So möge noch vor Schluss dieses Capitels wieder der Arzt in mir zu Worte kommen:
Eine zweite indische Landplage, welche noch ärger ist als die der Mosquitos, ist der rothe Hund, Lichen tropicus oder, wie sie Scheube nennt, eine Eczemform, z. B. eczema aestivum. Wenn ich mich jedoch an die Definition von Lichen halte, welche Hebra s. Z. gab, dann muss ich mich aus anatomischen, ätiologischen und klinischen Ursachen an die, wenn ich nicht irre, von mir zuerst in N.-Indien eingeführte Classification von Lichen tropicus halten. Hebra nannte Lichen »jene Krankheitsform, bei welcher Knötchen gebildet werden, die in typischer Weise bestehen und im ganzen chronischen Verlaufe keine weitere Umwandlung zu Efflorescenzen höheren Grades erfahren, sondern als solche sich wieder involviren«.
Als ich zum ersten Mal meinen Collegen mein Leid klagte, dass mich ein fürchterliches Jucken plage mit kleinen hochrothen Knötchen auf der Haut, und zwar am meisten zwischen den Fingern und am Rücken der Hand, am Rücken, auf der Innenseite der Arme und am Hals, da antwortete mir der Eine: »Seien Sie froh, dass Sie den rothen und noch nicht den schwarzen Hund haben« (wobei ein malitiöses Lächeln um seine Lippen spielte), während der Andere mir ein anderes Trostwort zu Theil werden liess. »Nein, seien Sie froh, dass Sie den rothen Hund haben, denn dann wissen Sie sicher, dass Sie keine andere Krankheit in Ihren Gliedern bergen.« Nun, was der Eine mit seinem »schwarzen Hund« und mit seinem malitiösen Lächeln sagen wollte, erfuhr ich später; für die Behauptung des zweiten Collegen, dass ich durch die Anwesenheit des »rothen Hundes« die demonstratio ad oculos hätte, nicht krank zu sein, bekam ich jedoch sofort die nöthige Interpretation. »Weil ich gesund sei, schwitze ich stark; weil ich stark schwitze, bekäme ich den »rothen Hund«; also, weil ich den rothen Hund hätte, sei ich gesund.« Kopfschüttelnd machte ich die Bemerkung: Gar so sehr könne ich mich mit meinem fürchterlichen Jucken nicht freuen, und ich würde es schon vorziehen, gesund zu sein, ohne den »rothen Hund« mitschleppen zu müssen, und ich möchte höflichst meine Collegen bitten, mir ein Mittel anzugeben, mich von diesem unliebsamen Gaste zu befreien. Ja, bekam ich mit mitleidigem Tone zur Antwort, wenn Sie den rothen Hund und die Transpiration unterdrücken wollen, und das Eine geht nicht ohne das Andere, dann können Sie auch sofort einen Sarg bestellen; Sie wissen ja, wie gefährlich es in Europa ist, die Transpiration zu unterdrücken; dies hat noch mehr Bedeutung »in de Oost«, wo Malaria, Cholera, Dysenterie u. s. w. sicher mit dem Schweisse den Körper verlassen. Noch wagte ich den Einwand: Mir scheint der »rothe Hund« von zu vielem Schwitzen zu entstehen, und ich möchte darum nur das zu viele Schwitzen bekämpfen, um dadurch vielleicht vom »rothen Hund« befreit zu werden. Auch dieses wurde mir abgerathen mit den Worten: Dagegen lässt sich nichts thun, denn der »rothe Hund« ist eine indische Krankheit, und da wir kein Arzneimittel dagegen haben, so ist auch bewiesen, dass der »rothe Hund« nicht vertrieben werden darf!! Aus diesem Gespräche wurde mir ersichtlich, dass der »rothe Hund« gewissermaassen einen diagnostischen Werth habe, weil er nie zugleich mit acuten Krankheiten vorkäme, und dass wir kein specifisches Heilmittel für ihn hätten. Nun, späterhin hatte ich an mir selbst und an hundert Anderen genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser zwei Axiome zu überzeugen.
Leider sind nicht allein die »Totoks« das Opfer dieser Plage, d. h. jene Europäer, welche erst eine kurze Zeit in den Tropen sich aufhalten, sondern noch jahrelang, selbst sein ganzes Leben lang wird man in grösseren oder kleineren Pausen von dieser Hautkrankheit heimgesucht. Als ich im Jahre 1884 zum ersten Mal mit Urlaub nach Europa ging, hatten wir eine junge Wittwe an Bord, welche wegen dieser Krankheit Indien verlassen musste. Diese Dame hatte selbst im Gesicht die rothen Knötchen, was in der Regel nicht vorzukommen pflegt. Sie konnte beinahe die ganze Reise nicht an die Tafel kommen, weil sie unter der europäischen Toilette zu stark transpirirte und die indische Haustoilette an der Abendtafel nicht erlaubt ist.
Die Eingeborenen leiden gar nicht oder selten an dieser Krankheit. Sind es Eingeborene mit dunkler Hautfarbe, bleiben sie ganz und gar davon befreit; sind es pigmentarme Eingeborene, wie z. B. die in Indien geborenen Europäer (Kreolen), so leiden sie ebenso häufig am »rothen Hund« wie die in Europa geborenen Europäer; Menschen aus gemischtem Blut (Sinju und Nonna genannt) haben bei pigmentreicher Haut wenig oder gar keine Anlage zu Lichen tropicus, und bei pigmentarmer Haut sind sie in gleicher Weise dieser lang dauernden Krankheitsform unterworfen. Die Prophylaxis fällt zusammen mit der Aetiologie, d. h. alles zu thun und zu lassen, was die Schweisssecretion erhöht (nirgends wird so viel getanzt als in Indien!!), und die Behandlung ist die der juckenden Hautkrankheiten. Nur wird man das tägliche Schiffsbad nicht abzuschaffen brauchen, denn die Krankheit »schlägt nicht hinein« (es ist ja ein Ausschlag); man wird das Jucken mit Streupulver, Eau de Cologne u. s. w. vermindern; mit dem Eintreten der niedrigen Temperatur wird das Jucken eo ipso minder, und nur in Ausnahmefällen wird es nöthig sein, wegen des »rothen Hundes« ein kaltes Bergklima aufzusuchen.
2. Capitel.
Pesanggrâhan = Passantenhaus — Ausflug nach der Affeninsel — Aberglaube der Eingeborenen — Reise nach Teweh — ein chinesisches Schiff im Innern Borneos — Trinkwasser in Indien — Eis — Mineralwässer.
Vor zwanzig Jahren bestand kein Hotel in Bandjermasing, wenigstens nicht im europäischen Sinne, sondern nur ein sogenanntes Pesanggrâhan, das heisst ein Gebäude, welches ursprünglich nichts anderes war, als ein Nachtverbleib für Reisende, welche sich selbst mit den nöthigen Lebensmitteln versahen. Solche giebt es heute noch zahlreich im Innern Javas. Der gesteigerte Verkehr brachte es mit sich, dass diese primitiven Häuser aus Holz oder Bambus von der Regierung einem niedrigen Beamten in Administration übergeben werden, welcher monatlich fl. 50 erhält und dafür in dem Pesanggrâhan einige Betten, Tische u. s. w. aufstellen muss, Reisende auf ihr Verlangen verköstigt (in der Regel gegen eine Bezahlung von 4–5 fl.) und für Officiere oder Beamte ein oder zwei Zimmer reservirt halten soll. Als im Jahre 1896 der König und die Königin von Siam Java mit grossem Gefolge besuchten und einige Tage an dem Fusse des Buru Budur zubringen wollten, mussten sie auch ein solches Nachtquartier beziehen, welches zu diesem Zwecke natürlich mit schönerer Einrichtung versehen wurde. Für das zahlreiche Gefolge wurden selbst zahlreiche Hütten aus Bambus in aller Eile gebaut und eingerichtet. Aber auch in diesem primitiven Hotel fand ich keinen Platz bei meiner Ankunft in Bandjermasing, und in liebenswürdiger Weise wurde mir vom Landessanitätschef Gastfreundschaft in seinem Hause angeboten. Zwei Tage später verliess der Dampfer wieder Bandjermasing, und im Hotel (?) wurden wieder einige Zimmer verfügbar. Da ich wusste, dass es noch einige Tage dauern würde, bis ich Bandjermasing verlassen sollte, hatte ich, um von der Gastfreundschaft meines Chefs keinen Missbrauch zu machen, oder ich will lieber sagen, um nicht länger, als nöthig war, davon Gebrauch zu machen, das Pesanggrâhan bezogen. Ein primitives Zimmer (das ganze Gebäude bestand aus Holz) mit primitiver Einrichtung, jedoch mit guter Küche, wurde mir geboten. Ich werde noch später Gelegenheit haben, mit der indischen Küche mich näher zu beschäftigen. Die wenigen Tage, welche ich in Bandjermasing bleiben sollte, benutzte ich zur Besichtigung der Stadt und zu einem Ausfluge nach der Affeninsel. Wenn, wie schon erwähnt, meine Reisebriefe aus dieser Zeit nur mangelhafte Berichte aus der Hauptstadt Borneos bringen, so kann ich sie heute hinreichend ergänzen, weil ich 3½ Jahr später wieder eine ganze Woche in Bandjermasing procul negotiis verweilte und durch den späteren Aufenthalt auf den andern Inseln einen Maassstab fand, mit Verständniss die herrschenden Verhältnisse, das Leben und Treiben dieser Hafenstadt zu beurtheilen. Es ist das Leben einer Hafenstadt, welche an einem Flusse und nicht an der Küste des Meeres liegt; es ist auch kein Wald von Mastbäumen oder eine unzählbare Menge von Dampfern, welche eine solche Hafenstadt charakterisirt. Ein Kriegsschiff, ein paar kleine Dampfer, einige grosse und unzählbar viel kleine Segelschiffe und Kähne bevölkern den Fluss; da das linke Ufer nur von den Chinesen bewohnt wird, welche zahlreiche Geschäfte (tokos) haben und keine einzige Brücke die beiden Ufer verbindet, so ist es der Kahn, welcher den kauflustigen Menschen und hin und wieder einem der beiden Militärärzte den Verkehr zwischen beiden Ufern vermittelt. Zahlreich sind die Magazine, welche auf dem Wasser in schwimmenden Häusern sich befinden, um von Zeit zu Zeit den Martapurafluss zu verlassen und mit Weib und Kind der Eigenthümer entweder stromaufwärts nach Martapura, der alten Sultan-Residenz, oder stromabwärts in den Baritu mit Dampfbarkassen gezogen zu werden.
Fig. 2. Eine Bekompeyerin.