stand in Portugal und hat sich mehr als drei Jahrhunderte[121] auf Java erhalten und fortgepflanzt. Die Tradition allein und keine Noten vermittelten bis jetzt die allgemeine Verbreitung auf Java. [Auf der Insel Bali, im Osten von Java, wurde vor einigen Jahren etwas entdeckt, das man mit unseren Noten vergleichen könnte. Auf Lontar-Blättern, d. h. auf den jungen, weisslichen Blättern der Palmyrapalme (Borassos flabelliformis L.), welche bis vor kurzem an Stelle des Papieres zum Briefschreiben und selbst zum Anfertigen von Büchern[122] verwendet wurden, befand sich ein Liebeslied mit einer Nadel geschrieben; die Schrift war mit Oel und Kohle lesbarer gemacht. Unter jedem Worte waren die Vocale aus der javanischen Schrift dong, deng, dung, dang, ding als Töne und der kleine dong und der kleine dang als Nebentöne angeführt.] Auch auf den übrigen Inseln werden die zahlreichen Instrumente nur aus dem Gedächtnisse gespielt; es ist daher, ich möchte sagen, selbstverständlich, dass dieses portugiesische Lied theilweise den malaiischen Charakter angenommen hat und dass nur der Fachmann im Stande ist, die ursprüngliche Arie aus dem vorliegenden Liede herauszufinden.
1. Lied (= Lagu) aus der „Komedie Stambul“
(= Theater von Constantinopel).
Otto Knaap und Constant van de Wall.
2. Lied aus der „Komedie Stambul“.
Otto Knaap und Constant van de Wall.
Diese zwei Lieder hörte ich auf Java (in Magelang) in dem Schauspiele »Ali Baba«, welches, wenn ich nicht irre, aus Tausend und Eine Nacht ins Malaiische übersetzt und dramatisirt wurde. Der Verfasser war ein gewisser Tardieu, welcher das Verdienst hatte, auf Java eine nach europäischen Begriffen rein dramatische Kunst so zu sagen über Nacht geschaffen zu haben.
Wenn der Herr O. Knaap in überschwenglichen Worten[123] die Energie bewundert, mit welcher Tardieu ein malaiisches Schauspiel gegründet und in kürzester Zeit malaiische Schauspieler geschaffen hat, so kann ich nur theilweise seinem Lobliede beistimmen.
Tardieu war 18 Jahre alt, als er sein Werk begann; er hatte kein Vermögen, sprach als »Sinjo« nur das sogenannte »Kasernenmalaiisch«; nirgends war eine Theaterschule; es gab keine Schauspieler von Beruf; nicht einmal geschriebene oder gedruckte Dramen fand er in der malaiischen Literatur, und die javanische Musik kannte er nicht mehr und nicht besser, als jeder andere Europäer oder »Sinjo« (= Halbeuropäer), welcher hin und wieder die Gamelan spielen hörte oder einer Wajong-Vorstellung[124] hin und wieder beiwohnte.