Zu D... sollte eines Abends grosser Empfang beim Residenten sein; der Militär-Commandant erschien mit seinem Officier um 7 Uhr in Galatenu und fand die Frau des Residenten in — indischer Toilette, weil sie mit ihren Freundinnen beim Kartenspiel vergessen hatte, dass an diesem Tage ihr Mann, der Resident, seinen »jour« habe. Um nicht die Gäste warten zu lassen, blieb sie in ihrer Haustoilette. Die militärischen Gäste verliessen jedoch auf Antrag ihres Chefs sofort das Gebäude. Dieser Fall ist allerdings vereinzelt. Eine europäische Dame hätte natürlich lieber die Gäste warten lassen, bis sie die Haustoilette abgelegt hatte, als in solcher Toilette zu »empfangen«. Denn diese besteht nur aus einem bunten Rock, der um den Unterleib geschlungen und mit einem Bande befestigt wird; ein Leibchen, mit mehr oder weniger Spitzen garnirt, bedeckt den Oberleib; die »indischen Damen« haben unter dem Leibchen (Kabaya genannt) ein Unterleibchen (Kutang), welches die Rolle eines Mieders vertritt und weiter nichts. Ein indiscreter Wind wird nicht gefährlich, weil der bunte Rock, Sarong genannt, eng anschliessend ist, und es darum nicht viel Geschicklichkeit erfordert, den Sarong nach dem Winde zu drehen. Ist der Sarong aber von schlechter Qualität und die Sonne fällt auf ihn, dann sieht man nicht nur die äusseren Conturen des Körpers, sondern die schwach durchfallenden Sonnenstrahlen geben oft ein sichtbares, wenn auch schwaches Bild der schlecht verdeckten Theile. Nicht nur aus Schicklichkeitsgründen, sondern auch aus hygienischen ist es darum zu empfehlen, dass die Damen Unterhosen tragen; man transpirirt stark in Indien, der Landwind ist oft kühl, er spielt oft unter dem Sarong, dass es Mühe kostet, ihm (dem Winde) den Eintritt zu wehren; Darmkrankheiten in Folge Erkältungen sind dann unvermeidlich. Eine sehr zweckmässige Haustoilette sind Sarong und Kabaya, wenn darunter Unterhose und Flanellhemdchem (mit oder ohne Aermel) getragen werden, sie ist eine sehr praktische Nachttoilette für die Damen; auf die Strasse oder in den Empfangssalon gehört sie jedoch nicht. Ich weiss, dass diese meine Worte keinen Einfluss haben werden, denn die »indischen« Damen sind noch conservativer als die holländischen. Die indische Toilette entspricht zwar einem Bedürfniss. Wir würden in Europa im Hochsommer auch eine leichtere Kleidung für wünschenswerth finden; wir tragen aber der Schamhaftigkeit Rechnung und gewöhnen uns daran. Eine Unterhose und eventuell ein Flanellhemdchen unter der Kutang zu tragen, ist ja nicht so schwer, und es wäre damit dreierlei Vortheil erreicht: der Genuss einer leichten Toilette wäre verbunden mit der Schamhaftigkeit und dem hygienischen Vortheil eines Präservativs gegen Erkältung. — Dies ist auch die Toilette der eingeborenen Frauen, mit dem Unterschiede jedoch, dass die Kabaya sehr oft aus hell gefärbten Stoffen und nicht aus Leinwand mit Spitzen besteht; die Sonnenschirme und Kabaya sind schreiend roth, grün oder blau in allen möglichen Nuancen. Oft bestehen diese Kabayen aus Seide oder ähnlich glänzenden Stoffen, so dass das Auge von diesen grellen Farben — man sollte meinen — beleidigt, nein, im Gegentheil befriedigt wird. Gerade im Lande des ewigen Sommers mit dem hellen und scharfen Sonnenlicht gefiel mir dieses farbenreiche Kaleidoskop besser als in Europa, vielleicht, weil dieser »bäuerische« Geschmack dem ganzen Wesen der Malayen entspricht.


Von den Frauen der Dajaker werden ebenfalls bunte Kabayen getragen, und zwar bei ihren zahlreichen Festen; in ihrer Häuslichkeit ist der »saloi«, der kurze Sarong, ihr einziges Kleidungsstück, der von der Mitte des Unterleibes bis zum Knie reicht; bei einem Feste, welches mir zu Ehren gegeben wurde, erschienen sie jedoch in ihrem Galatenu, d. h. im sarong und badju (Leibchen ohne Aermel). Es wurde ein Ladang angelegt, d. h. ein trockenes Reisfeld. Wochen vorher wurde hinter dem Kampong ein niedriger Hügel durch Fällen der Bäume und Verbrennen der Reste von allen Pflanzen befreit. Zu der Aussaat des Reises wurde ich eingeladen. Eine Reihe von Männern bohrte mit einem zugespitzten Bambusstock Löcher in den Boden, und hinter ihnen stand eine Reihe von Mädchen und Frauen, welche einen Selindang nach malayischer Sitte trugen, ein Umschlagtuch, welches von der rechten Schulter zur linken Seite gezogen und befestigt wird, und darin war ein Körbchen mit dem Reis für die Aussaat. Endlich siegte die Natur über die Etiquette; die Mädchen und Frauen warfen Selindang und badju weg und rückten den Sarong in die Mitte des Bauches. Der Bildungsgrad dieser Frauen kann natürlich nicht mit europäischem Maassstab gemessen werden; sie spielen die Flöte, sie singen ihre Helden- und lyrischen Lieder und tanzen in anmuthigen Bewegungen ihre Chorreigen; im Uebrigen — lieben sie. Manche von ihnen hat auch in der Geschichte eine Rolle gespielt, wie z. B. Induambang, welche im grossen Aufstande gegen die Holländer im December 1859 die Dajaksche Helena war. Vor der Ehe führen sie ein so liederliches Leben, dass kaum jemals eine virgo intacta das Ehebett bestiegen hat. Kinder zu bekommen ist für solche Mädchen keine Schande; ehrlos ist sie jedoch, wenn der Vater nicht bekannt ist oder der Geliebte die Vaterschaft verleugnet.

Höher stehen natürlich die malayischen Mädchen und Frauen; von ihnen sind allerdings gewiss noch 95% Analphabeten, weil nur die Töchter der Häuptlinge die Schule besuchen, und zwar entweder die malayische oder die holländische Schule; läuft das malayische Mädchen von Borneo von 2–3 Jahren nackt auf der Strasse, mit einem silbernen Feigenblatt vor den Schamtheilen, welches mit einer Schnur um die Hüften gebunden wird, und Ringen an Händen und Füssen, so geht sie doch mit 7–8 Jahren schon mit einem Sarong und bunter Kapaya gekleidet, wenn sie die Schule besucht oder am Neujahrstag ihre Gratulationsvisite abstattet; sonst ist ihre Toilette der Sarong, welcher unter den Achseln befestigt wird; ihre Reife bekundet sie durch die Beschneidung, welche den meisten Europäern unbekannt ist, weil sie von einer Dukun (Hebamme) ohne Festlichkeiten ausgeführt wird. (Bei den Knaben hat die Beschneidung, wie wir sehen werden, immer einen mehr oder weniger öffentlichen Charakter.) Nach der Beschneidung tritt sie in alle Rechte einer heirathsfähigen Frau. Besonders die Häuptlinge auf den Inseln heirathen gerne eine junge Frau, um sicher ihres Kaufes zu sein, d. h. dass physisch und geistig der zarte Thau der Virginität erhalten sei; sie bezahlen auf Borneo 50–150 fl. Brautschatz; nur zu oft entläuft die junge Braut ihrem ältlichen Bräutigam, weil seine leidenschaftlichen Umarmungen schmerzhaft sind. Sie wird von ihren Eltern wieder in die Wohnung des Mannes gebracht, bis endlich dieser sein Ziel erreicht. Solche junge Frauen von 13–14 Jahren gehören bei den malayischen Häuptlingen Borneos zur Regel; sie sind dann auch zärtliche Frauen und finden sich recht gut in diese Rolle. Das ganze Aeussere ist bis auf die plattgedrückte Nase ein angenehmes, wenn sie kein Sirih kaut, die Zähne nicht schwarz färbt und nicht abfeilt. Das letzte ist natürlich Regel, weil es Volkssitte ist, aber oft unterlassen dieses jene Frauen, welche durch den Umgang mit den Europäern auch eine andere Geschmacksrichtung angenommen haben. So eine junge malayische Frau hat zierlich schöne Füsse, magere Hände mit langen, mit bunten Ringen geschmückten Fingern, welche etwas hyperextendirt, d. h. nach dem Rücken der Hand gebogen sind, eine schöne Büste, glänzend schwarze Haare und Augen, die Lippen sind etwas dick und die Ohrläppchen haben Oeffnungen von der Grösse einer Krone, welche ausgefüllt werden mit einem Cylinder, verziert mit zahlreichen Diamanten.[10] Das lange Haar wird auf dem Hinterkopf in einen grossen Knoten gebunden und trägt reiche Haarnadeln; der Sarong wird mit einem silbernen oder goldenen Gürtel über den Hüften, und die Kabaya mit 2–3 Nadeln, welche mit zierlichen Ketten verbunden sind, geschlossen. Auf den Armen tragen sie Armbänder.


Alle unsere drei Haushälterinnen waren Malayische Frauen, welche ihre Scepter im Hauptgebäude des Forts schwangen; nicht nur von den übrigen Soldatenfrauen, sondern auch von den Frauen und Männern des Kampongs wurde ihre Stellung sehr hoch geschätzt; die Eine fühlte sich als die Haushälterin des »Militär-Commandanten« als die höchste Person des Forts; die zweite fühlte sich in noch höherer Position, weil ihr »Mann« in der Caserne die höchste Autorität sei, und die dritte wollte von der gewichtigen Stellung ihrer zwei Colleginnen nichts wissen, weil sie die Tochter eines Hadji’s war und weil »ihr Mann« ein Doctor sei, von dem alle beide in allen täglichen Fragen des Lebens ganz und gar abhängig seien, und weil er den grössten Gehalt beziehe. Solche Debatten nahmen oft eine gefährliche Heftigkeit an; ich kam einst zu einer solchen thätlichen Scene; die Eine behielt ein Bündel Haare ihrer Nachbarin in Händen, während die dritte die Spuren eines Bisses im Oberarm für Wochen lang davon trug.


Während meines Aufenthaltes in Teweh, also vom April 1877 bis 1. Januar 1880, habe ich keine europäische Dame gesehen und gesprochen, und in Buntok, d. i. bis Oktober des Jahres 1880, habe ich im Ganzen nur mit drei europäischen Damen verkehren können. Die erste war eine »indische Dame«, und zwar die Frau des Controleurs, welcher in Buntok seinen Standplatz hatte und einige Wochen nach unserer Uebersiedelung von Teweh (1. Januar 1880) seine Frau zu sich kommen liess, weil er hoffte, durch die gleichzeitige Anwesenheit von Officieren seiner Frau wenigstens einige Gesellschaft und »Ansprache« bieten zu können. Die zwei andern Damen waren die Frauen von zwei Missionären, welche im Osten von dem Barituflusse, und zwar in Telang und Tamejang Layang, auf Kosten der Barmer Missionsgesellschaft der Bekehrung und Civilisirung der Dajaker sich gewidmet hatten. Späterhin habe ich nie mehr Gelegenheit gehabt, mit Missionären zu verkehren, und ich kann mir daher über die Arbeit dieser Männer im Allgemeinen aus Autopsie kein Urtheil erlauben. Von diesen zwei Männern jedoch bekam ich einen so ungleichen Eindruck, dass ich noch weniger das Thun und Lassen der Missionäre in Holländisch-Indien im Allgemeinen beurtheilen kann. Folgender Anlass gab mir Gelegenheit, diese zwei protestantischen Familien im Innern Borneos aufzusuchen: Im Osten der Insel lebte der Sohn Suto-Ono’s, jenes Dajakers, welcher im Kriege der Jahre 1859–1863 ehrlich und treu der Holländischen Regierung zur Seite stand. Es war ein fürchterlicher Aufstand; die Kohlenminen von Pengaron wurden geplündert, der europäische Ingenieur ermordet; das Kriegsschiff »Onrust« mit Mann und Maus ausgemordet (auf seinem Kessel stand ich noch im Jahre 1878); der kleine Kreuzer No. 42 fiel ebenfalls in die Hände der Dajaker; Puhi Petak und die Schanze von van Thuyll wurden erobert u. s. w. Die malayische Bevölkerung, welche den Aufstand begonnen hatte, ermüdete bald im Kampfe mit den Holländern; Antasari war gestorben, Hidajat nach Java verbannt und Demang Lehmann zum Tode verurtheilt; doch die Dajaker setzten den Kampf fort, bis endlich die Uebermacht der europäischen Strategie und Waffen im Jahre 1864 dem Krieg ein Ende machte und das Sultanat von Bandjermasing beseitigte.[11]

Der Sohn des treuen Häuptlings Suto-Ono folgte in seiner Würde, und in dieser Eigenschaft schrieb er mir im Jahre 1880 einen Brief, und zwar in malayischer Sprache. Er theilte mir mit, dass in seinem Bezirke eine Dysenterie-Epidemie ausgebrochen sei, d. h. er gebrauchte diesen Ausdruck nicht; aber mit wenigen und doch so glücklich gewählten Ausdrücken beschrieb er die Symptome der unglücklichen Patienten, dass mir sofort das Bild der septischen Dysenterie deutlich wurde, und dass ich diese präcise und deutliche Schreibweise dieses Dajakers bewundern musste. Buntok lag in der Nähe der inficirten Gegend; ich fürchtete, dass die Epidemie unser Fort erreichen könnte, wenn sie in ihrem Fortschreiten nicht aufgehalten würde. Ich ging also mit diesem Brief zu dem Controleur, der ungefähr den Wirkungskreis eines Kreishauptmanns hat. Diesem routinirten Beamten kam der Brief sehr ungelegen, weil er in seinen stereotypen Bulletins: »Gesundheitszustand günstig, politische Verhältnisse günstig« Veränderung bringen sollte. »Wozu lassen Sie mich diesen Brief lesen?« frug er mich. »Vielleicht kann man diesen armen Dajakern Hülfe in ihren schweren Leiden bringen; vielleicht können die hygienischen Verhältnisse verbessert werden, so dass die Epidemie bald ein Ende nehme; nebstdem fürchte ich, dass sie das Fort erreiche, wo in einem relativ engen Raume 150 Menschen beisammen wohnen, und dass es dann zu spät sei, ›den Brunnen zuzudecken, wenn das Kalb schon ertrunken ist‹.« (Holl. Sprichwort.)

»Kennen Sie die Sitten und Gebräuche der Dajaker, dass Sie auch nur den geringsten Nutzen von einer hygienischen Maassregel erwarten?«