Den sechsten Tag verliess ich also die beiden Missionäre mit dem Bewusstsein, was unter den herrschenden Umständen in so kurzer Zeit zu thun möglich war, auch gethan zu haben; d. h. ich gab den Missionären Winke zur Behandlung der Unglücklichen und zur Verbesserung der hygienischen Zustände. Unterwegs wurde mir ein Sägehai angeboten (Pristis antiquorum), welcher sich bis in die Nähe von Teweh verirrt hatte und dort eingefangen wurde, und zu Hause angekommen, berichtete ich meinem Chef nach Bandjermasing alle Maassregeln, die ich getroffen hatte. Da ich übrigens den Häuptling ersucht hatte, mich durch wöchentlichen Rapport von der Ausbreitung der Epidemie auf dem Laufenden zu erhalten, so erhielt ich ein gutes Bild von ihrem Verlaufe, der mich leider sehr beunruhigte; denn mit jeder Woche bekam ich Rapport aus Kampongs, welche näher dem Fort lagen, und nach zwei Monaten beschloss ich, wieder eine Inspectionsreise zu unternehmen. Ich ersuchte den Militär-Commandanten um einen eintägigen Urlaub, weil ich nur die Kampongs auf dem Ufer des Baritu besuchen wollte, von welchen ich aus dem erhaltenen Rapport den Krankenstand kannte. Den Abend vor meiner Abreise ging ich zu dem Controleur, um ihn davon zu verständigen. Er billigte zu meiner Ueberraschung meinen Plan, rieth mir aber, erst um 8 Uhr aufzubrechen, weil er um 6 Uhr denselben Weg nehmen müsse, um dem Residenten (Statthalter) bis zur Grenze seines Bezirks entgegen zu fahren. Arglos willigte ich natürlich ein, und als ich am folgenden Tage bei allen Kampongs, wo ich anlegte, hörte, dass zwei Stunden vorher der Controleur gewesen sei und dass gar keine Dysenterie-Patienten sich unter ihnen befänden, dass diejenigen, von welchen sie in ihren Rapporten gesprochen hatten, schon gesund oder gestorben seien, und als sich dieses bei jedem Kampong wiederholte, und als ich nebstdem bei den meisten Kampongs oft Minuten lang warten musste, bis sich ein Häuptling oder überhaupt jemand am Anlegeplatz zeigte, da — fielen mir die Schuppen von den Augen. Ich kehrte um, weil ich doch keinen Nutzen von meiner Reise erwartete, und weil denselben Abend der Resident ankommen sollte. Bei dem officiellen Empfange erzählte mir der Schiffskapitän des Dampfers folgenden Dialog zwischen dem Residenten und dem Controleur, welcher in seiner Gegenwart an Deck des Schiffes geführt wurde. Bei Mengkatip wäre der Controleur auf das Schiff gekommen und hätte ein Resumé von den Verhältnissen des Bezirkes gebracht. Zuletzt frug der Resident: »Wie steht es mit der Gesundheit am obern Lauf des Dussons?«
»Gut! Resident! Der Menschenmörder behauptet zwar, dass wir eine Dysenterie-Epidemie hätten, und er ist auch hier in der Nähe »auf Inspection«; aber nach meiner 19jährigen Erfahrung in den Tropen geschieht es immer in den Kenteringen, dass mehr Menschen sterben als sonst.«
»Wer ist das, der Menschenmörder?«
»Der Doctor!«
»So, der Doctor sagt, dass hier eine Dysenterie-Epidemie ist, und Sie sagen: dies hätte keine Bedeutung!! Vorläufig genug darüber!«
Nach dem officiellen Empfang, welcher auf dem Schiffe selbst stattfand, ging der Resident auf’s Land und besuchte zuerst den Militär-Commandanten und dann mich. Nachdem ich alles erzählt hatte, fand er nicht nur Anerkennung für meine Bemühung, sondern forderte mich auch auf zu »declariren«, d. h. für die zwei Reisen, welche ich im Interesse der armen Patienten gemacht hatte, nach dem üblichen Modus die Rechnung einzureichen; in meinem Range konnte ich 6 fl. per Tag Diät und sieben Ruderknechte für 1 fl. per Tag und Kopf in Rechnung bringen, so dass ich keinen Schaden erlitten hatte.
Bald darauf verminderte sich die Zahl der Kampongs, welche Dysenterie-Kranke bekamen, und die Zahl der Todesfälle, und zuletzt war die Epidemie ganz und gar erloschen.
Dieses war die erste, und beinahe möchte ich sagen, die einzige Dysenterie-Epidemie, welche ich in Indien gesehen habe; im Jahre 1895 habe ich in Magelang (Java) auch zahlreiche Dysenterie-Kranke gesehen; aber wie wir im Capitel »Java« sehen werden, kann in diesem Falle von einer Epidemie stricte dictu nicht gesprochen werden. Ja noch mehr, es ist noch die Frage, ob gegenwärtig in Java überhaupt noch Dysenteriefälle vorkommen. Von Laien wird die Diagnose »Dysenterie« sehr häufig gestellt, d. h. immer, sobald Blut im Stuhl sich zeigt; aber diese Diagnose erfordert noch ein wenig mehr. Der Arzt wird aber in gewöhnlichen Verhältnissen auf »Java« kaum alle Jahre einen Dysenteriefall zu Gesicht bekommen; mit Recht wurde sogar vor dem Jahre 1894 bezweifelt, ob überhaupt die Dysenteria tropica auf Java noch vorkomme; denn in der ganzen Armee wurden von 1891–94 12, 10, 9, 14, also durchschnittlich 11 Dysenterie-Kranke behandelt. Dieser Zweifel ist gerechtfertigt gegenüber jenem Theil der Bevölkerung, mit welchem der europäische Arzt in Berührung kommt; denn dieser Theil, mag es ein Europäer oder ein Eingeborener sein, trinkt kein Sawahwasser, ohne es zu filtriren, oder gebraucht nur artesisches Wasser (in den grossen Städten). Ob jedoch in jenen abgelegenen Kampongs, deren Bewohner niemals einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen, noch gegenwärtig die Dysenterie vorkomme, weiss ich nicht; in der Armee, welche allein eine Statistik von nennenswerther Bedeutung herausgiebt, waren bis zum Jahr 1894 die Dysenteriefälle immer nur vereinzelt. In diesem Jahre brachte der Krieg auf Lombok mit seinen elenden und traurigen Erlebnissen eine grosse Zahl von Dysenteriefällen, welche nach Java evacuirt wurden; meistens kamen sie nach Magelang, wo auch noch später einzelne Fälle vorkamen, jedoch keine Epidemie sich einstellte. Diese einzelnen Fälle recrutirten sich auch aus Soldaten, welche nicht auf Lombok gewesen waren, wenigstens die letzten Wochen oder Monate vor ihrer Erkrankung, so dass, was übrigens nicht mehr eines Beweises bedarf, der infectiöse Charakter dieser Krankheit constatirt werden konnte.