Fig. 3. Das Fort Teweh bis zum Jahre 1880.
Das Schiff hatte uns verlassen, und jeder von uns drei Officieren zog sich in seine Gemächer zurück; wir zwei neuen Bewohner des Forts, um mit den häuslichen Angelegenheiten einen Anfang zu machen, der dritte, um den Anforderungen des Dienstes gerecht zu werden. Meine Wohnung lag an der Westseite des Hauptgebäudes, und zwar an dem südlichen Ende, so dass die westliche und südliche Seite meiner Wohnung von den Palissaden der Festung, die nördliche von der Bambuswand meines Nachbars und die östliche von der Hinterfront des Gebäudes begrenzt wurde. An diese schloss sich ein kleiner Hofraum und dahinter Pulvermagazin und Provostzimmer, und daran grenzte die Caserne, welche ebenfalls (nach Osten) von der Palissadenwand umschlossen wurde ([Fig. 3]). F. Gerstäcker theilt in der »Gartenlaube« von den 70er Jahren eine in Indien bekannte Spukgeschichte, wenn ich nicht irre, unter dem Namen »Gandruwó« mit, welche seiner Zeit sogar zu einem Duell eines Generals geführt habe. Die gegenwärtige Generation hat sie offenbar schon vergessen, weil man so selten von ihr sprechen hört. Sie zu erzählen, habe ich keine Ursache, weil ich folgenden ähnlichen Fall erlebt habe. Eines Abends sassen wir drei Officiere in unsern Zimmern, als plötzlich in meinem Zimmer ein Stein von der Decke fiel; ich schrieb es einem Zufalle zu und schwieg; es kam ein zweiter, ein dritter, und als endlich sogar ein Kork fiel, und zwar versehen mit dem Namen meines Weinlieferanten, stand ich auf und rief dem militärischen Commandanten zu, ob er die Steine fallen höre; ja, was bedeutet dieses? frug er zurück. Scherzend rief ich zurück: Das ist Gandruwó! Er kam zu mir und nirgends war eine Spur von einer lebenden Seele; vor uns lag das Ufer, es war mondhelle Nacht — kein Mensch, kein Affe zu sehen; vor der Südseite standen zwei grosse Bäume und ein Wachthaus, das geschlossen war; beim hellen Scheine des Mondes konnte man jedes Blatt des Baumes sehen, so dass wir sicher waren, dass auf dem Baume der Schalk nicht sitzen konnte, und nur in der Galerie, welche längs unserer Wohnung sich zog, lief die Schildwache auf und ab. Während wir den Fall besprachen und vor der Schildwache standen, fielen wieder Steine, und zwar immer aus dem Süden kommend. Für den dritten Lieutenant (de mortuis nil nisi bene) war es der ausgesprochene Fall von Gandruwó, weil er in dem jahrelangen Verkehr mit seiner Haushälterin in dem Aberglauben der Eingeborenen aufgegangen war. Nun, auch für uns zweie war es eine mysteriöse Sache: nirgends einen Menschen, nirgends ein lebendes Wesen zu sehen, und vor uns aus dem hohen Dachraume, in dem der Uebelthäter auch nicht sitzen konnte, Steine und Kork fallen zu sehen und zu hören! Nun, Doctor? frug mich der Commandant. In französischer Sprache gab ich ihm zur Antwort (weil die Schildwacht, obzwar ein Eingeborener, vielleicht doch holländisch verstehen konnte): »Ich weiss ein Mittel, um diesen Geisterspuk aufzuklären.« »Nun! welches?« »Drohen Sie der Schildwacht mit acht Tagen Provost, wenn das Fallen der Steine nicht aufhöre.« Der Commandant acceptirte meinen Rath und — die Ruhe war hergestellt. Offenbar hatte der Soldat, während er in strammer Haltung vor uns stand, mit dem Finger die Steine hinaufgeschnellt, ohne dass wir es merkten. In anderen ähnlichen Fällen sind z. B. in geschlossenen Räumen, selbst in Zimmern mit gewöhnlichem Plafond, dubang, d. i. mit Sirih roth gefärbter Speichel, Steine u. s. w. auf den Beobachter gefallen, obschon, wie in dem von Gerstäcker erwähnten Falle, ein Cordon von Soldaten das Haus umstand. Den directen Beweis für die natürliche Entstehungsweise habe ich in meinem Falle auch nicht erbracht; aber ich zweifle nicht, dass es in allen Fällen möglich gewesen wäre, den Betrug aufzudecken, wenn man nur den Mysticismus dieses Vorganges principiell ausgeschlossen hätte.
Auf die Ordnung meiner Wohnung brauchte ich nicht viel Zeit zu verwenden. Die Wände bestanden aus Matten von 2–3 Meter Höhe, hatten also keine Fenster, denn das Licht fiel über die Palissaden in mein erstes, ich will es Studirzimmer nennen; im zweiten Raume standen mein Bett, Kasten und Waschtafel. In der südlichen Wand war eine Oeffnung, welche in der Nacht oder bei schwerem Regen von einem Thürchen geschlossen werden konnte, also die Rolle eines Fensters spielte, und im letzten Raum stand der Geschirrkasten; eine Thür aus Bambus-Matten führte in den Hofraum. Natürlich war mein Studirzimmer zu gleicher Zeit, venia sit dictu, Empfangs- und Speisezimmer. Vor dem Fort stand am Ufer des Flusses meine Küche, mein Badehaus mit Abort, welche ebenfalls aus Bambus verfertigt waren; später errichtete ich daneben ein Affenhäuschen. Die Marodenzimmer für 6–8 Kranke und eine Apotheke standen im Fort und hatten dieselbe primitive Bauart und dasselbe einfache Baumaterial. Die Apotheke hatte einen grossen Vorrath an Arzneien, welche sich in den Jahren ihres Bestehens aufgehäuft hatten, ohne dass sie in Gebrauch genommen wurden. Die indische Regierung ist diesbezüglich besonders freigebig, oder sagen wir lieber verschwenderisch. Jeder Arzt hat das Recht, um Arzneien ad libitum ersuchen zu können; kein Chef hat den Muth, das »fiat verabfolgen« zu verweigern; wie viele, namentlich junge Aerzte, sehen ihr Heil nur in dem Verabfolgen von zahlreichen Medicinen und vergessen, dass der Arzt sehr viel auch ohne Arzneien helfen kann. Ich hatte einmal einen Patienten mit einem Typhoid — es ist 4 Jahre her — im Spital zu Magelang (Java), dem ich ¾ Gramm Antipyrin dreimal des Tages vorgeschrieben hatte; in meiner Abwesenheit bekam er Nasenbluten, und es wurde der »Doctor der Wacht« (du jour) gerufen; als ich zur Abendvisite kam, erzählte mir dieser Heilkünstler, dass er durch Ergotine sofort das Nasenbluten gestillt hatte (wäre es auch nicht ohne dieses gelungen?) und dass er nebstdem noch Chinin und Phenacetin gegeben hatte!! ein College konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Dieser Mann lebt noch, trotzdem er Antipyrin, Chinin, Phenacetin und Ergotin erhalten hat!!« Schon vor vielen Jahren hat der damalige Sanitätschef die jüngeren Aerzte aufmerksam gemacht, dass die Kunst des Arztes nicht im Verschreiben grosser oder zahlreicher Recepte bestehe; er hat zu tauben Ohren gepredigt, und die Polypragmasie florirt in Indien jetzt wie zuvor. Selbst in der Verabfolgung von Utensilien und Instrumenten zeigt die Regierung eine gleiche Freigebigkeit. Mikroskope z. B. von 500–600 fl. (mit Abbé, Oelimmersion) sah ich oft jahrelang in einem Winkel einer Apotheke ungebraucht stehen. Dem bacteriologischen Schwindel scheinen jedoch die letzten Jahre ein Ende gemacht zu haben. Auf zahlreiche Ansuchen nämlich von echten Dilettanten, welche vielleicht einmal einen Tuberkelbacillus unter dem Mikroskop gesehen hatten, oder denen es einmal gelungen war, einen solchen, sagen wir nach Gram oder Ehrlich, zu färben, wurden grössere Apparate, als Sterilisirungsöfen u. s. w. verweigert, während z. B. dem Laboratorium so ziemlich alle Hülfsmittel der modernen pathologischen Forschungen zur Verfügung gestellt wurden. Ich muss es wiederholen, dass der Sanitätschef sehr weise thäte, auch gegenüber dem Ansuchen um Medicinen und anderen Instrumenten etwas kritisch sich zu verhalten. Wie viele Tausende Gulden, vielleicht Hunderttausende sind in den einzelnen Apotheken der Marodenhäuser u. s. w. im indischen Archipel aufgehäuft, bis sie endlich von irgend einem Arzte als »verdorben« weggeworfen werden müssen.
Das Mobiliar des Marodenzimmers, das Geschirr, die Krankenwäsche und die Utensilien standen unter der Verwaltung des milit. Commandanten; auch die Kost bekamen die Kranken aus der gemeinsamen Menage; nur hatte ich das Recht, für gewisse Krankheitsfälle eine zweckentsprechende Diät vorzuschreiben, und erhielt dafür auf Ansuchen alles Nothwendige nach feststehendem Tarif, so z. B. durfte ich für jeden europäischen Patienten pro Tag ein halbes Huhn verlangen; wie erhält man jedoch ein halbes Huhn, wenn nur ein Patient im Marodenzimmer sich befindet? Im Archiv fand ich darüber sogar eine Correspondenz, d. h. eine diesbezügliche Anfrage an den Sanitätschef in Bandjermasing. Leider fand ich keine Antwort auf diese Frage vor. Für die Lieferung aller Bedürfnisse für die Truppen, somit auch der Patienten, befand sich ausserhalb des Forts ein Chinese, welcher unter dem Schutze des Häuptlings und der Truppen am linken Ufer der Teweh sein Magazin hatte. Er war natürlich nur der Vertreter einer grossen Gesellschaft, welche die Verpflegung der Truppen auf der S.-O.-Hälfte Borneos auf sich genommen hatte. Die gesetzliche Bestimmung bestimmte die Menge an Lebensmitteln, welche zu jeder Zeit im Fort und welche zu jeder Zeit in seinem Magazin anwesend sein mussten. Neben dem Quantum spielt natürlich auch die Qualität der Lebensmittel eine grosse Rolle in den Verpflichtungen des Lieferanten, welche eine stete Controle von Seiten des Commandanten erfordern. Die Gewissenlosigkeit der Lieferanten kann in Europa gross sein; aber der Chinese ist als Lieferant vielleicht weniger dumm als sein europäischer College, aber darum noch nicht gewissenhafter. Im Jahre 1870 wurden im Lager der französischen Armee Kisten eröffnet, welche Schuhe für die Soldaten enthalten sollten, und man fand — Kinderwagen und anderes Kinderspielzeug. So etwas hat ein chinesischer Lieferant niemals gethan. Womit jedoch der Thee z. B. gefälscht sein kann, welcher den Soldaten geliefert wird, das entzieht sich jeder Beschreibung. Die Butter, welche im Jahre 188... in Atjeh z. B. beim Lieferanten den Officieren zum Kauf angeboten wurde, sah dem Wagenfett ähnlicher als der Butter! Viel dieser Uebelstände erklären sich leicht durch die Unschlüssigkeit der Regierung. Auf der einen Seite will sie den Soldaten nur Lebensmittel in erster Qualität verabfolgen lassen, auf der andern Seite möchte sie gern so wenig als möglich dafür bezahlen. Ist der Officier bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel zu streng, und beklagt sich der Lieferant bei dem Intendanten, so kommt sicher eines Tags die Belehrung an die Officiere, bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel auch das Interesse des Lieferanten nicht aus dem Auge zu verlieren, weil anders der Preis der folgenden Concurrenzausschreibung zu hoch aufgesetzt werden würde. Kommt jedoch ein Inspecteur die Truppen inspiciren und sieht z. B., dass der gelieferte Reis zu viel mit gebrochenen Körnern gemengt sei, bekommt der Commandant wieder seine Nase. Am besten würden alle diese Schwierigkeiten behoben werden, wenn die Officiere, welche mit der Uebernahme der Lebensmittel u. s. w. betraut sind, wenigstens ebenso viel Waarenkunde besässen, als der Administrateur. In 189.. weigerte ein Lieutenant in Magelang, der kurz vorher von der Kriegsschule in Breda abgegangen war, das gelieferte Rindfleisch auzunehmen, weil die Lunge tuberculös sei; ich wurde geholt, um seine Diagnose zu bestätigen. Dieses konnte ich nicht thun, weil die Lunge nur ungleichmässig pigmentirt war. Der Lieutenant acceptirte meine Diagnose, das Rindfleisch wurde angenommen, und ich nahm ein Stück der Lunge mit, um sie dem Chef zu zeigen. Dieser Mann lebt jetzt als pensionirter Oberstabsarzt in Holland und hatte schon Vieles von Tuberculose des Rindes offenbar gelesen und gehört, und hatte auch schon von Färbung der Tuberkelbacillen und mikroskopischer Untersuchung läuten gehört — aber er hatte noch niemals gegenüber den militärischen Vorgesetzten eine selbständige Ansicht gehabt. Ohne auch nur die Lunge gut anzusehen, sprach er das Wort, das gewiss verdient der Nachwelt überliefert zu werden: »Wie können Sie oder wie wagen Sie es zu behaupten, dass die Lunge nicht tuberculös sei; haben Sie dort im Schlachthause nach Tuberkelbacillen gesucht?!« Auf meine Bemerkung, dass Pigmentflecke von der Grösse eines Cents bis zu der einer Hand doch keine Knötchen seien, und dass also nicht einmal ein Anlass in casu bestände, auf Tuberkelbacillen zu untersuchen, wurde ich entlassen, mit der Warnung, dass ich ohne mikroskopische Untersuchung niemals könnte wissen, ob eine Lunge tuberculös sei oder nicht?!
Es ist nämlich unglaublich, wie manche Militärärzte gegenüber dem »Commandanten« unselbständig sind, in der Furcht, Schwierigkeiten mit diesem Herrn zu bekommen, während sie oft ihrem untergeordneten Arzte gegenüber die grösste Strenge zeigen. Der Militär-Commandant ist und bleibt natürlich der Chef von Allen und über Alle: Ueber dem Artillerie- und Genieofficier, den Administratoren und dem Arzt. Keiner von diesen vier Fachleuten in Indien verleugnet aber so oft seine Selbständigkeit als der Arzt. Unglaublich aber wahr. Die Schuld liegt daran, weil, wie ich schon in der »Locomotif« vom 11. December 1896, betreffend »die Reorganisation des militärärztlichen Dienstes«, schrieb, die Aerzte in zahlreichen militärischen und medicinischen Wissenschaften fürchterliche Lücken haben. Von der gerichtlichen Medicin wissen sie nichts, und wenn, wie es häufig geschieht, ihre Hülfe oder vielmehr ihr Gutachten gefordert wird, nehmen sie »Casper« oder »Hoffmann« zur Hand und fabriciren daraus ein Schriftstück, welches den Stempel der Unreifheit deutlich trägt. Die Advocaten Indiens wissen das und halten damit Rechnung! In der Bauhygiene ist es am schlechtesten bestellt; d. h. pro forma werden die Aerzte in Fragen der Bauhygiene um ihr Gutachten angezogen; aber das »Genie« würdigt sie oft nicht einmal einer Antwort. Im Jahre 1891 wurde ein neues Spital in M.... gebaut; alles war fertig, d. h. der Boden abgemessen, Bauplan angenommen u. s. w., man sollte schon mit dem ersten Spatenstich anfangen, als ein neuer Stabsarzt in M.... ankam. Sofort erhob er gegen die Wahl des Grundes sein Veto, weil in der Nähe Sawahfelder (= nasse Reisfelder) sich befänden, welche die Quelle von Fieberepidemien werden könnten, und weil der ausgemessene Grund vor Jahrzehnten ein Kirchhof gewesen sei; die Genie gab ihr Gutachten, dass die nassen Reisfelder natürlich nicht bebaut werden würden, weil sie behufs Trockenlegung schon angekauft seien, und was den »alten Kirchhof« beträfe, so sei seit dreissig Jahren niemand dort begraben worden, der Grund sei also nicht antihygienisch. Der Stabsarzt V... erhob jedoch nochmals seine warnende Stimme; das Armeecommando bestätigte den Plan »der Genie«, das Spital wurde gebaut, und niemals hat sich ein schädlicher Einfluss des Bodens gezeigt.
»Die Militärhygiene ist ganz in den Händen der Compagnie- und Bataillonscommandanten. Allein im Nothfall, d. h. sobald sie Unterstützung für ihre Vorschläge suchen, rufen diese Herren die Hülfe des Arztes an, um ein wissenschaftliches Kleid ihren Vorschlägen zu geben, so als Bacterien, Eiweissgehalt u. s. w. ...« Und immer finden sich Aerzte, welche zu diesem Liebesdienst sich hergeben. Kein Wunder, dass ein Major der Infanterie eine dicke Broschüre über die Prophylaxis der Beri-Beri geschrieben hat!
Die Epidemiologie ist ganz und gar am Gängelband der europäischen Wissenschaft; anstatt selbständig die Verhältnisse des Tropenklimas zu den Epidemien zu beobachten, d. h. den Einfluss der tropischen Temperatur, Feuchtigkeit der Luft und des Bodens, der tropischen Flora und Fauna, Windrichtung, Wald, Höhe und Ebene auf die Ausbreitung gewisser Krankheiten zu studiren, werden kritiklos die Theorien der europäischen Epidemiologen auf Indien angewendet.
Von der militärischen Rechtspflege wissen die Militärärzte ebenso viel und ebenso wenig als von der Administration, obzwar oft eine Compagnie von Militär-Krankenwärtern unter ihrem Commando steht. »Ist es daher ein Wunder, dass bei solch mangelhaftem Wissen von Allem, was nicht direct den fachmännischen Theil betrifft, die Militär-Aerzte gegenüber dem Militär-Commandanten beinahe absolut unselbständig sind und oft genug auch in rein medicinischen Angelegenheiten keine Anerkennung finden?«