Bekanntlich hat Ende des 15. Jahrhunderts Madjopahit auf Java den Islam eingeführt und zwar mit Feuer und Schwert (so dass heutzutage nur zwei sehr kleine Colonien von echten Hindus auf dieser Insel gefunden werden, und zwar die eine in West-Java in der Provinz Labak und die zweite in Mittel-Java), und darum ist es interessant, dass die folgende Sage auch in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegt wird.
Im Beginne des 16. Jahrhunderts (1530?) lebte eine Fürstin des Bandjermasingischen Reiches, deren Name von der Zeitfluth weggespült wurde; sie hatte einen Knaben, dem sie einmal bei einer körperlichen Züchtigung eine Wunde am Kopfe beibrachte; er bekam dadurch eine solche Abneigung gegen das elterliche Haus, dass er seine Flucht mit Hülfe des Anakoda Laba, eines reichen Javanen, beschloss, der damals mit seinem Schiffe bei Negara vor Anker lag. Nach dem Tode seines reichen Pflegevaters führte er den Handel mit Borneo weiter. Seine hohe Abstammung hatte sein Pflegevater verheimlicht; Akar Sungsang (unter diesem Namen war er auf Java erzogen worden) erregte durch seinen Reichthum, seine Schönheit und durch seinen Muth dermaassen die Aufmerksamkeit der Bewohner von Amunthay, dass sie ihm die Hand der seither verwittweten Fürstin anboten. Viele Jahre lebte er in glücklicher Ehe mit — seiner Mutter, als sie eines Tages die Narbe an seinem Kopfe entdeckte und die Flucht auf Anakoda Laba’s Schiff erfuhr. Beschämt und erschreckt entzog sie sich seinen Umarmungen und stellte sich vor den Rath der Aeltesten, um die verdiente Strafe zu empfangen. Die Tradition (hadat) hatte jedoch keinen Präcedenzfall; die Ehe wurde nur gelöst und die Gattin-Mutter blieb straflos. Akar Sungsang heirathete wieder, und sein Enkel Samatra, der Sohn seiner Tochter Putri Kalarang und eines Dajakers, führte als Sultan Suriansah (1608?) den Islam auf Borneo ein. (Schwaner.)
Neben dieser Oedipussage hat die Mythologie der Dajaker auch die einer Venus anadyomene; aber für die Lernäische Schlange der Griechen hat der Dajaker kein Pendant; das ist um so überraschender, als die Küste ein ungeheurer Sumpf ist, über den sich bei der Fluth das Meer bis auf 1 Million Hektar ergiesst, und wo eine üppige Flora eine undurchdringliche, unausrottbare Wildniss geschaffen hat. An diese grosse sumpfige Ebene schliesst sich die tertiäre Formation[5] mit den Urwäldern, welche noch keines Europäers Fuss betreten und in welchen die Riesen der Flora neben den Riesen der Fauna hausen. Die Avicennien, Caesalpinen, Casuarinen und Rhizoforen; das Sideroxylon (Kaju besi M), Teakbäume, Guttapercha, Muskatbäume, Campher, Zimmt, Citrone, Bambus, Rottan, Reis, Pfeffer, Kaffee u. s. w. fesseln in ihrer Massenhaftigkeit den Laien vielleicht mehr als den Botaniker, und auch ich nahm den ganzen Reiz eines Urwaldes und der Sumpfpflanzen in mich auf und beugte in Demuth mein Haupt vor den gewaltigen Riesen der Pflanzenwelt, oder vor den Lianen, welche Schritt für Schritt den Marsch des Wanderers erschweren oder unmöglich machen. Auch ich ergötzte mich an der Pracht der Nepenthes-Artent, von denen schon Friedmann auf Borneo 22 Arten kannte und unter welchen die Nepenthes Edwardsiana, villosa und Rajali die schönsten sind.
Ein fesselndes Bild sind auch die Ströme mit ihren zahlreichen Seen (Danaus).
Ich habe den Genfer See gesehen, ich habe den Rhein befahren, ich kenne die Donau von Wien bis zum Banat; ich habe vier Monate in den Karpathen gelebt und habe mich an der Riviera herumgetummelt; ich weilte auf Java an den Ufern des Telagawarna, welcher wie in einem Kessel zwischen hohen Felsen eingeschlossen ist, dessen majestätische Ruhe und lautlose Luft mich mächtig ergriffen hat, aber nirgends sah ich ein Bild, das sich nur annähernd mit dem der Danaus vergleichen könnte; nirgends sah ich ein solch pittoreskes, variabeles Panorama, als auf den Seen jenseits der Ufer des Baritu.
Wahrscheinlich sind es alte Flussbetten, welche durch Antassans mit dem neuen Strom in Verbindung geblieben sind. Sinkt das Wasser in dem Barituflusse, so ist der Danau ein grosser Sumpf, aus dem hier der kahle Stamm eines Waldriesen (Balangiranbaum) sich erhebt, dort die Wurzeln einer Rhizophore eine niedrige Säulenhalle über dem sumpfigen Boden errichtet, durch die sich still und lautlos ein Krokodil windet; hier sitzt auf einem andern kahlen Stamme ein Reiher, dort tauchen einige Fische aus der Tiefe und trachten mit leichten Sprüngen die darüber schwebende Libelula zu erhaschen. Kreisen auch nebstdem einige Falken, oder in später Abendstunde zahlreiche Kalongs hoch in den Lüften, so ruht doch ein schwermüthiger, geheimnissvoller Ernst über der ganzen Fläche der Sümpfe und stimmt den Beobachter traurig im Gefühle der Einsamkeit und Verlassenheit.
Steigt das Wasser des benachbarten Stromes jedoch so hoch, dass es die durch den abgelagerten Sand und Schlamm immer und immer höher werdenden Ufer überragt, dann füllt sich das alte Becken zu einem grossen See, dessen Wasser in seiner wilden Fahrt immer und immer mehr den Boden aufwühlt und immer und immer neue Sümpfe schafft, bis wieder hier oder dort ein künstlicher Canal, Antassan, das Wasser dem Hauptstrom zuführt.
Die Formation dieses Diluvium und Alluvium ist bis jetzt ebenso wenig abgeschlossen als die der Danaus, Antassans und der grossen Ströme, welche oft einen täglichen Verfall von 15 Metern!! haben.
Ich verlasse nur ungern dieses Capitel, weil ich noch heute den ganzen Zauber dieser jungfräulichen Tropenwelt empfinde und fühle, obzwar ich kein Geologe und kein Botaniker bin.