Die hintere Veranda, in der holländischen Sprache »achtergallery« genannt, ist der Schauplatz des täglichen Familienlebens. In der Ebene und in warmen Gegenden im Allgemeinen ist die hintere Veranda ebenfalls eine offene Halle, und doch besitzt sie die ganze Einrichtung eines Familien- und Speisezimmers. Im Gebirge jedoch ist sie häufig, aber bei Weitem nicht immer, ein grosses Zimmer mit Fenstern, weil in der Morgen- und Abendstunde die Temperatur[17] oft so niedrig ist, dass der Gebrauch in der Haustoilette ein sehr unangenehmes Gefühl der feuchten Kälte mit sich bringt. Hier wird von der Hausfrau und den Kindern der ganze Tag verlebt, von hier aus hat sie Uebersicht über die Küche, über die Bedienten, über den Garten und über die Speisekammer; hier spielen die Kinder auf dem mit Matten bedeckten Boden, oder arbeiten die Schulkinder ihre Hausaufgaben, hier versieht die Hausfrau alle ihre Arbeiten, und hier wird auch gespeist. In einigen Häusern befindet sich über dem Tische die Pongka, d. i. ein grosser Fächer, der mit einem Stricke von einem der Bedienten während der Mahlzeit ununterbrochen in Bewegung gehalten wird. Dieser Fächer wird in Englisch-Indien häufiger gesehen als in Holländisch-Indien. Vor zwanzig Jahren war die Pongka auf Borneo, und selbst auf Java noch ganz unbekannt. Es wird mit ihr nämlich ein Luftstrom erzeugt, welcher besonders Menschen mit Rheumatismus Anfangs lästig ist. Gewöhnt man sich jedoch daran, dann bietet er eine angenehme Abkühlung.

Wie oft wird die malayische Rasse eine diebische genannt! In einer offenen Veranda, welche mitten in einem kleinen Garten steht, der von allen Seiten zugänglich ist, befinden sich nicht allein die grossen Möbelstücke, als Buffet, Tische und Stühle, sondern Gläser, silberne Messer, Gabeln und Löffel, zahlreiche Gemälde und Nippsachen zur Verzierung der Mauern und Tische, und wie selten hört man von einem Diebstahle! In jeder grossen Stadt Europas würde eine solche Veranda nicht eine einzige Nacht von den Langfingern unbehelligt bleiben. Einige Familien lassen zwar in der Veranda eine »Nachtwache« ... schlafen! welche eigentlich nur verhindern soll, dass Räuber, Mörder oder Diebe in die geschlossenen Schlafzimmer eindringen können. Landherren haben jedoch auch »nichtschlafende Wächter«, welche vielleicht einige Dienste leisten.

Wie gross der Unterschied zwischen einer europäischen und einer dajakschen Wohnung sei, möge folgende Schilderung der letzteren, entnommen einem Vortrage, welcher in der geographischen Gesellschaft im Jahre 1885 von mir gehalten wurde, die beste Illustration geben. Ich muss hier jedoch für den Ethnographen bemerken, dass die Beschreibung die eines Hauses ist, welches auf dem Baritu gegenüber der Mündung des Tewehflusses, also gegenüber dem europäischen Fort lag und keine Palissaden hatte. Es sind echte Pfahlbauten (die ich übrigens auch noch im Süden von Java, an der sogenannten Kindersee und auf Sumatra gesehen habe).

Im Süden Borneos, und zwar schon von Buntok aus, bestehen die Kampongs (Dörfer) aus einzelnen Häusern, welche in gewisser Entfernung von einander liegen und darum auch keine gemeinschaftlichen Palissaden haben können; im Norden jedoch, wo die Dajaker in einem steten Kampfe unter einander leben, sind diese Kampongs nicht mehr als ein langes Haus von ungefähr 100 Meter Länge und stehen auf Pfählen von 1½-2 m Höhe. Vor dem Hause stehen hin und wieder einige Ampatong, das sind aus Eisenholz geschnitzte Figuren mit bis auf die Brust hervorragenden Zungen und stark entwickeltem Charakter ihres Geschlechtes, nach welchem sie auch in männliche und weibliche eingetheilt werden. Sie dienen gewissermaassen zur Vogelscheuche, um nämlich die in der Luft herumschweifenden Hantus, bösen Geister, von den lebenden Menschen selbst abzuhalten, und speculiren dabei auf die Sinneslust dieser feindlichen Bewohner der Luft. Die ganze Front des Hauses nimmt ein Vorsaal ein, in dem das öffentliche Leben sich abspielt. Gäste werden hier empfangen, Berathungen gepflogen, bei schlechtem Wetter ihre zahlreichen Feste gefeiert u. s. w. Hier münden auch die Thüren der Wohnungen der einzelnen Familien. In einer solchen Wohnung spielt sich das tägliche Familienleben in allen seinen Phasen im einzigen Raume ab. Auf dem Boden, der aus Latten von der Rinde der Arengpalme besteht, liegen Matten zur Schlafstätte; der reiche Dajaker hat auch einige Polster aus Kapok (indische Pflanzendaunen), manchmal sogar eine Matratze. Im Hintergrunde stehen auf einigen thönernen Herden, Dâpur genannt, die thönernen oder kupfernen Kessel auf Holzfeuern, und der Rauch findet nur schwer durch das kleine Fenster oder durch die Lücken der Matten den Weg nach aussen. Der Gestank der getrockneten todten Fische mischt sich dazu mit den Ausdünstungen der Menschen. Der Kranke oder das kleine Kind können nicht den Weg zum Flusse nehmen (wo der Abort steht), weil nur ein Baumstamm mit Einkerbungen, oder eine Leiter mit dünnen Bambusstäben die Treppe zum Flusse ist. Die Defäcationen geschehen also im Zimmer und zwar über den Löchern in der Flur, und Schweine und Hühner halten zwischen den Pfählen Wache, um den Dienst der Sanitätspolizei zu übernehmen. In den Dächern mengen sich unter das triefende Fischgeräthe, seien es Netze oder Seros, d. h. geflochtene Körbe in allen möglichen Formen, die Schädel der theuern abgestorbenen Familienmitglieder, oder erbeutete Schädel, die in einem Bündel von Flocken aus der Nipapalme eingehüllt sind.

In diesen Häusern werden alle Phasen des persönlichen, des Familien- oder des Gemeindelebens mit 4–8 Tage langen Festen gefeiert, bei denen Venus und Bacchus abwechselnd sich die Hände reichen. Bei Tag wird der Tuwak aus grossen Schalen getrunken, in Chören getanzt beim ohrzerreissenden Schall der Pauken, und der scheidende Tag ladet Jung und Alt, das ganze Dorf zur Orgie; ihre Priester (Bassirs) und Priesterinnen (Bliams) sind Prostituées im strengsten Sinne des Wortes, und wenn sie sich doch einer gewissen grossen Verehrung erfreuen, so wird es Niemand überraschen, der die dualistische Erklärung eines intelligenten Häuptlings vom Standpunkte eines Dajakers hört: »Die Verehrung gilt ja nur ihrem Geiste und nicht ihrem Körper.« Sie sind nämlich Zauberer und beschwören die Geister, welche über die Menschen Krankheiten bringen, sie bannen die Hantu’s, welche dem neugeborenen Kinde Unheil drohen, sie trachten die bösen Vorzeichen, welche einem kriegerischen Unternehmen entgegenstehen, zu beschwören, sie massiren die Kranken und Ermüdeten, wobei oft ein Splitter, kleine Schlangen u. s. w. aus dem Körper geholt werden und — prostituiren sich gegen Bezahlung; die lesbische Liebe und die Sünden Sodoms und Gomorrhas sind alltägliche Sünden, so dass ihre Priester eine zweite Ursache der geringen Bevölkerung von Borneo sind. (Die erste ist, wie wir [Seite 61] sahen, die Kopfjagd.)

Von den dajakschen Kampongs, welche vor ihren Palissaden hohe Stangen mit den Köpfen der getödteten Feinde stehen haben, und von ihren Tätowirungen weiss ich aus Autopsie nichts mitzutheilen. (Von der Religion und Sprache der Dajaker will ich auch nicht sprechen, weil dieses in den Rahmen eines ethnographischen Werkes und nicht in eine Reisebeschreibung gehört, und weil thatsächlich das Material unter meinen Händen wächst, auch wenn ich mich begnüge, das selbst Erlebte und das mit eigenen Augen Gesehene mitzutheilen.)

Zu allen ihren Festen wurde ich von Dajakern eingeladen, weil ich ein dankbarer Gast war; ich brachte nämlich ein oder zwei Flaschen Genevre mit und begnügte mich, ein ganz passiver Zuschauer zu sein. Wenn jedoch der Herr Y. kam, liefen die Mädchen entweder ganz weg oder zogen sich mit ängstlicher Miene in eine Ecke zurück, wie erschreckte Schafe in einen Stall, nicht weil er ihre Keuschheitsgefühle (?) wiederholt beleidigt hatte, sondern weil er Tyrannengelüste als ein Servitut seiner Stellung beschaute, das nicht bezahlt werden dürfe. Das ist ja, wie wir bereits andeuteten, die ärgste Schande für ein dajaksches, ja selbst für ein malayisches Mädchen. Vor mir fürchteten die dajakschen Mädchen sich nicht, weil ich die Rolle des nüchternen Beobachters niemals verliess, und diesem Umstande verdanke ich es auch, dass ich in ihren Glauben und Liturgie, in ihre Gebräuche und Sitten einen Einblick erhielt, wie wenig Andere, obzwar der Controleur X.[18] darin einen wachsenden Einfluss meinerseits sah, der unterdrückt werden musste. Als ich z. B. (vide [Seite 80]) meine Reise nach Telang antreten wollte, musste ich einen Kahn miethen, und zwar den einzigen, der in Buntok zur Verfügung stand, den des Kamponghäuptlings. Zufällig erkundigte ich mich Abends bei ihm, ob der Kahn schon gereinigt sei. Ja, erwiderte dieser, aber der Herr Controleur giebt mir nicht die Erlaubniss, den Kahn zu vermiethen!!

Ein andermal war ich bei einem Feste gewesen, und als ich nach Hause ging, folgte mir ein Dajaker mit einer Schüssel als Gegengeschenk für die zwei Flaschen (3 Liter) Genevre, welche ich gebracht hatte. Der Controleur erfuhr dies durch seinen Bedienten und schickte den Befehl, dem Feste ein Ende zu machen, weil der Controleur in seinem Mittagschläfchen gestört werde. Die Dajaker fühlten diesen Wink mit dem Zaunpfahle, schickten auch dem Controleur eine Schweinskeule und — mochten weiter singen, tanzen und spielen!! Ob solche Geschenke, Slametans (javanisch Sedekah) genannt, auch unter den Dajakern üblich seien, will ich bezweifeln. Bei den Malayen, bei den Javanen u. s. w. ist der Slametan eine Landessitte: Ein eingeborener Feldwebel verheirathet z. B. seine Tochter und möchte gerne die Officiere zum Tanzfeste einladen. Er schickt also an die Frau oder Haushälterin der Officiere eine Schüssel mit einem geschlachteten oder lebenden Huhn, 10–20 Eier, eine Staude Pisang und andere Früchte. Der Anstand erfordert, dass man nicht nur diese Geschenke annimmt, sondern auch sofort ein Gegengeschenk, und zwar in Geld macht. Wenn der Betrag nicht höher ist als der Werth des gesendeten »Slamatans«, dann kann man in Zukunft von solchen Aufmerksamkeiten vielleicht verschont bleiben. Will man jedoch seine besondere Erkenntlichkeit für die Einladung zeigen, dann giebt man ½-1 oder 2 fl. mehr und wird beim Erscheinen des Festes besonders herzlich empfangen.

Dieser malayischen Sitte also wollten die Dajaker folgen, wenn sie mir, wie erwähnt, ein Gegengeschenk brachten, und zwar die Keule eines Wildschweines und einige Früchte.

Wenn sie auch den Tuwak[19] als Volkstrank stark gebrauchen, so ziehen sie doch den Genevre vor, obschon oder vielleicht weil sein Alcohol bedeutend grösser ist. Gewöhnlich hat der Tuwak 3–5% Alcohol und der Genevre 40–50%; ersterer kann dadurch in viel grösseren Mengen getrunken werden als der Genevre; alle Feste der Dajaker dauern 4–6–8 Tage; der Tuwak wird in grossen Töpfen (Blanggas) auf den Festplatz gebracht und von Alt und Jung, von Frau und Mann mit halben Cocosnussschalen aus den Blanggas geschöpft. Sie werden dadurch fröhlich, ausgelassen, aber nur selten betrunken. Eine solche Orgie muss man gesehen haben, um an sie glauben zu können. Es war ein »Todtenfest«, bei welchem ich zum ersten Male eine solche »Ausgelassenheit« der Dajaker sah, welche ein Beamter sittlich entrüstet nicht mit ansehen wollte.