Fort Buntok — Orang-Utang — Operationen — Prostitué bei den Affen — Darwinisten — Indische Häuser — Möbelfabrikanten — Französische Mode — Gefährliche Obstbäume — Einrichtung der Häuser — Dajakische Häuser — Götzenbilder — Tuwak oder Palmwein — Wittwenstand der Dajaker — Opfern der Sclaven — Todtenfest.
Als mein Vorgänger im April 1877 Teweh verliess, nach Batavia ging und von dort aus mir einen Brief schrieb, meldete er mir unter anderem, dass ich nicht lange in dieser abgelegenen Garnison bleiben würde, weil, wie ihm der Armee-Commandant mitgetheilt habe, die Aufhebung Tewehs eine beschlossene Sache sei. Es dauerte aber drei Jahre, bis (am 1. Januar 1880) das Fort eingezogen und nach Buntok verlegt wurde. Es war für alle drei Officiere eine mit strenger Arbeit verbundene Zeit, weil jeder einzelne in seinem Fach dafür sorgen musste, dass alles so gut als möglich eingepackt zur Uebersiedlung an diesem Tage bereit gehalten werde. Am 31. December kam ein Kriegsschiff uns holen; die Soldaten und Sträflinge brachten alles an Bord, und den folgenden Morgen sollten die letzten Geräthe mit der Mannschaft eingeschifft werden. Es regnete fürchterlich; in Strömen fiel der Regen zur Erde; gegen 11 Uhr war alles eingeschifft, und schon ertönte das Signal »Vorwärts«, als die drei Mächte, der Militär-Commandant, der Assistentresident und der Schiffscapitän, zu einer Besprechung am Hinterdeck des Schiffes sich zurückzogen. Der Commandoruf: »Stop« erscholl, und wir, »dii minores gentium«, suchten vergebens eine Erklärung für diesen Vorgang. Die Boote wurden wieder herabgelassen, und die ganze Besatzung mit den Sträflingen ging wieder ans Land — um die Palissaden niederzureissen. Erst im letzten Augenblick hatte der Assistentresident es für bedenklich erklärt, ein Fort zurückzulassen, welches dem Feinde bequem und leicht der Sammelplatz für seine Truppen werden und verhindern könnte, dass späterhin, wie beabsichtigt war, die Palissaden aus dem Boden gerissen und nach Buntok gebracht würden, um dort wieder in Gebrauch genommen zu werden. Sie bestanden nämlich aus Eisenholz (Sideroxylon), welches trotz der 15 Jahre, welche sie im Gebrauch standen, noch immer ein theures, gut verwendbares Material war. Also unter einem heftigen Tropenregen zogen die Truppen die verbindenden Stangen aus den Balken, rissen sie aus dem Boden, und auf diese Weise blieben sie liegen, ohne eine Palissade zu sein; das Ganze war eine überflüssige Plagerei der Soldaten, weil ein etwaiger Feind in 1–2 Tagen, wenn er hätte wollen, die Palissade wieder in Ordnung bringen konnte. Wenn das Kriegsschiff schon die grossen schweren Baumstämme nicht mitnehmen konnte oder wollte, so war es auch zwecklos, im heftigsten Regenwetter die Soldaten Stunden lang arbeiten zu lassen. Endlich konnten wir unter Dampf gehen und kamen nach Buntok. Es war ein neues Fort in Viereckform mit zwei Bastionen im Westen und Osten; kopfschüttelnd betrachtete ich das neue Fort; vielleicht keine 15 Meter war es vom Ufer entfernt und die westliche Bastion keine 10 Meter!! Buntok liegt beinahe ganz im alluvialen Land; der Fluss Baritu kommt gerade oberhalb des Forts in einer scharfen Strömung gegen das Fort an; mit mathematischer Genauigkeit liess sich berechnen, dass in 5–6 Jahren das Fort einstürzen müsse, weil der Baritu die Palissaden in dieser Zeit erreicht haben müsse; und factisch hat schon zur Zeit meines Aufenthaltes der Kampf mit dem Wasser angefangen; es wurden Strombrecher angelegt, aber ohne Erfolg; ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Unterspülungsprocess dauerte; Buntok musste verlassen werden, und das Fort wurde wieder nach Teweh verlegt.
Fig. 6. Mein zweiter Hausfreund.
Im Fort selbst wohnte der militärische Commandant; für den »Doctor« und den dritten Officier sollten zur Seite des Forts Wohnungen gebaut werden; unterdessen blieb ich im Kampong neben dem Controleur wohnen, und zwar zusammen mit dem Officiersstellvertreter v. E., welcher den Bau des Forts geleitet hatte. Meine kleine Menagerie hatte ich von Teweh mitgebracht; Jacob und Simon, die zwei kleinen jungen Orang-Utangs, konnten sich nur langsam an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Als ich den folgenden Morgen nach dem Fort gehen wollte, welches ungefähr 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt war, begleitete mich Jacob. Auf der Ebene bewegte sich der Orang sehr schwerfällig; die langen Arme gebraucht er zwar beim gewöhnlichen Gange, aber nicht mit der innern Fläche der Hand; er stützt sich auf den Rücken der eingeschlagenen Hand; dadurch kann er nur langsam vorwärts kommen; auch auf den Bäumen sind seine Bewegungen sehr langsam und träge, besonders im Vergleiche mit dem Gibbon, welcher mit Windeseile von Baum zu Baum springt, klettert oder sich schwingt. Um 8 Uhr sollte ich in der Caserne sein, weil um diese Zeit täglich der »Krankenrapport« gehalten wird. Mein Orang wollte sich, wie er es mit dem Bedienten zu thun pflegte, auf meinem Unterschenkel festhalten, um auf diese Weise meine Gesellschaft nicht zu verlieren. Dies war mir jedoch eine lästige Anhänglichkeit stricte dictu und ich erlaubte es auch diesmal nicht. Darauf begann er so ein jämmerliches Geschrei und humpelte mir nach, so dass ich mit ihm Erbarmen hatte. Ich überliess ihn dennoch seinem Schicksale und ging eilenden Fusses in die Caserne, wohin unter denselben klagenden Tönen mein Jacob mir folgte. Der Krankenrapport war beendigt, und ich ging in’s neue Spital, um die erste Anordnung zu treffen, als auch mein vierhändiger Freund erschien, ohne dass ich es bemerkte; er aber fasste mich bei der Hand, um mich zu begrüssen und auf seine Gegenwart aufmerksam zu machen. ([Fig. 6].)
Jacob blieb die ganze Zeit bei mir und folgte mit seinen verständigen Augen all meinem Thun und Lassen; um 11 Uhr verliess ich das Fort und liess den Orang durch meinen Bedienten nach Hause tragen. Hier lebte ich schon in einem grossen Comfort; meine Wohnung bestand aus Holz und hatte Fenster; ich konnte Spiegel und Gemälde aufhängen; ich konnte mit Vorhängen die Fenster verzieren; ich hatte eine Veranda, in welcher ich Gäste empfangen konnte, und ich hatte europäische Nachbarn, den Controleur mit seiner Frau. Noch bequemer hatten es Simon und Jacob; an das Haus grenzte ein kleiner Garten und hinter ihm der Urwald. Zwischen beiden war ein breiter Streifen âlang-âlang (Schilfrohr) und hier hatten sie ein pied à terre sich gebaut; nach dem Frühstück verschwanden sie, kehrten zum Mittagessen zurück; Nachmittags machten sie denselben Spaziergang, um vor Eintritt der Finsterniss zurück zu sein. Natürlich war ich neugierig, wo und wie sie ihre Zeit zubrachten; ich folgte ihnen eines Tages und sah sie im Schilfrohr — »Klima schiessen«.[14] Das Rohr war plattgedrückt, und sie lagen auf dem Rücken und zogen Grimassen, während der eine die Unterlippe schaufelförmig hervorstreckte und Speichel darin ansammelte, gab ihm der andere mit dem Zeigefinger einen kleinen Stoss, so dass der Speichel weithin spritzte. Die Ruhe ihrer Bewegungen, das Phlegma in allem ihrem Thun und Lassen steht im grellen Gegensatze zu dem sanguinischen Temperament und ausgelassenen Treiben der Gibbons. Eines Tages brachte ich meinen Wau-Wau, der ein Weibchen war, zu Jacob, der damals in seinem Käfig lag und sich in seine Decke eingewickelt hatte; Jacob stand auf, näherte sich dem Gibbon und spitzte die Lippen, wobei die Unterlippe die Form einer kleinen Schaufel bekam. Offenbar wollte er den Wau-Wau küssen. Dieser jedoch sprang zurück und verrieth deutlich, dass er von seiner Intimität nichts wissen wollte; dreimal wiederholte mein Orang seine Liebesbewerbungen, und als er zum dritten Male einen Korb geholt hatte, fasste er sein Kopfpolster, schlug es wüthend auf den Boden und zog sich schmollend in die Ecke seines Käfigs zurück. Wiederholt habe ich diese Scene aufführen lassen, und es wäre mir unmöglich gewesen, seinen Bewegungen eine andere Deutung zu geben, als die einer Liebeswerbung. Das Einwickeln in seine Decke ist für den Orang geradezu ein Bedürfniss, obwohl ich es nicht erklären kann, denn wenigstens in Teweh hatten wir keine Mosquitos und die Temperatur in der Nacht war zwar etwas niedriger als bei Tage, aber doch nicht empfindlich kalt. Das erste Mal, dass ich den Käfig des Abends nicht schloss, weil er schon an mich gewöhnt war, hatte er in der Nacht das Tischtuch vom Tisch genommen, um davon Gebrauch zu machen; natürlich musste am folgenden Tage das Tischtuch von dem Bedienten aufgehoben werden. In der Nacht wurde ich jedoch plötzlich wach; im ersten Halbschlaf glaubte ich, einen Gorilla vor meinem Bette stehen zu sehen; bald merkte ich jedoch, dass mein Jacob es war, der das Leinentuch unter meinem Körper hervorzuziehen trachtete. Den andern Tag gab ich ihm eine alte Militärdecke, und er war zufrieden. Die Intelligenz dieser Affen ist factisch sehr gross, und es ist kein Zufall, dass ein Dajaker und ein bekannter, seither verstorbener Larynkolog (im Jahre 1885) mich frugen, ob man dem Orang nicht sprechen lernen könnte. Wenn es auch sein grösstes Vergnügen war, auf dem Rücken zu liegen, mit den Füssen in der Höhe und die Lippen zu einer Schaufel zu spitzen und mit dem Speichel zu spielen, so suchte er doch Thätigkeit und fand sie in meinem Conversationslexikon; mit grösster Zufriedenheit betrachtete er die Bilder in diesem Buche, und als er eines Tages die Zeichnung des Elephanten zu Gesicht bekam, warf er das Buch weg; oder er stieg auf den Schreibtisch und zerlegte meine Lampe, er nahm Ballon und Cylinder ab und drehte den Dochtträger heraus. Auch war er sehr bald mein täglicher Gast zu Tisch; ich gebrauchte jedoch die Vorsicht, seinen Stuhl etwas von dem Tische entfernt zu halten, so dass er nicht mit seinen langen Armen in eine der Schüsseln greifen konnte; auf einem kleinen Teller bekam er seinen Reis mit Fleisch und Huhn u. s. w.: er ass Alles, was auf den Tisch kam, und wenn er genug hatte, gab er den Teller auf den Stuhl, ohne ihn jemals fallen zu lassen, und entfernte sich.
Man kann ihn eine Caricatur von einem Menschen nennen; auf dem Stuhl sass er nämlich mit gekreuzten Füssen wie die Eingeborenen und fasste mit denselben den Teller; sein grosser Bauch erinnerte mich immer an den »Reisbauch« der indischen Kinder, wenigstens er hat dieselbe Form und dieselbe Grösse; sein Gesicht ist haarlos, und der übrige Körper ist mit Ausnahme der innern Flächen der Hände und Füsse mit rothbraunen Haaren bedeckt; er hat in der Jugend eine schöne, hohe Stirn, welche im Alter zurücktritt und zwar mit einer scharfen Kante von rechts nach links; dazu entwickeln sich im hohen Alter grosse Drüsen zu beiden Seiten des Gesichts (die Ohrspeicheldrüsen?), so dass er den menschlichen Typus verliert und ein geisterähnliches Ansehen erhält. Dieses erklärt auch, dass die Dajaker von zwei Sorten Orang-Utangs sprechen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass zwei so verschiedene Wesen denselben Ursprung haben könnten. (Nun, der vom hohen Alter gebückte Greis ist auch dem jungen Knaben sehr wenig ähnlich.) Nach Friedmann heissen die alten Orang-Utangs Pappan und die ohne die erwähnten Drüsen Rambi; ich habe jedoch nur alte Orang-Utangs mit diesen grossen Drüsen gesehen, während Friedmann erzählt, dass es auch junge Pappan gäbe. Ich habe ungefähr 25 Orang-Utangs bekommen, gewöhnlich um den Preis von 5–7.50 fl. per Stück, von diesen waren nur die zwei erwähnten, Simon und Jacob, lebend; die andern waren mit Pfeilen oder Gewehren geschossen; der grösste war 150 cm. lang und hatte einen so versteinerten Schädel, dass ich sein Alter auf 80–100 Jahre schätzte; ich habe noch keinen Menschenschädel gesehen, der ein so hohes Alter gezeigt hätte.
Vieles habe ich bereits über den Orang gelesen, und manches war insofern übertrieben, als ihrem Thun und Lassen manchmal Motive untergeschoben wurden, welche offenbar zu hoch gegriffen waren. Mein Simon liebte es z. B., in der Küche sich bei der Köchin aufzuhalten und ihr von Zeit zu Zeit den Sarong aufzuheben; ich habe niemals etwas anderes darin gesehen, als einen unschuldigen Zeitvertreib, während die Köchin ihn dafür einen »Nâckal« nannte, d. h. ausgelassener Junge, weil sie in dieser Bewegung seiner Hände etwas anderes suchte.
Ich kann nicht umhin, eine Erzählung von Spencer St. John mitzutheilen, obwohl sie wenig Vertrauen verdient, weil er offenbar zu viel den Mittheilungen der Eingeborenen vertraute; er spricht ja von einem 5′ 2″!! grossen Orang. Er theilt also folgende Erzählung eines Dajakers mit: »Ein junger Dajaker wanderte an einem heissen Tage durch das Dickicht; er kam zu einem kleinen Bache, dessen klares Wasser ihn zum Baden einlud. Schnell entkleidete(?) er sich, legte seine Waffen, Schwert und Blasrohr, auf die Seite und sprang hinein. Als er sich erfrischt hatte und wieder aus Ufer stieg, bemerkte er, dass ein mächtiges Orang-Utang-Weibchen vor seinen Kleidern(?) Wache hielt und auf ihn zukam. Sprachlos vor Erstaunen stand er da; dasselbe steigerte sich noch mehr, als das Thier ihn beim Arme ergriff und ihn zwang, mit auf einen laubreichen Baum zu klettern. Dort musste er sich zu ihm setzen und bekam Früchte zu essen, doch bewachte es ihn eifersüchtig und litt nicht, dass er hinabstieg. Dies dauerte einige Zeit, bis die Wächterin sorgloser wurde. Der Mann benützte den günstigen Augenblick und entschlüpfte nach dem Platze, wo er seine Waffen gelassen hatte. Als der Orang ihm dahin folgte, erschoss er ihn aus dem Blasrohr mit einem vergifteten Pfeile.
Wer die Behendigkeit und die Schnelligkeit kennt, mit welcher sich ein Dajaker bewegt, und nur einmal die Unbeholfenheit des Orang gesehen hat, oder vielmehr, wie langsam dieser auf dem Boden geht und wie ruhig, gelassen, ich möchte fast sagen schwerfällig von Ast zu Ast auf den Baum klettert, den erfasst sofort die Unwahrscheinlichkeit dieser Erzählung.