Wir hatten z. B. in Teweh vor dem Fort eine Hütte stehen, wo wir nach unserm Spaziergange um 6 Uhr uns niederliessen und gewöhnlich ein Glas Limonade tranken; Jacob wartete auf den Augenblick, dass wir genug entfernt waren und, ich weiss nicht, ob es Zufall war oder Absicht, er stieg jedesmal hinauf, um das Glas des militärischen Commandanten zu nehmen und auszutrinken; sobald ich das sah, eilte ich natürlich zurück, und der Orang ergriff die Flucht; ich möchte sagen, dass jeder Mann, ohne gerade zu laufen, jeden Orang-Utang einholen kann und muss; Jakob wurde auch immer eingeholt und für seine Genäschigkeit bestraft, wobei er ein so jämmerliches Geschrei erhob, dass ich Mitleid mit ihm haben musste; wenn jedoch mein Gibbon bei irgend einem muthwilligen Streiche ertappt wurde, da war er auch, wie ein Wirbelwind, schon entflohen, und beinahe niemals gelang es, ihn einzuholen und sofort zu bestrafen.
Eines Tages sass ich bei der Theetafel, als er sich mit erhobenen Armen näherte, hin und wieder sich in der Achselhöhle kratzte und mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt den Kopf nach allen Seiten hin drehte; ich kannte meinen Pappenheimer zu gut, um nicht zu wissen, dass mein Gibbon irgend einen Bubenstreich ausführen wolle, wenn er solche Gleichgiltigkeit zeigte. Kaum hatte ich mich auch zur Seite gewendet, um ein Stück Zucker zum Thee zu nehmen, sprang der kleine Gibbon auf den Tisch, packte den silbernen Theelöffel und eilte hinweg. Es war das Werk eines Augenblickes stricte dictu; sofort sass er auf der Fallklappe, welche vom Dach des Hauses zur Palissade bei Sonnenschein oder Regen gelegt wurde. Mit dem Löffel in der Hand sah er mich mit seinen schelmischen Augen triumphirend an, und weder mein Bitten noch Drohen erreichten ihr Ziel. Endlich liess ich die Klappe schliessen, so dass entweder er oder der Löffel in die Chicane fallen musste. Der Löffel war dort nicht zu sehen, und der Affe sass hoch oben auf dem Dache. Zufällig fanden wir später den Löffel zwischen den Latten der geflochtenen Fallklappe.
Eines Tages sah ich, dass mein Gibbon einen traumatischen Staar am rechten Auge hatte; zu gleicher Zeit hatte ich einen malayischen Patienten, welcher centrale Flecken an einem seiner Augen hatte; durch Entfernung eines Stückes der Regenbogenhaut konnte er wieder den Gebrauch seines Auges bekommen. Ich schrieb also nach Bandjermasing an den Landes-Sanitäts-Chef d. G., welcher ein bekannter Oculist war, und bat ihn, die Augeninstrumente, welche zu diesen zwei Operationen nöthig waren, mir zu borgen. Vor der Operation liess ich den Gibbon von unten bis zum Halse einwickeln, um ihn zur Ruhe zu bringen; es half nichts; ich narcotisirte ihn also und führte die Staaroperation nach den Regeln der Kunst aus. Die Operation war bei ihm schwieriger als bei einem Menschen, weil zum Fixiren des Augapfels mir der Platz fehlte. Der Rand der Orbita ist nämlich beim Wau-Wau gerade so gross als die Cornea; den Augapfel durch die Cornea fixiren zu lassen, hielt ich für gefährlich; ich musste also mit der Pincette in die Orbita eindringen, um dort die Conjunctiva sclerae zu fassen. Kaum war die Operation beendigt und ein Verband angelegt, als auch schon der Affe erwachte, sich den Händen der assistirenden Krankenwärter entriss, davon eilte und den noch unvollkommenen Verband vom Kopfe riss. Ich war jedoch unter den herrschenden Verhältnissen mit dem Resultat der Operation zufrieden. Die Wunde heilte mit einem Vorfalle der Regenbogenhaut. — Auch folgende Operation einer Phlegmone bei einem Affen ist mittheilenswerth. Es war ein alter grosser Gibbon, 90 cm lang, welcher gefesselt mir gebracht wurde. Unter den Soldaten war ein Europäer, der in gewisser Hinsicht das Factotum des Forts war. Tilly hiess er und war ein Belgier. Das Wort Furcht kannte er nicht, und er verstand alles. Ging eine Taschen-Uhr schlecht, reparirte er sie; brach ein Instrument von mir, von der Genie oder von der Artillerie, er brachte es in Ordnung; wollte ich eine Blechbüchse für meine Spirituspräparate haben, er machte sie mir aus Petroleumbüchsen u. s. w. Auf meine Frage, warum er noch nicht Korporal oder Feldwebel sei (denn auch seine Aufführung liess nichts zu wünschen übrig), antwortete er mir: Wozu soll ich Korporal u. s. w. werden? Mein Essen und Trinken habe ich; durch meine Arbeiten verdiene ich viel mehr als ein Feldwebel und habe gar keine Verantwortung; als Korporal ist man der Sündenbock von jedem und für jeden. Also, ich thue meinen Dienst und bin dann frei, zu thun, was ich will. Als mir dieser grosse Wau-Wau gebracht wurde, ersuchte ich den Dajaker, die Fesseln zu lösen, weil eine Hand stark geschwollen war und beim Palpiren die Anwesenheit von Eiter verrieth. Der Dajaker wagte dies jedoch nicht zu thun, weil er sich vor den starken Zähnen des alten Wau-Wau fürchtete. Ich liess also Tilly holen, welcher den Wau-Wau mit fester Hand im Nacken fasste, der Dajaker löste die Fesseln und legte sie über die Hüfte an und befestigte den Strick an einem grossen Nagel der Palissade. Mit traurigem und schmerzhaftem Gesichtsausdruck sass der Gibbon zwischen den Spitzen der Palissade und zeigte selbst meinem jungen Gibbon die Zähne, wenn er sich ihm näherte. Nun war das auch für mich eine gefährliche Nachbarschaft; ich gab jedoch den Muth nicht auf; ich nahm eine Wundspritze mit warmem Wasser und spritzte ihm diese aus respectvoller Entfernung auf die geschwollene Hand; offenbar war durch die Entfernung der Fesseln oder durch das Bespritzen mit warmem Wasser ihm deutlich geworden, dass ich gute Absichten mit ihm habe; genug an dem, schon nach ein paar Stunden konnte ich mich ihm nähern, streicheln und die Hand gut untersuchen und ihm die Phlegmone öffnen!! Nach der Operation legte er selbst seinen Kopf auf meine Schulter. Mit einem gut angelegten Verbande überliess ich ihn dann der Ruhe. Leider konnte ich ihn nicht auf der Palissade lassen, weil an dieser Stelle die Patrouille in der Nacht auf und ab ging. Vor Schluss des Thores liess ich ihn von Tilly hinausbringen und an einem Baume anbinden. Den andern Morgen war er geflüchtet, indem er die Fesseln vom Unterbauch abgestreift hatte.
Fig. 7. Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus).
Vor dem Fort hatte ich mir in Teweh ein Affenhäuschen bauen lassen, in welchem die Affen von niedrigem Range gemüthlich beisammen lebten. Der Cercopithecus nemestrinus, der Schweinsaffe, ist ein wilder Cumpan mit starkem Gebiss; er hat Backentaschen, Steissschwülen, kurzen, gekrümmten Schwanz und eine gelbliche Farbe. Ich hatte späterhin einen solchen Lampongaffen, welcher abgerichtet war, Cocosnüsse zu pflücken; zu diesem Zwecke wurde er mit einem langen Stricke zu der Cocospalme gebracht, an der er sofort schnell hinaufkletterte und begann, die einzelnen Nüsse um ihren Stiel zu drehen oder abzubeissen. Sah ich, dass die Frucht noch grün, d. h. zu jung war, so schüttelte ich nur mit dem Strick, und er nahm eine andere in Arbeit. In Sumatra werden die »Lampongaffen« allgemein zu dieser Arbeit abgerichtet; sie sind jedoch wie alle Affen im höheren Alter falsch und — ist es Zufall oder nicht — mein Exemplar eilte immer, sobald es losgekommen war, in die Küche gegen die weiblichen Bedienten, obzwar oder vielleicht eben, weil es selbst ein Weibchen war. Jene, welche ich jedoch auf Borneo hatte, waren noch jung und lebten friedsam mit den übrigen beisammen. Wenn ich hin und wieder meinen Gibbon in den Käfig brachte, so gab es fürchterliche Eifersuchtsscenen; denn mein Gibbon (ein Weibchen) zeigte in so auffallender Weise sein Verlangen, wieder einmal Liebesgenuss zu kennen, dass man ihn eine — Prostituée nennen musste. Das Geschrei der übrigen weiblichen Affen wurde so fürchterlich, dass ich um sein Leben besorgt war; gern folgte er in einem solchen Falle meinem Rufe, den Käfig zu verlassen. Affen gewöhnen sich leicht an den Menschen; wie oft entkam einer oder der andere, und er flüchtete höchstens auf das Dach des Forts; gegen den Abend kamen sie ohne Ausnahme zurück; hin und wieder selbst brachte ich meinen Hund vor den Käfig, welcher nun geöffnet wurde. Das neckische Spiel der Affen mit dem Hunde war interessant. Die Thür war noch keinen Meter hoch; der Hund stand vor der Thüre, und die Affen tänzelten um ihn herum, bis sie endlich einer nach dem andern den Käfig verlassen hatten; der Hund eilte ihnen nach; endlich sprang einer nach dem andern in den Fluss, und mein Hund that dasselbe; ruhig liess jeder Affe den Hund näher kommen, um im rechten Augenblick unterzutauchen. »Bela«, mein treuer Jagdhund, dreht sich rechts und links und sieht endlich in einer Entfernung von 20–30 Metern wieder ein Köpfchen auftauchen; er schwimmt dahin; endlich ist jeder der Affen des Spieles müde und lässt sich von dem Hunde packen, der sie, ohne sie zu verletzen, mit den Zähnen ans Ufer bringt. Hier werden sie von meinem Bedienten in Empfang genommen und wieder ins Häuschen gebracht. Wiederholt wurde behauptet, dass die Affen auch in der Gefangenschaft sich paaren; ich habe es jedoch niemals gesehen und kann daher diese Behauptung nicht unterschreiben.
Bevor ich dieses Thema verlasse, muss ich noch mittheilen, dass die Dajaker, zufolge einer Sage im Dusongebiete, Darwinisten sind; die Schöpfung der Menschen geschah auf diese Weise, dass Tempon Telon mit einem fürchterlichen Blasen in die Versammlung der aufrührerischen Thiere flog und dadurch drei Sorten von Affen Menschengestalt gab; aus dem Keesch (Cercopithecus cynomolgus) wurde der Javane, aus dem Orang-Utang der Dajaker und aus dem Nasenaffen mit weisser Glabella, und weissem Präputium der Europäer; da ich unsern Stammvater, d. h. den Nasenaffen, niemals besass, weiss ich nicht, ob der Nasenaffe dieser Sage mit dem Nasalis larvatus identisch sei.
Von den Halbaffen Borneos hatte ich nur den Tarsius spectrum und den Plumplori (Stenops tardigradus).
Auch die Frage von dem Vorkommen von Elephanten auf Borneo muss ich mit wenigen Worten besprechen, weil, um nur ein Beispiel anzuführen, ich in Batavia im Jahre 1896 darüber interpellirt wurde. Meines Wissens nach kommen sie nicht auf Borneo vor; ich sass ja im Herzen von Borneo, niemand hatte sie gesehen, die dajaksche Sprache hat kein Wort für diese Ungeheuer des Waldes und der gebildete Dajaker spricht nur von gâdja, welches Wort malayisch ist; niemals sah ich einen Zahn oder sonst einen Theil eines Elephanten, und jede Information, die ich darüber nahm, hatte kein anderes Resultat als dass eine Rhinocerossorte, aber kein Elephant auf der Insel Borneo vorkomme. Bekanntlich wird erzählt, dass vor ungefähr 140 Jahren die ostindische Compagnie an den Sultan von den Sulu-Inseln (im Osten von Borneo) einige Elephanten zum Geschenk gegeben habe, dass er jedoch gefürchtet hatte, dass diese »theuren« Gäste seinen Vorrath von Reis in kürzester Zeit auffressen würden, und dass er sie also auf die Küste von Borneo bringen und weglaufen liess. Selbst Friedmann, welcher ebenfalls diese Erzählung mittheilt, fügt hinzu, dass jedoch Elfenbein allein von todten Thieren gefunden worden, und dass zu seiner Zeit niemals ein lebender Elephant gesehen worden sei. Aus obiger Ursache jedoch muss ich sogar annehmen, dass überhaupt die ganze Erzählung jeder historischen Basis entbehre.