Es ist hier ein Bild en miniature des bunten Lebens in den grossen Hafenstädten von Port Said, Singapore oder Makassar u. s. w.
Die Trachten der Chinesen, Araber, Malayen, Javanen, Dajaker, Bekompeyer, Buginesen und der Europäer geben auch hier ein kaleidoskopisches Bild, und wenn hin und wieder eine bandjeresische Frau auf ihrem Kahne bei uns vorbeifährt, so ist es nur ein neuer Stein in diesem farbenreichen Bild; denn sie hat einen colossal grossen Hut auf dem Kopfe, der sie vor den versengenden Sonnenstrahlen und dem tropischen Regen schützen soll. ([Fig. 2].)
Der Ausflug nach der Affeninsel geschah natürlich auch auf einem Kahn und zwar auf dem Canal Kween.
Dieser natürliche Canal ist ursprünglich nur ein Antassan gewesen, d. h. der Strom des Baritu hat sich in dem weichen Boden einen Weg gebahnt und die Martapura erreicht; ich zweifle auch keinen Augenblick, dass dieser Canal in den 18 Jahren, dass ich ihn nicht gesehen habe, an Breite, Grösse und Richtung nicht unbedeutende Veränderungen erfahren haben wird. An dem einen Ende dieser Antassans befindet sich die Affeninsel, wohin ich mich begab, beladen mit einem Revolver und mit einer grossen Pisangstaude (Musa sapientium und Musa paradisiaca = Banane).
Ich werde noch Gelegenheit haben, über die Pisang, sowie über Früchte Indiens im Allgemeinen zu sprechen; ich will jetzt nur erwähnen, dass diese eine Frucht ist, welche das ganze Jahr und überall im Archipel gegessen wird, dass es deren zahlreiche Arten giebt — bis zu 50 —, dass der Pisang-Baum auf gleichem Raume 133 mal mehr Nahrungsstoff als Weizen giebt, ja, dass einzelne Autoren selbst von zwei Centnern Früchten sprechen, welche ein einzelner Baum in einem Jahre liefere, dass die Frucht in Gurkenform ein mehliges Fleisch habe von süsslichem, leichtsaurem, adstringirendem Geschmack, und dass Säuglinge genährt werden mit geriebenem Pisang, mit welchem etwas gekochter Reis vermengt ist.
Den Revolver nahm ich mit, weniger aus Furcht, als mit dem Vorhaben, einen Affen zu erlegen. Kaum hatte ich mich der Insel genähert, welche ich wegen niederen Wasserstandes nicht betreten konnte, als die Affen (Cercopithecus cynomolgus), gemeinhin Keesch genannt, in grossen Schaaren ans Ufer kamen; ich glaube wenigstens 50–60 an diesem Tage gefüttert zu haben. Das possirliche Treiben dieser Vierhänder will ich meinen Reisebriefen nicht entnehmen, weil es genug bekannt ist, und weil ich späterhin genug von meinen Orang-Utangs und Gibbon mittheilen werde, welche in meinem Hause frei herumliefen. Als ich jedoch den Revolver zog, um nach den Affen zu schiessen, warnte mich mein Bedienter, dies zu thun, weil ich dann sehr krank werden würde. Ich liess mich nicht davon abhalten, schoss, ohne jedoch einen Affen zu treffen. »Glücklicherweise,« sagte ich, weil ich später gesehen, welche Macht diese eingeborenen Bedienten über ihre Herren bekommen, wenn man nicht vom Anfang an ihren Aberglauben ignorirt. Wenn man nicht vom Anfange an (principiis obsta!) sich auf diesen höheren Standpunkt stellt, ohne darum ihren Aberglauben zu bespötteln oder zu belächeln; dann wird der Orang baru = homo novus oft in unangenehmer Weise der Dupe seiner Bedienten, weil sie um jeden Preis ihre Ansichten durchsetzen wollen.
Zwei Beispiele aus meiner Erfahrung mögen dieses genauer illustriren. Ich schenkte einem meiner Freunde einen Beo (Gracula), welcher noch nicht gut sprechen konnte; sein Bedienter erklärte, die Zunge dieser indischen Elster dürfe nur an einem Freitag gelöst werden; ich zuckte die Achseln und bedeutete meinem Collegen, dass ich solche abergläubischen Ansichten principiell nicht befolge; mein College jedoch fand meinen Skepticismus gegenüber dem Mysticismus der Malayen nicht gerechtfertigt, weil Vieles zwischen Himmel und Erde sei, wovon die menschliche Weisheit sich nichts träumen liesse und weil der Bediente als Eingeborener des Landes besser mit der »Natur« des Landes vertraut sei u. s. w. Wie gewöhnlich stand sein Bedienter mit einem wesenlosen Ausdruck neben uns, als ob sein Geist irgendwo im Weltraum schweife, während er factisch, ohne dass es sein Herr wusste, die holländische Sprache gut verstand. Wenigstens ich sah, als mein Freund hierauf erwiderte, er wolle es probiren und denselben Tag dem Beo die Zunge lösen lassen, ein eigenthümliches Lächeln um seine Lippen spielen. Den andern Tag war der Beo — todt. Weniger gleichgültig ist der Aberglaube — in der Kinderpraxis. Die Babus (Dienstmädchen) haben ihre eigenthümlichen medicinischen Erfahrungen und octroyiren sie in geschickter Weise den Müttern, und wird man zu einem kranken Kinde gerufen, so erhält man die abenteuerlichsten Rathschläge. Ist so eine Mutter gewöhnt, jenen absurden Vorschlägen, wie wir sie späterhin kennen lernen werden, nicht principiell entgegen zu treten, oder sie sogar anzunehmen, so fühlt sich die Babu ihrer Rolle sicher und beherrscht die Mutter in fürchterlicher Weise; wird jedoch einmal ihr Rath nicht befolgt, so wird es oft geschehen, dass sie, um Beweise für ihre Ansicht zu bringen, selbst schädliche Medicinen dem Kinde eingeben, oder, wie ich es einmal entdeckte, in Gegenwart der Eltern und des Arztes das Kind in die Hinterbacke zwicken, um es fortwährend schreien und weinen zu lassen.
Am 11. April erhielt ich Marschbefehl und zwar nach Muarah Teweh (0° 5′ S. B.), wohin den folgenden Tag ein Regierungsdampfer mich und den neuen Militär-Commandant bringen sollte. Dieses Fort lag damals am rechten Ufer des gleichnamigen Nebenflusses des Barituflusses.
Auf dem Strome, auf welchem oft tausend Meter weit die tiefste Stille herrscht, welche nur durch das Plätschern der Räder des Dampfers unterbrochen wurde, waren wir oft stundenlang die einzigen lebenden Wesen; hin und wieder erhob am Ufer lautlos ein Krokodil seinen Kopf und schaute uns mit neugierigen Blicken an, hin und wieder flog ein glänzender Alcedo über dem Dampfer, oder wir hörten aus weiter Ferne die gellen Klagelaute der Gibbons; eine Riesentaube, einen Reiher, ein Lori sahen wir hin und wieder im Gebüsche; aber der Grundtypus des Panoramas war die majestätische Ruhe.
Menschen, sollte man glauben, bewohnen nur den unteren Lauf des Baritu, wo oft, wie in Bandjermasing, auf schwimmenden Häusern die Handelsleute wohnen. Diese Häuser, aus Matten verfertigt, schwimmen auf dem Wasser und sind mit grossen Rottangs an den Ufern befestigt; mit dem Steigen und Fallen des Wassers müssen die Rottangs kürzer oder länger angebunden werden. Will ein solcher Jünger Mercurs den Platz verlassen, löst er die Schlinge, zieht den Rottang ein und lässt sich den Strom abwärts treiben oder den Strom aufwärts ziehen mit seinem Geschäfte, mit Weib und Kind und mit seiner Wohn- und Schlafstätte. Das ganze Familienleben spielt sich auf diesem Hause ab, durch dessen Flur man die spiegelnde Fläche der Wasser sieht.