Bei unserer Ankunft in Buntok am 1. Januar 1880 war das Fort fertig, aber für zwei Officiere fehlten noch die Wohnungen; der Platz-Commandant wohnte im Forte, ich zog zum Aspirant-Officier der »Genie« (= Ingenieurs), und der dritte Officier bezog vorläufig im Fort die Wohnung eines Feldwebels. Natürlich wurde der Bau passender Häuser für zwei Officiere sofort angefangen, und zwar wenige Schritte entfernt von der Südseite des Forts. Nicht nur in Holland, sondern auch in Indien bewohnt in der Regel jede Familie »ein Haus« und nicht »eine Wohnung«, und der echte holländische Spiessbürger hat nur Mitleiden für den Wiener oder Berliner, welcher kein eigenes »Haus« bewohnt, sondern mit vielen Andern den Gebrauch eines Hauses theilt. In Indien, wo der Grund ausserordentlich billig ist, hat nebstdem jedes Haus einen grösseren oder kleineren Garten, welcher in erster Reihe Fruchtbäume und nur ausnahmsweise Blumenanlagen hat. Natürlich sind die Häuser ohne Stockwerke, haben die Villaform im entarteten altgriechischen Stile und sind aus Bambus, Holz oder Stein gebaut. Wenn ich auch im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien, und zwar in Samarang, Häuser im Schweizerstil erbauen sah, so ist im Allgemeinen der Typus aller Häuser folgender: Das Haus hat die Form eines Oblongums und besteht aus einer vorderen und hinteren Veranda, welche mit einem Gange verbunden sind und zu dessen Seite je 2–3–4 Zimmer sich befinden. Ausserhalb des »Hauses« befinden sich die Speisekammer, Bedientenzimmer, Küche, Aborte, Badezimmer, Stall, Wagenremise und der Brunnen. Eine solche Wohnung wurde also auch für mich gebaut, und zwar aus Holz; die inwendigen Wände wurden mit Tapeten belegt, was ich seitdem niemals mehr gesehen habe. Es stand auf Pfeilern von ungefähr ½ Meter Höhe; dies ist eine zweckmässige Maassregel. Wenn auch der Grund des Hauses mit Steinen, trockenen Korallen oder Sand ausgefüllt ist, so dringt bei hohem Stande des Flusses das Wasser im weichen Alluvialboden nicht nur bis an, sondern auch in die Grundmauern des Hauses. Ist aber das Material des Unterbaues nicht gut trocken, was sehr oft der Fall ist, wenn es lange Zeit vor dem Gebrauche am Bauplatze aufgespeichert lag, oder wenn junge Korallen angewendet wurden, von welchen z. B. die Thiere noch nicht abgestorben sind, dann ist ein solches Haus auch bei niedrigem Wasserstande feucht; es entwickeln sich Miasmen und verpesten das Haus.

Wenn aber das Haus ½-1 oder selbst 1½ Meter über dem Boden sich erhebt, wenn unter dem Flur des Hauses sich ein Hohlraum befindet, z. B. ein grosses Gewölbe, oder wenn das Haus auf hohen Pfeilern steht, so dass der Wind die Zwischenräume gut durchstreichen kann, dann können die Miasmen, welche aus dem feuchten Grunde aufsteigen, mit jedem Windschlage vertrieben werden. Wenn nicht Sümpfe in der Nähe des Hauses sich befinden, so ist die Richtung von Nordost nach Südwest die beste, so dass weder den ganzen Vormittag, noch den ganzen Nachmittag die Schlafzimmer von den heissen Sonnenstrahlen erwärmt werden. So wählte auch ich das Zimmer im Osten zum Schlafzimmer; dadurch hatte ich zur Zeit meines Mittagsschläfchens keine Sonne auf den Mauern meines Schlafzimmers stehen, und auch zur Nachtzeit war die Temperatur darin weniger hoch als im Zimmer auf der anderen Seite. Sind jedoch Sümpfe in der Nähe, dann bestimmt die Lage derselben die Wahl der Thüren und Fenster; bei Nacht werden die aufsteigenden Miasmen durch keine versengenden Sonnenstrahlen vernichtet und darum ist es gefährlich, bei offenem Fenster zu schlafen, wenn der Wind die Miasmen aus den nahen Sümpfen gerade durch die Fenster ins Haus jagt. Dies war bei meinem Hause der Fall. Da ich unmöglich den Sumpf drainiren oder trocken legen konnte, liess ich zwischen meinem Hause und dem Sumpfe einen Schirm pflanzen, welcher das Ueberstreichen der Miasmen verhindern sollte. Weder Eucalyptus noch Sonnenblumen hatte ich zu diesem Zwecke gewählt; ich wollte rasch Hülfe haben, und dies war nur möglich durch die Wahl eines Baumes, welcher in kurzer Zeit hinreichend Laub erreicht. Auch vor dem Eingange des Forts stand ein Schilderhäuschen, welches den ganzen Tag den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt war, weil die Bäume kaum so dick als ein Spazierstock waren und nur geringes Laub trugen. Es waren nämlich einige Waringinbäume (Urostigna benjaminum) gepflanzt, welche erst nach Jahren eine stattliche Grösse erreichen; unterdessen sollte jedoch die Schildwacht doch auch etwas Schatten haben; ich schlug also vor, hier wie dort Warubäume (Hibiscus elatus??) pflanzen zu lassen, welche schon nach einigen Monaten ein stattliches Laub tragen.

Die Einrichtung des Hauses war die allgemeine, d. h. Rohrstühle aus Djatiholz (Tectona grandis), Kasten und Tische aus demselben Holz, Spiegel und Gemälde. Erst in den letzten 5 Jahren entwickelte sich der Luxus, gepolsterte Stühle, schwere Vorhänge und Fussteppiche in Gebrauch zu nehmen. Batavia begann damit, und schon in wenigen Jahren wird dieser Luxus sich bis in die entferntesten Garnisonen aller Inseln verbreitet haben; die Erfahrung muss erst lehren, ob dieser Luxus neben dem hohen Preis noch andere Vorzüge habe. Denn die Stühle aus Djatiholz mit Rottanggeflecht waren praktisch und schön. Die elegantesten Stühle werden nämlich auf Java von den chinesischen Möbelmachern gemacht; nach jeder Zeichnung und nach jedem Modell verfertigt der gezopfte Chinese Alles, und um einen Preis, der in Europa unerhört ist. Ich besitze momentan einen Rohrstuhl, welchen ich um 3 Fl. in Singapore gekauft habe und der geradezu das Erstaunen aller Fachleute wegen seiner schönen Arbeit, aber noch mehr um die Billigkeit erregt. Der Gebrauch der Teppiche an Stelle der Matten muss auch noch erprobt werden; die Matten haben zwar den Nachtheil, dass sie den blossen Füssen der Kinder (auch Erwachsene gehen oft ohne Schuh[15] und Strümpfe im Hause herum) nachtheilig werden können. Wenn sie nicht aus gutem Rottang (Calamus), sondern aus anderem ordinären Schilfrohr, oder gar aus Bambus geflochten sind, haben sie oft Unebenheiten, an welchen der Fuss oder der Podex der herumrutschenden Kinder sich verletzen kann, oder aber, was noch häufiger geschieht, sie sind so glatt, dass man häufig ausgleitet und fällt. Es hat gewiss so manchen hygienischen Nutzen, Teppiche zur Bedeckung des Bodens zu verwenden; wie sie sich jedoch zu der Feuchtigkeit des Bodens und zu den zahlreichen Motten, Mosquitos und Ameisen verhalten, dazu fehlt mir die Erfahrung. Auch was die Vorhänge betrifft, bleibt die Frage noch immer offen, ob das Neuere auch das Bessere sei. Ich hatte (wie überall) weisse Vorhänge aus Vitrage, welche mit Vorhängen aus mehr oder weniger schönen Cretonen garnirt waren. In den letzten Jahren sah ich jedoch schwere, theure Vorhänge aus Damast u. s. w. die Fenster verzieren. Zum Mildern des scharfen Lichtes habe ich weisse oder gefärbte Vitrage an den Fenstern selbst anbringen lassen; also zu diesem Zweck sind theuere, schwere Vorhänge entbehrlich; nebstdem werden sie in ihren Falten ein Heer von Insecten und selbst Eidechsen bergen, wenn sie nicht täglich ausgeklopft werden; aber die Zukunft wird es erst lehren, ob sie bleibend dem Möbel eines Hauses in Indien eingereiht werden können.

Als ich im Jahre 189.. in Weltevreden bei einem Collegen zum ersten Male eine solche nach europäischer Mode eingerichtete Wohnung sah mit Divan, Teppichen, Vorhängen, Causeusen, Chaiselongues und diversen Phantasiestühlen, da bedauerte ich es, dass auch in Sachen der Mode Java am Gängelband von Europa läuft und jede Originalität aufgiebt.

(Auch in der Wissenschaft könnte Java sich von Europa emancipiren, und dies wird auch geschehen, aber wann?)

Ist es zu bedauern, dass in Europa die verschiedenen nationalen Trachten verschwinden und Platz machen der »französischen Mode«, noch mehr verdient es Tadel, dass die Mode Europas ihr strenges Scepter über Indien führt. Vor 20 Jahren trug keine Dame einen Hut, auch die Männer nicht nach Sonnenuntergang, welcher täglich zwischen 6–6½ Uhr stattfindet, wobei die Dämmerung nur 10–15 Minuten dauert; nur wenn eine Dame aus den höheren Ständen auf die Reise ging, und wenn die Herren im Laufe des Tages ihren Geschäften nachgingen, trugen sie Hüte. Gegenwärtig hat der Hut in allen Formen Indien erobert; bei den Empfangsabenden, welche um 7 Uhr Abends beginnen, hat gewiss schon die Hälfte der europäischen Damen den thurmhohen Hut auf dem Kopfe, und gewiss 90% der Männer einen modernen Filzhut in der Hand; ja selbst der Cylinder und der Claquehut haben sich der Köpfe der höchsten Würdenträger bemächtigt. Im Anfange dieses Jahrhunderts kamen die Damen im Sarong und Kabaya auf den Empfangsabend des Unterkönigs in Buitenzorg, und am Ende desselben Jahrhunderts in Seiden- und Sammetroben und Hüten von ½ Meter Höhe! O quae mutatio rerum.


Der Eingang in mein Haus befand sich im Garten und war üblicher Weise mit Blumentöpfen umgeben, welche theilweise auf der Treppe selbst und zum Theil in der Veranda standen. Diese Blumentöpfe waren jedoch nichts anderes als die leeren Petroleumbüchsen und leere Bier- oder Weinfässer, welche grün angestrichen waren. Andere Blumentöpfe aus Lehm gebrannt, welche in verschiedenen Formen gegenwärtig in Java um einen Preis von 8–25 Kreuzern gebraucht werden, waren auf Borneo damals unbekannt; die Petroleumbüchsen werden jedoch noch heute gerne überall zu Blumentöpfen umgewandelt, weil sie nicht brechbar sind. Das Petroleum kommt nämlich in Kisten in den Handel, welche zwei Büchsen zu je 18 Liter enthalten. (Im Innern Javas kosten diese 36 Liter Petroleum fl. 4·25 bis fl. 4·50. Die leeren Büchsen sind ein sehr gesuchter Handelsartikel geworden, weil sie, wie gesagt, zu Blumentöpfen und zur Versendung von Cocosöl u. s. w. gebraucht werden. Seitdem in Java und Sumatra ergiebige Petroleumquellen entdeckt wurden, werden diese Büchsen auch in Indien gemacht, und zwar aus dünnen Zinnplatten, welche aus Europa bezogen werden.) — Schön sind solche Blumentöpfe nicht, wenn sie auch grün oder braun angestrichen werden, aber dauerhaft sind sie. Auch im Garten selbst sieht man diese Blumentöpfe stehen, ohne dass sie den bescheidensten Ansprüchen des guten Geschmackes entsprechen; dass jedoch so selten Blumenbeete gefunden werden — ich sah sie nur bei Pflanzern — hat seine gute Ursache; ein grosser Theil der europäischen Bevölkerung ist flottirend, d. h. die Beamten und Officiere werden häufig transferirt; jedesmal hält der Transferirte Auction von seinen Möbeln u. s. w.; Blumenbeete können natürlich nicht transportirt werden, aber Blumentöpfe; hinc illae lacrimae. Da nebstdem die Blumen ein starker Modeartikel sind, so kann ein geschäftlicher Geist mit dem Verkaufe der Blumentöpfe oft einen hübschen Gewinn erzielen. Diese Aussicht hatte ich natürlich nicht, weil bei einer etwaigen Transferirung nur mein Nachfolger der einzige Käufer voraussichtlich war; denn damals hatten die eingeborenen Häuptlinge der Umgebung, im Gegensatze zu ihren Amtsbrüdern auf Java, noch kein besonderes Bedürfniss nach Blumentöpfen, Schaukelstühlen, Lampen, Tischen, Illustrationen aus alten illustrirten Zeitungen, alter Wäsche und Kleidern u. s. w. gezeigt, und ich war auf meinen Nachfolger angewiesen, wie viel von der Einrichtung verkauft werden würde; hätte er Möbel mitgebracht, so hätte ich alles um eine Kleinigkeit oder um gar keinen Preis an den Mann bringen können.

Bei der Wahl der Bäume im Garten kann man nicht genug vorsichtig sein; denn wenn man Kinder hat, welche gern im Garten spielen, können Bäume mit grossen Früchten sehr gefährlich werden. Noch vor Kurzem hat Dr. F. auf Java einen zweijährigen Sohn dadurch verloren, dass im Garten eine Cocosnuss diesem auf den Kopf fiel. Ich liess also keine Palmen, keine Durian und keine Nangka[16] pflanzen. Von Mangistan, Liberia-Kaffee, Mangga und Pisangbäumen liess ich Ableger aus dem benachbarten Kampong holen und sie in entsprechendem Abstand in den Boden stecken. Zu meiner Genugthuung fassten alle Ableger Wurzel. Die Umgebung der Bäume blieb, wie der ganze Garten, frei von Gras, weil ich Sand, mit Kalk und kleinen Kieselsteinen gemischt, zum Pflaster des Gartens gebrauchte. Der Graswuchs kann ja so üppig sein, dass es sehr viel Mühe kostet, es aus dem Garten fernzuhalten. Noch muss ich bemerken, dass weder die Fenster noch die Thüren des Hauses jemals durch die Bäume bedeckt werden konnten, so dass der Wind immer das ganze Haus durchstreichen konnte.

Natürlich erforderte das neue Haus eine landesübliche und standesgemässe Einrichtung. Dem »Standesgemässen« wird leicht Genüge geleistet. In der vorderen Veranda spielt sich nämlich, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, das Salonleben ab; hier empfängt man die Besuche; sie sind also darnach eingerichtet. Ein runder oder ovaler Tisch mit sechs Schaukelstühlen, Lampe und Blumentöpfen ist die Einrichtung eines kleinen Hauses in einem kleinen Orte; in grösseren Orten, oder wenn man verheirathet ist und einen »jour fixe« hält, ist eine zwei- oder dreimal so grosse Zahl von Stühlen mit einem oder zwei Divans unvermeidlich; sehr oft hängen an der Mauer schöne Gravüren (von Gopil z. B.) oder porzellanene Blumenvasen u. s. w. Auch ich war in der Lage, meinen »Empfangssalon« standesgemäss einzurichten, obwohl die Zahl der Stühle nicht gross zu sein brauchte; denn im Ganzen waren es ja nur fünf Männer und eine Dame, mit welchen ein Verkehr möglich und erlaubt war; wenn jedoch ein Dampfer zu uns kam, da musste schon auf eine doppelte Anzahl gerechnet werden; nun dann nahm ich einfach die Stühle meines Schlafzimmers u. s. w. zu Hülfe.