3. Capitel.

Amethysten-Verein — Alkohol — Gandruwó, eine Spukgeschichte — Polypragmasie der jungen Aerzte — Verpflegung in einem Fort — Unselbständigkeit der Militärärzte — Malayische Sprache — Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik — Krankenwärter und Sträflinge — Amoklaufen — Erste Praxis unter den Dajakern — Schwanzmenschen.

Mit mir wurde, wie schon erwähnt, auch ein neuer Commandant nach Muarah Teweh transferirt, welcher gewissermaassen mein Chef in loco war, während der Landessanitäts-Chef in Bandjermasing in allen dienstlichen und wissenschaftlichen Angelegenheiten der eigentliche Chef blieb. Wir Beiden standen den fünften Morgen am Deck, als uns der Schiffs-Capitain am linken Ufer in weiter Ferne das Dach eines Forts sehen liess, mit des Worten: »Das ist Ihr Gefängniss.« Das erste Wort, welches der neue Commandant über Teweh zu mir sagte, war: »Nun zeigen Sie mir hier etwas Interessantes!« — Ein Fort mit zwei Meter hohen Palissaden aus Eisenholz; die Gebäude zeigten das schmutzig-gelb Graue von alten Bambusmatten und waren mit Holzschindeln gedeckt; hinter dem Fort war Urwald, auf dem jenseitigen Ufer des Baritu war Urwald und auf der Südseite zog der Tewehfluss zum Baritustrome. Mein Vorgänger soll, wie die bösen Zungen behaupteten, sofort nach seiner Ankunft in Teweh geheirathet haben, um die Regierung zu zwingen, ihn aus dieser Garnison abzulösen, weil »sie können doch nicht eine europäische Dame in Muarah Teweh wohnen lassen«; er blieb aber doch und hatte zur Zeit seiner Transferirung selbst schon ein kleines Baby; ich kaufte seine ganze Einrichtung, soweit er sie nicht mitnehmen wollte, bezahlte ihm auch den Preis für die Küche, welche er ausserhalb des Forts hatte bauen lassen; ich übernahm den Vorrath der Apotheke, ohne mich natürlich aufs Wägen und Messen der Medicinen einzulassen, bestätigte den Empfang von so viel Flaschen, Töpfen, Instrumenten, Utensilien, so viel Kilo Chinin, Ricinusöl und hundert anderen Medicinen, und zwei Tage später verliessen uns der alte Commandant und Dr. F. mit seiner Frau und drei Kindern (zwei stammten aus erster Ehe) und liessen uns (mit dem 3. Officier) zurück mit den wohlgemeinten Wünschen, die Oede des gesellschaftlichen Lebens mit Kartenspiel und dem Schnapse auszufüllen. Diese zwei Herren hatten es nicht gethan, und auch uns hat das Schicksal vor diesen Dämonen bewahrt.

Ich glaube, dass im Jahre 1894 Dr. Fiebig in Bandjermasing den Amethysten-Verein gegründet hat.

Aber schon seit wenigstens einem Jahrzehnt und zwar seit Einführung des künstlichen Eises hat der Alkohol in Indien viel von seinem verderblichen Einfluss verloren, seine Opfer sind jetzt bei weitem nicht so zahlreich, als sie es waren, wenn auch noch häufig genug, um einem Mässigkeits-Verein raison d’être zu geben. Ich zweifle, ob dieser Verein jedoch mit Erfolg Propaganda für seine Theorien machen wird und machen kann.

Dr. Fiebig verurtheilt nämlich den Gebrauch des Alkohols in jeder Form, zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen, d. h. er findet den Alkohol auch in der Hand des Arztes nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Dr. Fiebig geht also zu weit, er schiesst über das Ziel und verliert gerade in jenen Kreisen, welche berufen sind, seine Pläne, dem schädlichen Einfluss des Missbrauchs des Alkohols entgegenzutreten, zu unterstützen, eines grossen Theil der Anhänger, welchen er haben würde, wenn er sich an die thatsächlichen Verhältnisse halten würde. Auch Sympathie verlor er für seine Bemühungen durch die Form, in welcher seine Thätigkeit begann: amethystblaues Ordensband für die Mitglieder seines Vereins und das Losungswort »Los« (wenn ich mich nicht irre), welches die Mitglieder Jedem zurufen sollten oder mussten, wenn sie Jemanden Bier, Wein, Cognac oder Genevre trinken sahen, haben mehr Männer vom Zutritt zum Vereine ferngehalten, als Dr. Fiebig vielleicht dachte oder wusste. Nun, meine Wenigkeit z. B., die 20 Jahre unter den Holländern in Indien wohnte und doch keinen Genevre gewohnheitsmässig trank, welcher principiell kein Bier trank, weil sein Gebrauch (selbst der mässige) in den Tropen schädlich ist, ich selbst, der überzeugt ist, dass der Alkohol zum täglichen Gebrauch entbehrt werden kann, der in dem Alkohol ein Genussmittel sieht, welches als solches kein Bedürfniss ist, ich selbst hatte alle Sympathie für diesen Verein, so lange — ich nicht von den kindischen Spielereien mit einem amethystblauen Band u. s. w. hörte; ich bin also niemals Mitglied dieses Vereins geworden.

Wie gesagt, auch ohne die etwas laute Agitation dieses Vereines wurde der Missbrauch des Alkohols in holländisch Indien sehr vermindert; die Folgen desselben auseinander zu setzen, halte ich für überflüssig, weil sie hinreichend bekannt sind. Auf zwei Factoren möchte ich jedoch aufmerksam machen. Erstens: die meisten Menschen, welche dem Alkohol zum Opfer fielen, vergassen das alte Sprichwort: Principiis obsta. Als ich in Muarah Teweh Verdruss auf Verdruss hatte, verlor ich den Appetit; ein Gläschen Wein regte ihn jedoch so weit an, dass ich etwas essen konnte; bald jedoch zeigte sich diese Dosis zu klein, und ich musste bei Tafel zwei Gläschen Wein nehmen, um dasselbe Ziel zu erreichen; bald jedoch wurde auch dieses Quantum zu klein; ich nahm drei Gläschen, ohne dass für die Dauer mein Appetit rege blieb. Ich kam jedoch zu dem Entschlusse, die Dosis nicht weiter zu vergrössern, weil ich das Gespenst des chronischen Alkoholismus vor mir sah. Eine Zeit lang konnte ich trotz dieser drei Gläschen Wein keinen rechten Appetit bekommen; ich blieb jedoch bei meinem Entschluss und — siegte. Ohne die Dosis Wein zu erhöhen, konnte ich nach und nach wieder Mittag und Abendmahl essen, und auf diese Weise bin ich kein Säufer geworden.

Der zweite Factor ist, dass die Verführung in Indien zum Missbrauch des Alkohols gross ist. Wenn man dahin kommt, wird man von guten Rathschlägen überhäuft. Man geht in den Club und der Nachbar will sich des Homo novus erbarmen und ihm die Gefahren des Tropenklimas mit lebhaften Farben schildern, und schliesst seinen Vortrag mit den Worten: Ich bin schon 10–15 Jahre in Indien, ich bin niemals krank gewesen, lebe noch, wie Sie sehen; aber ich habe täglich zweimal vor der »Reistafel« und vor dem Abendessen mein Bitterchen getrunken. Sein Nachbar will auch ein Wort darüber sprechen und fügt hinzu: »Der Alkohol setzt ja die innere Temperatur herab, wie Sie wissen, Doctor; also müssen Sie ein Bitterchen trinken.« Ein Dritter fügt wieder hinzu: »In de ›Oost‹ muss man in den ›Pökel‹ gesetzt werden, sonst geht man zu Grunde, wie das Rindfleisch verdirbt, wenn es nicht eingepökelt wird.« Dies alles ist schon darum unrichtig, weil Millionen Menschen in den Tropen leben ohne den Gebrauch des »Genevre«. Alkohol ist eben kein Bedürfniss für den täglichen Gebrauch, ebenso als der Tabak oder das Opium. Es ist ein Genussmittel, und zwar ein gefährliches Genussmittel, weil es leicht zum Missbrauch führt und dann gefährlich für Leib und Seele wird. Dies möge jeder bedenken, der zum ersten Gläschen Bittern greift, um in der Monotonie des alltäglichen Lebens »auf dem Posten« einen Ersatz für andere Genüsse oder einen Sorgenbrecher für die Unannehmlichkeiten im häuslichen oder dienstlichen Leben zu finden. Wenn aber Dr. Fiebig mit seinen Anhängern den Alkohol aus dem Arzneischatz verbannen will, dann möchte ich ihm doch ein Halt, ein Ne nimis zurufen. Will vielleicht Dr. Fiebig in dem Moschus oder Campher so ein kräftiges Excitans als in dem Alkohol oder Aether sehen? Dr. Fiebig hat Unrecht, wenn er den Alkohol selbst den Aerzten entreissen möchte. Gänzlich wird ihm dies niemals gelingen. Noch einen Einwand des Dr. Fiebig gegen den »mässigen Gebrauch« des Alkohols möchte ich entkräften. Er wirft nämlich allen jenen, welche in unschädlicher Menge den Alkohol geniessen, vor, dass sie kein Recht hätten, dem Soldaten, dem Arbeiter oder dem Proletarier den Schnaps zu verweigern, weil sie ja auch Alkohol in der Form des Weines, Bieres, Champagners u. s. w. gebrauchen, mit einem Wort: exempla trahunt. Darüber liesse sich vieles zur Antwort geben; aber weder ich noch tausend Andere fühlen den Beruf in sich, von diesem Genussmittel abzusehen, allein — weil der Nachbar davon Missbrauch machen könnte. Wenn ich die Charakterstärke habe oder hatte, trotzdem dass ich den Wein gern trinke, und trotzdem meine Mittel es erlaubten, Wein in beliebig grosser Menge zu trinken, nur einen bescheidenen Gebrauch davon zu machen, dann darf ich mein warnendes Wort jedem zurufen, ein Gleiches zu thun. Für mein Kind, für meinen Freund werde ich vielleicht das Opfer bringen, ein Genussmittel mir zu versagen, wenn es aus pädagogischen Rücksichten nothwendig ist; aber zu Gunsten eines Fremden haben weder ich noch tausend Andere dazu den Beruf. —